Energie AG stellt sich in turbulenten Zeiten gegen Strom-Freibeuter
Werner Steinecker hat mit der Energie AG ein „wohlgestaltetes Haus“ übernommen. Nun muss er den Energieversorger gegen Billiganbieter positionieren, das Unternehmen soll mit Versorgungssicherheit und Regionalität punkten. Doch auch neue Geschäftsfelder, wie die Vermietung von E-Autos, werden erschlossen.

Tips: Herr Steinecker, Sie sind seit März Generaldirektor. Wie turbulent war die Anfangszeit?
Werner Steinecker: Ich glaube, dass die Zeiten in der Energiewirtschaft immer turbulent sind. Ich habe ein wohlgestaltetes Haus übernommen. Seit 2002 – also die letzten 15 Jahre - habe ich ja schon mitgestalten dürfen, es war also kein Sprung ins kalte Wasser. Dr. Leo Windtner hat ein sehr gutes Unternehmen übergeben. So gesehen ist der Start sehr gut geglückt.
Tips: Sie sind zwar schon lange im Vorstand. Was hat sich aber durch die neue Aufgabe in der Praxis für Sie verändert?
Werner Steinecker: Ich war als Vorstandsmitglied vorher für die Technik zuständig. Was sich im Vergleich jetzt signifikant verändert hat, ist der hohe Außenkontakt zu den Shareholdern, zu den Industriepartnern, zu den Kunden. Die Kundenfront ist mittlerweile Teil der täglichen Aufgabenstellung des Generaldirektors. Außerdem habe ich mehr Termine in Wien beim Verband der E-Werke und auch bei politischen Adressaten, sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Das ist neu dazugekommen und braucht seine Zeit, die aber sicherlich gut investiert ist.
Tips: Was sind die aktuellen Herausforderungen der Energiebranche?
Werner Steinecker: Die Digitalisierung, jede Branche des täglichen Lebens ist davon betroffen. Aber gerade für unsere Branche geht es um höhere Automatisierung, höhere Verfügbarkeit der Anlagen, die ohnedies über 99%-ige Sicherheit der Stromversorgung noch um das letzte Quäntchen an Möglichkeiten zu heben - mit den Mitteln der Digitalisierung. Im Hinblick auf den Vertrieb soll das Produkt Strom und Gas in noch kundenfreundlicher Form mit noch mehr Nutzen an den Endkunden herangebracht werden.
Tips: Was wird in zehn Jahren auf die Branche zukommen?
Werner Steinecker: Wir werden es mit neuen Playern zu tun haben. Ich sage immer, die Amazons dieser Welt warten nur darauf, das Produkt Strom und Gas ebenfalls in ihren Bauchladen aufnehmen zu können. Wir werden dieser Herausforderung begegnen, in dem wir das Thema Versorgungsqualität und –sicherheit sowie Regionalität noch stärker ins Treffen führen. Wir wollen das hochmoderne Unternehmen der Oberösterreicher sein, auf das man sich verlassen kann, in allen Belangen – bei Strom, Gas, Wärme, Telekommunikation, Wasser und Entsorgung.
Tips: Was hebt die Energie AG von anderen ab?
Werner Steinecker: Eine heuer 125-jährige exzellente Kundenbeziehung. Diese langjährige approbierte Beziehung werden wir im Sinne des Kunden und auch im Sinne der Unternehmenspolitik verstärkt in den Vordergrund stellen.
Tips: Wie reagieren Sie auf die immer mehr werdenden Anbieter, die mit extremen Niedrigpreisen Lockangebote legen? Wie sind solche Preisunterschiede überhaupt möglich?
Werner Steinecker: Dieser Preisunterschied ist möglich, in dem Überschussmengen aus deutscher Wind-Erzeugung von Nord- und Ostsee nach Österreich gelangen. Immer wenn eine Überschussproduktion auf den Markt kommt, ist der Preis entsprechend nach unten revidiert. Wir, die wir auch die Kraftwerke im Land betreiben, können bei diesem Preis-Dumping nicht mitmachen. Deshalb klären wir die Kunden auf, dass solche Lockangebote eigentlich Augenauswischerei sind: Im ersten Jahr unterpreisig anzubieten, im zweiten Jahr dann den neun- oder zehnfach höheren Preis verlangen, mit der Überlegung, der Kunde vergisst seinen Vertrag nach einem Jahr zu kündigen, das ist Freibeutertum.
Tips: Vor kurzem ging ein Billiganbieter pleite. Was bedeutet es für die Verbraucher, aber auch für die Branche, wenn solch ein Stromanbieter in Konkurs geht?
Werner Steinecker: Nicht nur die Kunden von Care Energy, dem in Konkurs gegangenen Billigstanbieter, waren maximal verunsichert. Für das Lebensmittel Strom braucht es ja auch Ersatzlieferungen. Darauf weisen wir unsere Kunden hin und ermutigen sie gerade im Bereich Strom, keine Risiken einzugehen.
Tips: Wie betrifft so ein Vorfall den Markt, wie kann in diesem Bereich überhaupt jemand pleitegehen.
Werner Steinecker: Das Geschäftsmodell ist einzigartig. Unter den etwas mehr als 100 Billigstanbietern betreiben von den ersten 50 nur drei bis vier eigene Kraftwerke. Der Rest sind Händler, die Überschussmengen besorgen und mit dem zuvor erwähnten einzigartigen Geschäftsmodell (zuerst billig – dann mehrfach überhöht) verkaufen. Wenn das Modell längere Zeit funktioniert, bleibt der Händler am Markt, sonst geht er in Konkurs. Das sind Startup-Geschäftsmodelle, die durchaus klappen, wenn der Kunde nicht achtsam ist.
Tips: Mit Deutschland zeichnet sich eine mögliche Trennung der gemeinsamen Strompreiszone ab, die Folge wäre eine signifikante Preiserhöhung für Österreich. Was ist der Hintergrund und gibt es eine Lösung?
Werner Steinecker: Die Lösung ist zwischen Österreich und Deutschland mittlerweile ausverhandelt. Die Gefahr war in der Tat, dass es zu einer signifikanten Preiserhöhung infolge der Grenzbewirtschaftung in Flussrichtung Nord nach Süd kommt. Ausgelöst haben es die fehlenden innerdeutschen Hochspannungsleitungen – da geht es um 3.500 Kilometer, die wahrscheinlich nie gebaut werden. Überschüssiger Windstrom aus Norddeutschland sucht sich dadurch über Polen, Tschechien und Österreich den Weg in den süddeutschen Raum. Eine gute Menge dieser sehr billigen, weil stark geförderten norddeutschen Produktion ist auch in Österreich zum Einsatz gekommen. In Österreich hat man davon profitiert, man hat die eigene teure Kraftwerks-Produktion zurückgenommen. Deutschland hat beschlossen, dass es zu einer Einengung dieser N/S-Verbindung kommen muss, weshalb es hier künftig Begrenzungen geben wird. Das wird zu einer Preiserhöhung von durchschnittlich 5 Prozent führen.
Tips: Die Energie AG und Linz AG vermietet auch E-Autos. Wie ist die Nachfrage und wie sehen die Erwartungen aus?
Werner Steinecker: Wir sind überrascht vom breiten Zuspruch unserer Kunden. Es ist ein einzigartiges Geschäftsmodell mit einem umfassenden Paket samt Reifen, Versicherung, Treibstoff (15.000 Km gratis Strom) und das zu einem günstigeren Preis, als wenn man sich unter gleichen Bedingungen einen Golf für 4 Jahre leasen würde. Die hohe Nachfrage auch aus dem gewerblichen industriellen Bereich zeigt uns wir haben auf das richtige Pferd gesetzt.
Tips: Die Linz AG will ihre Anteile an der Energie AG verkaufen, auf der anderen Seite arbeitet man bei der Vertriebsfirma Enamo zusammen, wie passt das?
Werner Steinecker: Dieses immer wieder zitierte Zurückgeben der 10,3 Prozent, die die Linz AG an der Energie AG hält, an das Land OÖ als Mehrheitseigentümer ist ein Eigentümerthema. Das wird vom Management der Energie AG nicht kommentiert, da sind wir nur Zaungast. In der Enamo arbeiten wir zusammen, hier planen wir gerade die nächste Qualitätsentwicklung um bald in einer Art Relaunch mit Enamo neu auf den Markt zu kommen - mit signifikanten Vorteilen für den Kunden.


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