Mit der Zahl der Pflegebedürftigen steigt auch der Bedarf an qualifizierten Pflegekräften
LINZ. Derzeit gibt es rund 86.000 Pflegebedürftige in Oberösterreich (Linz: 12.390). Bis zum Jahr 2040 wird sich diese Zahl auf über 125.000 Pflegebedürftige erhöhen (Linz: 15.870). Das entspricht einer Zunahme von mehr als 45 Prozent (Linz: 28,09 Prozent). Damit steigt auch der Bedarf an qualifizierten Pflegekräften.

Mit der 2019 gestarteten Pflegeoffensive konnte die Anzahl der Ausbildungsplätze für Pflegeberufe nahezu verdoppelt werden. Mit diesen Plätzen und einer Flexibilisierung der Ausbildungen ist es gelungen, 650 Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen. Das ist um ein Drittel mehr, als im Jahr zuvor.
„Ein Großteil der Menschen, die in der Pflege arbeiten, sind Berufsumsteiger. Für diese Gruppe konnten wir durchsetzen, dass das Fachkräftestipendium wieder eingeführt wird, um eine Existenzsicherung während der Ausbildungszeit zu garantieren. Zusätzliche Anreize, wie die Möglichkeit, sich bereits während der Ausbildung anstellen zu lassen, haben ebenso dazu beigetragen, mehr Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern. Rund 800 Personen müssen jährlich eine Ausbildung beginnen, um die künftigen Bedarfe zu decken. Wir haben eine deutliche Verbesserung erreicht, sind aber noch nicht dort, wo wir sein möchten. Deshalb werden wir ich mich auch heuer intensiv dem Pflegethema annehmen. Neben einem guten Ausbildungsangebot sind Verbesserungen der Arbeitsbedingungen ebenso dringend notwendig wie eine bessere Bezahlung ganz oben auf der Prioritätenliste stehen muss“, betont Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer.
Bis zum Jahr 2025 werden aufgrund der Demographie, anstehender Pensionierungen sowie Berufsausstiege in Oberösterreich 1.600 zusätzliche Personaleinheiten (Vollzeitäquivalente) für den mobilen als auch den stationären Bereich benötigt. „Der Pflegeberuf ist ein sinnstifternder Beruf mit Zukunft, mit Entwicklungsmöglichkeiten und mit Abwechslung. Er bietet eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie und ist krisensicher mit einem Arbeitsplatz in der Region“, so Gerstorfer.
44 Kurse bieten vielfältige Ausbildungsmöglichkeiten
Das Sozialressort des Landes wird auch heuer eine große Anzahl an kostenlosen Ausbildungsplätze für Altenbetreuungsberufe zur Verfügung stellen. Besonderes Augenmerk liegt auf flexiblen Ausbildungsangeboten. Es gibt Möglichkeiten, sich bereits während der Ausbildung anstellen zu lassen, verkürzte Kompakt-Ausbildungen und heuer erstmals Teilzeit-Ausbildungen für Menschen mit familiären Betreuungspflichten. Familie und Ausbildung soll so leichter vereinbart werden können. Der in Oberösterreich angebotene Lehrgang „Junge Pflege“ ermöglicht jungen Interessierten, in den Pflegeberuf einzusteigen. Dieses Erfolgsmodell wird ebenfalls weitergeführt.
Mit insgesamt 44 Ausbildungslehrgängen im Jahr 2020 könnten bei einer Maximalbelegung von jeweils 30 Personen theoretisch mehr als 1.300 Personen ausgebildet werden. Realistisch liegt die durchschnittliche Belegung bei rund 20 Personen. Bei regionalen Notwendigkeiten sind zusätzliche Kurse in Absprache mit den Sozialhilfeverbänden möglich.
Lehrgang „Junge Pflege“
Der Lehrgang „Junge Pflege“ ist österreichweit einzigartig und ermöglicht den sanften Einstieg in den Pflegeberuf vor dem 17. Lebensjahr. Mit dem Lehrgang ist es möglich, direkt nach der Pflichtschule eine Ausbildung mit einem Abschluss als Fach-Sozialbetreuer für Altenarbeit (FSB“A“) zu beginnen. Der gesamte Lehrgang dauert drei Jahre und beinhaltet 2.660 Stunden Theorie im Blocksystem und 1.200 Praxisstunden an jeweils fünf Schultagen pro Woche. Im ersten Ausbildungsjahr liegt der Fokus auf Theorie und Persönlichkeitsentwicklung. Die Ausbildung ist kostenlos und speziell auf die Bedürfnisse und den Reifegrad der jungen Teilnehmer zugeschnitten. Die Teilnehmer schließen die Ausbildung mit 19 Jahren ab und sind unmittelbar danach befähigt, als FSB“A“ tätig zu werden. Durch die Festlegung des Abschlussalters ist sichergestellt, dass die Absolventen nicht vor dem 17. Lebensjahr am Pflegebett arbeiten.
Der Pilot-Lehrgang wurde im September 2018 an der Altenbetreuungsschule Linz gestartet. Nach dem erfolgreichen Start, sind im vergangenen Herbst zwei weitere in Ried und Linz angelaufen. Im September startet der nächste Lehrgang im Bezirk Schärding. Ein weiterer voraussichtlich in Linz.
Von einer Pflegelehre hält Gerstorfer wenig. 15-Jährige seien in ihrer Persönlichkeitsentwicklung noch nicht reif genug, um täglich mit schwer kranken, dementen oder sterbenden Menschen konfrontiert zu sein. Die Arbeit am Pflegebett sollte daher keinesfalls vor dem 17. Lebensjahr beginnen. Auch in der Schweiz steigt die Mehrzahl der Lehrlinge erst im Alter von 16 Jahren oder auf dem zweiten Bildungsweg in die Ausbildung ein. Zudem gibt es ein EU-weites Übereinkommen, dass die Arbeit am Menschen in Gesundheitsberufen erst im Alter von 17 Jahren beginnen soll. Eine Lehrlingsausbildung für Pflegeberufe wird in keinem einzigen Mitgliedsstaat angeboten.
Die Bemühungen des neuen Sozialministers, einen Schulversuch für Pflege ab dem heurigen September zu starten, begrüßt Gerstorfer. 120 bis 150 Jugendliche sollen dabei bundesweit für die Pflege gewonnen werden. Allerdings, „150 Jugendliche, die frühestens im Jahr 2025 die Ausbildung abschließen, sind ein Tropfen auf dem heißen Stein“, so die Sozial-Landesrätin. Außerdem sei zu befürchten, dass viele nach der Matura nicht in den Pflegeberuf gehen, sondern ein universitäres Studium fortführen.
Notwendige Reformen in der Pflege
Anfang 2019 hat die damalige Bundesregierung verkündet, mit dem „Masterplan Pflege“ die notwendige Reform des Pflegesystems anzugehen. Ziel war es, Ende 2019 ein fertiges Konzept samt zugehöriger Gesetze zu haben. Seither sei wertvolle Zeit verstrichen. „Es braucht endlich eine klare Linie des Bundes, was die Finanzierung der Pflege angeht. Zudem muss in den Ausbau von Tagesbetreuungsangeboten und Mobiler Dienste investiert werden, um eine echte Entlastung für pflegende Angehörige zu erreichen. Was helfen finanzielle Zuwendungen wie ein Pflegebonus, wenn ich dafür keine echte Entlastung bekomme? Es sind immer noch die Pflegekräfte die pflegen und nicht das Geld“, sagt Birgit Gerstorfer.
Attraktivere Arbeitsbedingungen und bessere Entlohnung
Egal, ob die Pflege zu Hause erfolgt oder in Pflegeeinrichtungen – es braucht qualifiziertes Pflegepersonal. „Es ist höchste Zeit, Berufe in der Altenpflege und -betreuung attraktiver zu machen. Menschen, die in diesem anspruchsvollen Tätigkeitsbereich arbeiten und mit hohem Einsatz ausüben, verdienen unsere Wertschätzung und Anerkennung. Vor allem auch eine angemessene Bezahlung und die Verbesserung der oft schwierigen Arbeitsbedingungen. Ich hoffe, dass die laufenden Gehaltsverhandlungen zu guten Ergebnissen führen. Wir dürfen nicht übersehen, dass die Arbeit als Pflege- und Betreuungskraft nicht nur körperlich, sondern auch psychisch sehr anstrengend ist. Deshalb gehört zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen auch die seelische Betreuung, damit diese besser mit den Belastungen zurechtkommen. Wir müssen auf die Gesundheit der Pflegekräfte schauen, damit sie nicht vorzeitig aus dem Beruf ausscheiden“, ist sich Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer sicher.


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