„Ganz Europa schaut auf uns, ob die nächste Phase funktioniert“
OÖ/WIEN. Im Interview mit Tips freut sich Gesundheitsminister Rudi Anschober über eine gelungene erste Etappe im Kampf gegen das Coronavirus, stellt aber auch klar: „Die zweite Phase wird deutlich schwieriger.“

Tips:Erst am Karfreitag konnten Sie eine doch sehr positive Entwicklung der Covid-19-Infektionszahlen präsentieren. Haben die Österreicher den Ernst der Lage früh genug erkannt?
Rudi Anschober: Die erste Etappe haben wir gut geschafft, ich bin froh, dass die getroffenen Maßnahmen von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen werden. Unser Ziel in der ersten Phase war es, die Neuerkrankungen zu reduzieren, damit wir nicht, wie in Italien oder Spanien, über die Kapazitäten der Spitäler hinausschießen oder auch Menschen mit herkömmlichen Erkrankungen nicht mehr behandelt werden können. Das ist uns bisher gelungen. Wenn wir ohne diese Maßnahmen seit Anfang März weitergemacht hätten, hätten wir bereits zwei Millionen Infektionen im Land. Jetzt kommt die zweite Phase – und die wird deutlich schwieriger.
Tips:Sie sprechen die Öffnung mancher Bereiche nach Ostern an. Kann dadurch auch das Infektions-Risiko wieder steigen?
Anschober: Wir werden deshalb bewusst klein beginnen mit strengen Auflagen, also bei Geschäften mit bis zu 400 Quadratmetern und einer Begrenzung auf eine Person pro 20 Quadratmeter, dazu auch etwa das Tragen von Masken. Eine Steigerung der Kurve in dieser Phase ist denkbar, aber mich stimmen hier die Stichproben-Tests unter 400 Supermarktkassierern, von denen kein einziger positiv war, oder auch die guten Testergebnisse bei Mitarbeitern in den Spitälern als Bestätigung unserer Arbeit und dieser Entscheidung.
Tips:Für die nächste Phase nach Ostern gibt es keine Blaupause, Österreich ist europaweit Vorreiter.
Anschober: Richtig, wir sind die Ersten, die es so machen, auch mit der schrittweisen Öffnung. Ganz Europa schaut auf uns, ob die nächste Phase funktioniert. Die Deutschen etwa haben Ähnliches ab Mai vor. Aber wir werden uns diese Entwicklung jeden Tag genau ansehen und mit Tests detailliert überprüfen.
Tips:Wenn in Zukunft gezielte Behandlungen oder auch Impfungen möglich sein werden: Wird es dann eine Impfpflicht für Grippe und Covid-19 geben?
Anschober: Ich bin kein Freund eines Impfzwanges, aber wenn man sich ansieht, dass wir heuer auch 210.000 Grippefälle hatten und der vorhandene Impfstoff von nur neun Prozent der Bevölkerung angewendet wurde, ist das schon etwas lasch. Wir werden künftig hier sicher verstärkt informieren. Ich glaube aber auch, dass Corona sehr viele aufgerüttelt hat in dieser Hinsicht.
„Ich würde mir viel mehr Europa wünschen in so einer Akutkrise“
Tips:Zuletzt gab es auf EU-Ebene eine Einigung in Sachen Hilfsgelder, dennoch wird die Rolle der Europäischen Union in der Corona-Krise kritisiert. Wie sieht das aus Ihrer Sicht aus?
Anschober: Ganz ehrlich: Ich würde mir viel mehr Europa wünschen in so einer Akutkrise. Die EU hat im Gesundheitsbereich keine direkten Befugnisse, aber wo sonst, wenn in Krisenfällen wie diesem, sollte die EU stark eingreifen? Ich sehe für die Zukunft auch weitere nötige Konsequenzen, wie etwa die Produktion von Medizingütern oder Medikamenten wieder verstärkt nach Europa zu holen, um nicht zu sehr von Ländern wie China abhängig zu sein.
Tips:Wer Ihre Vorgeschichte kennt, weiß, dass entlang Ihres Weges in Oberösterreich bereits ein Burn Out und dessen Bewältigung lagen. Gibt es aus dieser Zeit auch positive Dinge oder Mechanismen, die Sie gerade in solchen Tagen abrufen können?
Anschober: Innerlich muss man lernen, auch in solchen Tagen einmal innezuhalten und dabei zu wissen, was man dafür braucht. Mir tut es gut, wenn ich einmal heimfahren kann am Wochenende. Ich gehe auch in Wien täglich im Morgengrauen mit dem Hund raus. Aber wir gehen gerade ziemlich an unsere Grenzen, das muss man sagen. Auch weil dieses Virus Neuland für uns alle ist, wir es ja erst seit wenigen Monaten kennen.
TIPS:Haben Sie abschließend noch eine Nachricht, die Sie den Lesern der Tips speziell übermitteln wollen?
Anschober: Die erste Etappe hat funktioniert, danke dafür auch den Tips-Lesern in Oberösterreich und Niederösterreich, dass Sie dabei so großartig mitgemacht haben. Jetzt beginnt für uns alle der steilste Weg, wir dürfen es weiter nicht leicht nehmen, aber auch dabei sicher nicht Mut und Hoffnung verlieren und vor allem weiter auch solidarisch bleiben.


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