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MÜNZKIRCHEN/SUDAN. Menschen, egal ob jung oder alt, liegen Kathrin Baumgartner am Herzen. Die Münzkirchner Kinderärztin arbeitet für eine deutsche Hilfsoranisation im Sudan. Im Tips-Interview erzählt sie von den Herausforderungen ihrer Arbeit, von Bürgerkrieg, Infektionskrankheiten, dem Schicksal vieler Nuba und was sie mit ihrer Heimat Münzkirchen verbindet.

Die Münzkirchnerin Kathrin Baumgartner arbeitet als Ärztin im Sudan.
  1 / 2   Die Münzkirchnerin Kathrin Baumgartner arbeitet als Ärztin im Sudan.

Tips: Können Sie kurz ihren beruflichen Werdegang schildern?

Kathrin Baumgartner: Nach dem Medizinstudium in Innsbruck ging es für meine Facharztausbildung zur Kinderärztin nach Essen in Nordrhein Westfahlen. Dort konnte ich an einer großen universitären Kinderklinik das gesamte Spektrum der Kinderheilkunde kennenlernen. Nach der Facharztprüfung habe ich an der Kinderklinik in Essen eine Spezialisierung zur Kindernephrologin begonnen, diese aber nach einem Jahr für meinen Entwicklungshilfeeinsatz unterbrochen.

Tips: Seit wann arbeiten Sie für Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V.?

Baumgartner: Seit Dezember 2016. Bereits während meines Medizinstudiums, nach Auslandspraktika in Indien und Ägypten, stand für mich fest, dass ich irgendwann mal für eine Entwicklungshilfeorganisation arbeiten möchte. Regelmäßig habe ich Fortbildungen zum Thema Entwicklungshilfe und Tropenmedizin besucht, dort hatte ich Gelegenheit mich mit Projekterfahrenen auszutauschen. Nach Abschluss meiner Facharztausbildung habe ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Projekt und der geeigneten Organisation gemacht. Die familiäre und lockere Atmosphäre bei Cap Anamur hat mich sofort angesprochen. Das Projekt in den Nuba-Bergen, die abgeschiedene Lage und die Möglichkeit ein Projekt von der Basis her kennenzulernen, haben mich sofort angesprochen.

Tips: Wie muss man sich die Arbeit in den Nuba-Bergen vorstellen?

Baumgartner: Weltweit findet man wahrscheinlich kaum eine so abgeschiedene Region wie die Nuba-Berge. Die Menschen leben hier ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Seit etwa zehn Jahren gibt es Wasserpumpen, aber nicht überall. Es gibt kaum Tranportmittel. Die Nuba kämpfen seit mehr als 20 Jahren als Rebellen für Unabhängigkeit und Gerechtigkeit. Der Präsident des Sudan unterdrückt die Bewohner und untersagt jegliche Unterstützung von außen. Dies bedeutet, dass kaum Nicht-Regierungs-Organisationen vor Ort sind, am medizinischen Sektor gibt es genau zwei Hilfsorganisationen. Cap Anamur leistet seit nun 20 Jahren medizinische Hilfe in den Nuba-Bergen. Wir betreiben hier ein Krankenhaus mit etwa 70 Betten mit angeschlossener ambulanter Versorgung. Weiters unterstützen wir ein weiteres Krankenhaus direkt an der Frontlinie und fünf kleinere Gesundheitsposten mit Medikamenten und einfachem medizinischem Equipment. Durch die Hilfe von Cap Anamur haben jeden Monat 25.000 Menschen Zugang zu medizinischer Hilfe.

Tips: Welche Aufgabe haben Sie im Krankenhaus?

Baumgartner: Meine Aufgabe ist die medizinische Leitung des Krankenhauses. Neben der täglichen Visite, stehen die Ausbildung des Personals und organisatorische Aufgaben auf meinem Tagesplan. Ich bin nicht mehr „nur“ Kinderärztin, sondern kümmere mich auch um Schwangere und Erwachsene mit unterschiedlichsten internistischen oder chirurgischen Problemen. Das ist sehr herausfordernd, aber man erweitert seinen Horizont und das macht mir großen Spaß.

Tips: Wie groß ist der Unterschied zu europäischen Krankenhäusern?

Baumgartner: Immens. Mir fehlen eine Vielzahl an diagnostischen und therapeutischen Mitteln. Daher ist es oft schwer bzw. unmöglich eine korrekte Diagnose zu stellen oder die erforderliche Therapie einzuleiten. Dies ist sicherlich der schwerste Teil meiner Arbeit hier, zu akzeptieren, dass ich Menschen nicht helfen kann, die bei uns eine gute Chance hätten zu überleben.

Tips: Welche Herausforderungen bringt diese Arbeit mit sich?

Baumgartner: Man braucht viel Geduld, Flexibilität, Gelassenheit, Vertrauen und Ausdauer. Die Arbeit ist nie zu Ende und es gibt immer etwas zu tun. Freiräume muss man sich aktiv schaffen um notwendige Energie zu sammeln.

Tips: Mit welchen Leiden kommen die Menschen zu Ihnen?

Baumgartner: Die meisten Menschen kommen mit Infektionserkrankungen zu uns, z.B. Malaria, Lungenentzündungen, Durchfallerkrankungen; aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen sehen wir auch viele Hautinfektionen und infizierte Wunden. Die Menschen leben hauptsächlich von dem was sie selbst anbauen. Die letzte Ernte fiel sehr schlecht aus und die nächste Ernte steht noch aus. Die Vorräte sind fast aufgebraucht. So sehen wir gerade jetzt kurz vor der Erntezeit viele schwer unterernährte Kinder, mangelernährt sind fast alle. Da es kaum Transportmöglichkeiten gibt und die Wegstrecke zum Krankenhaus manchmal mehr als einen Tagesmarsch erfordern, kommen viele Patienten erst spät zu uns. Leider ist dann manchmal jede Hilfe zu spät. Vor allem Menschen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, Kinder und alte Menschen, sind oft vernachlässigt, kommen in schlechtem hygienischem Zustand und mit fortgeschrittenen Erkrankungen zu uns.

Tips: Welchen Gefahren sind Sie persönlich ausgesetzt?

Baumgartner: Einerseits einer Vielzahl an Infektionserkrankungen gegen die man sich nicht alle schützen kann, eine sorgfältige Einhaltung von hygienischen Maßnahmen ist sehr wichtig. Andererseits befinden wir uns mitten in einem von Rebellen besetzten Gebiet, in dem Bürgerkrieg herrscht. Erfreulicherweise herrscht seit fast einem Jahr Waffenstillstand, aber das kann sich jederzeit ändern. Dies bedeutet jederzeit engen Austausch mit den lokalen Behörden, um rechtszeitig Sicherheitsmaßnahmen treffen zu können.

Tips: Gibt es eine Geschichte oder einen Patienten, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Baumgartner: Das ist schwer, da ich beinahe jeden Tag, bei jeder Visite von tragischen und unglaublichen Geschichten höre. Ich könnte tausende erzählen. Eines Tages kam Fatna zu uns. Anfang 20 und schwanger im neunten Monat. Sie war bereits mehrere Tage in den Wehen. Aufgrund eines zu engen Beckens konnte sie ihr erstes Kind nicht auf natürlichem Wege zur Welt bringen. Fatna kam aus einer sehr entlegenen Region, Autos kommen dort hin selten. So musste sie auf einem Holzbett zu uns getragen werden. Leider war nicht nur das Kind bereits im Mutterleib verstorben, sondern der Tod des Fötus hat eine Infektion hervorgerufen, die sich fast auf den ganzen Bauchraum ausgebreitet hat. Um das Kind aus dem Mutterleib zu entfernen, mussten wir einen Kaiserschnitt durchführen und leider auch die infizierte Gebärmutter entnehmen. Wochenlang haben wir um das Leben der Frau gekämpft. Sie hat es geschafft. Wenn eine Frau hier dem Mann keine Kinder schenken kann, ist das sehr oft ein großes Problem. Meist wird die Frau verstoßen. Fatna hatte Glück und einen sehr liebevollen Ehemann. Ich hoffe sehr, das ist bis heute so geblieben.

Tips: Wie würden Sie die Nuba charakterisieren?

Baumgartner: Sehr freundliche und hilfsbereite Menschen. Leider behindert sie der Krieg, die Unterdrückung und der mangelnde Zugang zu Bildung erheblich an der Entwicklung.

Tips: Sie sind gebürtige Münzkirchnerin: Was verbinden Sie mit Ihrem Heimatort?

Baumgartner: Viele schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Es ist ein Ort wo die Familie zusammenkommt, ein Ort des Rückzugs und der Geborgenheit. Obwohl ich gerne und viel auf Reisen bin, freue ich mich immer wieder auf die Rückkehr nach Hause.

Tips: Was bedeutet Heimat für Sie?

Baumgartner: Heimat ist für mich ein Ort der Geborgenheit. Ich bin sehr stolz auf meine Heimat und unglaublich dankbar, dass ich in einem Land aufgewachsen bin, in dem Frieden herrscht und es freien Zugang zu Bildung gibt. Uns geht es unglaublich gut in Österreich.

Steckbrief

Name: Kathrin Baumgartner

Geboren: 26.11.1983

Beruf: Kinderärztin

Hobbies: Reisen

Ziele: Ich habe keinen starren Lebensplan, die meisten Dinge in meinem Leben passieren per Zufall. Mein Hauptziel ist ein glückliches, gesundes und zufriedenes Leben zu führen mit lieben Menschen um mich.


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