Herausforderung Pflege der Zukunft: Oberösterreich setzt auch auf „Sorgende Gemeinschaften“
OÖ/BEZIRK FREISTADT/BEZIRK LINZ-LAND. Der große Wunsch, zuhause alt werden zu können, Angehörige entlasten und Einsamkeit verhindern: Mit sogenannten „Sorgenden Gemeinschaften“ will Oberösterreich neue Wege in Betreuung und Begleitung gehen. Gemeinden, Ehrenamtliche und professionelle Dienste sollen dabei enger vernetzt werden. Best Practice-Beispiele gibt es schon im Bezirk Freistadt und in Kirchberg-Thening.

Wie kann Betreuung im Alter künftig funktionieren, wenn gleichzeitig immer mehr Menschen Unterstützung brauchen? Oberösterreich setzt dabei verstärkt auf lokale Netzwerke: Unter dem Begriff „Sorgende Gemeinschaften“ sollen Gemeinden, Nachbarschaften, Vereine, Pfarren und professionelle Dienste enger zusammenarbeiten, damit ältere Menschen möglichst lange selbstbestimmt zuhause leben können.
„Brauchen auch koordiniertes Ehrenamt“
„Die Herausforderungen sind bekannt: Es wird mehr Ältere geben, die Familienstrukturen ändern sich, der Wunsch, zu Hause alt zu werden, ist groß“, so Dörfel. „Ziel ist es, Pflege in guter Qualität auch in Zukunft sicherzustellen, wohnortnah, für den einzelnen leistbar, für die Allgemeinheit finanzierbar. Das erreichen wir durch die Unterstützung pflegender Angehöriger, den Ausbau der mobilen Dienste und Heime, wir brauchen aber auch ein koordiniertes Ehrenamt und die Mitwirkung der älteren Generation. Neue Herausforderungen brauchen neue Wege“, so Sozial-Landesrat Christian Dörfel (ÖVP).
Teil der „Betreuungsarchitektur 2040“
Die „Sorgenden Gemeinschaften“, sind Teil der OÖ Pflegestrategie 2040 des Landes OÖ, eine gesamthafte Strategie um die künftigen Herausforderungen gut bewältigen zu können. Im Rahmen dieser wurde der langfristig angelegte Entwicklungsprozess „Betreuungsarchitektur 2040“ gestartet. Eines der zehn Handlungsfelder sind die „Sorgenden Gemeinschaften.“
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Von der sozialen Teilhabe bis zur Begleitung im Alltag
Der Begriff „Sorgende Gemeinschaft“ meint ehrenamtliche Unterstützungsangebote zur Erleichterung des Alltags und zur Verbesserung der sozialen Teilhabe. Aktivitätsfelder sind die Gemeinschaft (Angebote wie Stammtische, gemeinsame Mittagstische oder Buchsdienste, niederschwellige Unterstützung für die Alltagsbewältigung (wie Einkaufsdienste, Unterstützung bei digitalen Anwendungen), Unterstützung bei der Mobilität (Fahrdienste, Mitfahrangebote oder Begleitungen etwa bei Arztterminen oder für Besorgungen), Nachbarschaftshilfe, soziale Betreuung in Wohnprojekten, die Unterstützung pflegender Angehöriger (durch Gesprächsangebote, Besuchsdienste,..), Bewegungsangebote, Gedächtnistrainings oder Sturzprävention für Gesundheit, Bewegung und Prävention sowie Information und Orientierungshilfen etwa zu Pflege- und Betreuungsangeboten.
„Es geht um Hilfsbereitschaft, ganz niederschwellig, keine Konkurrenz zu den Profis, die es natürlich braucht“, so Dörfel. „Ehrenamtliche werden nie Profis ersetzen, es geht darum, den Alltag zu erleichtern.“
„Kümmerer“ vor Ort
Zahlreiche solcher Angebote gibt es natürlich bereits in ganz Oberösterreich. Es gehe allerdings jetzt darum, diese besser zu vernetzen. Besonders wichtig sind koordinierende Ansprechpersonen vor Ort – „Kümmerer“ als zentrale Drehscheibe. Sie sollen Freiwillige, Vereine und professionelle Dienste miteinander verbinden und dafür sorgen, dass Hilfsangebote tatsächlich bei den Menschen ankommen.
Best Practice: Freistadt baut bezirksweites Netzwerk auf
Wie solche Modelle in der Praxis aussehen können, zeigt etwa der Bezirk Freistadt. Dort entsteht mit „WAlter – Wirknetz Alter Freistadt“ aktuell ein Netzwerk für alle 27 Gemeinden des Bezirks. Ziel ist es, freiwilliges Engagement und Nachbarschaftshilfe gezielt auszubauen und auch schon bestehende Angebote im Bezirk besser zu koordinieren. Auch digitale Begleitung und Beratung sind Teil des Projekts.
„‘WAlter‘ ist ein großes Herzensprojekt, mittlerweile sind alle 27 Gemeinden im Bezirk dabei“, so Bezirkshauptfrau Andrea Wildberger. „Mit ‚WAlter‘ haben wir das Projekt bewusst männlich besetzt, damit auch Männer mitmachen, sich für das Thema interessieren.“ Wichtig sei es, Begeisterung auf breiter Ebene zu schaffen. Aktuell würden in den 27 Gemeinden „Pioniere“ fit gemacht, analysiert, welche Angebote es bereits gibt, diese in Folge zusammengebracht. So werde ein Netzwerk geschaffen, noch fehlende Angebote künftig ermöglicht. „Unsere Hoffnung: Bei ‚WAlter‘ ein paar tausend Menschen im Bezirk dabei zu haben, die sich zumindest ein paar Stunden im Monat ehrenamtlich beteiligen und unterstützen. ‚WAlter‘ ist das niedrigste Eintrittstor, um sozial wirksam zu werden.“
„KUM“ in Kirchberg-Thening
Ein weiteres Beispiel kommt aus Kirchberg-Thening im Bezirk Linz-Land. Dort wurde im Rahmen eines „Agenda.Zukunft“-Prozesses ein ehrenamtlicher Besuchsdienst aufgebaut, um Einsamkeit im Alter entgegenzuwirken. Organisiert wird das Angebot von der Gemeinde und dem Roten Kreuz. Auch einen Fahrdienst mit 16 Freiwilligen und ein Begegnungscafé gibt es bereits.
„Die Pflegearchitektur ist wie ein Puzzle. Die Gemeinde hat 2023 mit dem Bau des Puzzles begonnen. ‚KUM – Kümmern fürs Miteinander‘ entwickelt sich weiter. Schulungsprogramme für Ehrenamtliche wurden entwickelt, aktuell sind elf Generationenbegleiterinnen zertifiziert. Ende 2024 ist mit den ersten Besuchsdiensten gestartet worden, der Kaffee-Nachmittag wurde weiterentwickelt zum ‚KUM-Kaffe‘, die Idee wurde entwickelt, ein leerstehendes Gebäude als Kaffee dafür zu nutzen. Jetzt wurde auch ein Fahrdienst gestartet, 16 freiwillige Fahrer sind schon dabei“, erzählt Bürgermeister Peter Michael Breitenauer. „Es braucht Begeisterung, Kümmerer, Mitwirkende, fachliche Begleitung, richtige Partner, Zusammenhalt und positive Stimmung.“
„AltNa(h)Und im Hansbergland“
Mehrere Gemeinden in der Region Hansbergland im Bezirk Rohrbach haben sich auch zum Beispiel zusammengeschlossen und bieten ein gemeindeübergreifendes Tagesbetreuungsangebot für Senioren in der adaptierten Volksschule in St. Johann am Wimberg an, organisiert gemeinsam von Fachkräften und Ehrenamtlichen. Dabei wird auch bewusst generationenübergreifende Begegnung gefördert.
Starthilfe durch Regionalmanagement OÖ
Ziel für 2026 sind 30 solche oder ähnliche Initiativen in ländlichen Regionen, so Dörfel. Dazu würden jetzt die Gemeinden informiert, damit diese einmelden, ob die Bereitschaft bestehe, eine „Sorgende Gemeinschaft“ zu bilden.
Begleitet werden die Gemeinden bei der Erarbeitung und zum Start vom Regionalmanagement OÖ, finanziert vom Sozialressort des Landes OÖ. Gemeinden können ihre Projekte dabei individuell gestalten und an regionale Besonderheiten anpassen, auch individuell benennen. Das Regionalmanagement unterstützt auch bei der Bedarfserhebung. Möglich seien auch gemeindeübergreifende Projekte.
Dienen als Vorbilder
Zusätzlich ist eine offizielle Auszeichnung für „Sorgende Gemeinschaften“ geplant. Damit sollen erfolgreiche Projekte von Gemeinden und Initiativen sichtbar gemacht werden – und auch als Vorbilder für andere Gemeinden dienen.
„Es geht darum voneiander zu lernen“, so Dörfel. Für ihn ist auch klar: „Sorgende Gemeinschaften entstehen nicht über Nacht, es ist ein lernendes System, das aus der Praxis heraus neue Wege aufzeigt.“
Pensionistenverband OÖ skeptisch
Skeptisch zeigt man sich beim Pensionistenverband OÖ: „Natürlich begrüßen wir jede konkrete Initiative, die älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben zuhause erleichtert“, so Landespräsident Norbert Höpoltseder. Es könne nicht funktionieren, immer mehr Pflege- und Betreuungsaufgaben in den häuslichen Bereich und auf Freiwillige abzuschieben, wird befürchtet.


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