Streetwork: Die Pandemie verstärkt auch die Probleme von Jugendlichen [Teil 1]
RIED. Das durch Corona „verlorene“ Jahr mag für Erwachsene eines von 40, 50 oder 60 sein. Für viele Jugendliche ist es aber ein großer Teil ihres bewussten Lebens, noch dazu in einer besonders wichtigen Phase. Zu den psychischen Herausforderungen kommen oft noch ganz konkrete Probleme. Viele fühlen sich eingesperrt, wollen ihr Leben zurück.

Zu den Auswirkungen der Pandemie auf das Leben vieler junger Leute in Ried führte Tips ein längeres Gespräch mit der Rieder Streetworkerin Kerstin Hofstätter. Sie hat es in ihrem Beruf vor allem mit Jugendlichen zu tun, die auch in normalen Zeiten nicht zu den Privilegierten zählen.
Tips: Wie hat sich die Arbeit von Streetwork durch die Pandemie geändert? Der „aufsuchende“ Teil der Streetwork-Arbeit fällt ja gerade weitestgehend aus.
Hofstätter: Wir sind da, auf öffentlichen Plätzen, Straßen und in unserem Büro, und suchen das Gespräch. Die Einzelfallhilfe hat sich verdoppelt, Krisen und psychische Instabilität machen sich vermehrt bemerkbar. Wir Streetworker sind seit März extrem gefordert.
Die Pandemie ist für uns alle fordernd. Der Wegfall von vorgegeben Strukturen (Schule, Lehre, Job) macht manch jungen Menschen ohnmächtig, halt- und perspektivenlos.
Mir ist besonders wichtig, dass wir Streetworker auf die seelische Widerstandskraft der jungen Menschen achten – und natürlich auch auf unsere eigene!
Probleme in und mit der Familie
Tips: Gab es durch den Lockdown mehr familiäre Probleme?
Hofstätter: Oh ja! Da, wo wenig Platz vorhanden ist, wo Bedürfnisse und Wünsche nicht erfüllt werden können.
Wenn junge Menschen daheim keine Rückzugsorte (Zimmer) haben, keine Intimsphäre möglich ist, dann wird's meist stressig innerhalb der Familie. Und das ist gefährlich! Für junge Menschen, die in beengten Wohnverhältnissen leben und Familie nicht immer als sicheren Ort erleben, ist der öffentliche Raum ein wesentlicher Erholungs- und Rückzugsort.
Arbeit
Tips: Sind Kurzarbeit oder Entlassungen ein großes Thema?
Hofstätter: Junge Menschen, die von Entlassungen und Kurzarbeit betroffen sind, wenden sich meist verzweifelt an uns. Weil sie keine finanziellen „Vorräte“ haben, sind die Sorge bezüglich Wohnungsverlust/-Erhalt, aber auch Jobsuche und Umschulung/Ausbildung starke Themen. Manche fühlen sie sich stigmatisiert: „Ich bin ja eh nur ein Hilfsarbeiter, angelernter Arbeiter... War ja klar, dass ich gehen musste.“
Für manche kam die Kurzarbeit und somit die Entschleunigung des Alltags aber auch ganz recht, weil der Druck zu groß war. Stopp, innehalten, Ruhe und Auszeit – das war auch für manche recht angenehm und wichtig.
Hinter allen Kategorien, den beobachtbaren Verhaltensweisen und den damit verbundenen Zuschreibungen stecken aber Geschichten, Bedürfnisse, Sorgen und Wünsche, die erzählt werden wollen.
Ausgangsbeschränkungen
Tips: Gab es in Ried für Jugendliche Strafen wegen der Ausgangsbeschränkungen?
Hofstätter: Wir sind von jungen Menschen mit Corona-Strafen überrollt worden. Viele wollten darüber reden und sich informieren, was sie dagegen tun können. Wir unterstützen sie, sodass sie ihre Rechte wahrnehmen können (zum Beispiel Einsprüche schreiben). Wir sehen uns wesentlich in der Vermittlerrolle und können auf eine wirklich gute und langjährige Vernetzung mit Behörden zurückgreifen. Das hilft ungemein und macht sich jetzt bezahlt.
Schule
Tips: Wie wirken sich Home Schooling und Distance Learning auf sozial schwächere Jugendliche aus?
Hofstätter: Unterschiedlich. Manche Jugendliche riefen uns öfter an, dass wir sie bitte motivieren „am Ball zu bleiben“, bei anderen fehlte zunächst schlicht das Equipment, um gezielt lernen zu können. Hier spürten wir Scham und Überforderung. Manch einer fühlte sich enorm gestresst, sich alles an Material zu besorgen um gleichauf mit den anderen Schülern zu sein. In Einzelgesprächen zeigte sich eine Bandbreite der Gefühle: von Angst, Sorge, Hilflosigkeit, aber auch Wut, Ärger und Verzweiflung war alles dabei.
Terroranschag von Wien
Tips: Ist der Terroranschlag von Wien ein Thema bei den Jugendlichen und bei Streetwork?
Hofstätter: Der Terroranschlag ist ein Thema in der Jugendarbeit und sollte es auch sein. Wir haben für die Sorgen und Gedanken von jungen Menschen Plattformen zu schaffen. Zum einen ist hier wichtig, Platz, Zeit und Raum für Kommunikation zu geben. Darüber reden hilft. Weiters ist es wichtig, Orte der Begegnung zu schaffen. Wir können dies gerade nicht in unseren Räumlichkeiten leisten – dann suchen wir uns eben andere öffentliche oder digitale Räume.
Es geht darum, sich zu positionieren, zu reflektieren und andere Gedanken und Meinungen zuzulassen. Uns geht es um differenzierte Sichtweisen, um das Aufzeigen von Fake News und darum, jungen Menschen eine Position anzubieten. Wenn, so wie bei uns Streetworkern, stabile Beziehungen zu den jungen Menschen gegeben sind, dann kann ich viel thematisieren. Das wichtigste ist, Themen oder Unsicherheiten und all ihre Belange anzusprechen zu können, ernst zu nehmen und für sie da zu sein.
Alle jungen Menschen, mit denen wir sprechen, haben sich stark von dem Terroranschlag in Wien distanziert. Junge Menschen mit Migrationshintergrund zeigten sich verärgert und teils ohnmächtig. Sie sagen: „Das macht das Leben für uns hier nicht leichter. Wir sind nicht so…“
Ich denke, wir alle sind Betroffene. Deshalb vermeiden wir Dialoge im „wir“ und „ihr“, denn das teilt nur. Wir wollen das Gemeinsame fördern. Ebenso machen wir aus der Situation kein Thema von Integration und den „Anderen“ – wir wollen nicht, dass sich hier junge Menschen verteidigen müssen, sondern, dass wir mit „ich“-Botschaften und vertrauten Gesprächen darüber reden können.
Wir fragen: „Was hilft in solchen Situationen Dir?“ Das heißt, wir suchen gemeinsam Ressourcen, nach ähnlichen Situationen, was einem schon mal geholfen hat. Die Jugendlichen sollen sich gegenseitig unterstützen.
Keine Parallelgesellschaften
Tips: Beobachten Sie, dass sich in Ried „Parallelgesellschaften“ bilden?
Hofstätter: Ich mag das Wort Parallelgesellschaft nicht, denn es bedeutet meines Erachtens: zwei Gesellschaftssysteme, völlig getrennt, parallel, nebeneinander, ohne Berührung. Das gibt es nicht in Ried. Was nicht heißt, dass wir uns nicht zu einem sozialen, demokratischen Miteinander bekennen und weiterhin Angebote annehmen und schaffen sollten, wo Integration, Teilhabe und ein gutes Miteinander möglich ist. Wir Streetworker laden dazu ein, sind offen und erfreuen uns an jungen Lebenswelten unterschiedlicher Kultur und Herkunft.


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