Rieder Psychologin hat einen Tipp, wenn sich Kinder beim Lesen, Schreiben oder Rechnen schwertun
RIED. Für viele Volksschüler hat mit dem Schulanfang vor vier Wochen ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Lesen, Schreiben und Rechnen stehen nun täglich auf dem Programm. Doch nicht jedem Kind fällt das gleich leicht. Schwierigkeiten müssen dabei nichts mit mangelnder Intelligenz oder Fleiß zu tun haben. Eine Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche kann dahinterstecken.

Die klinische Psychologin Ingrid Ecker hat seit rund 30 Jahren eine Kassenpraxis in Ried im Bereich der psychologischen Diagnostik. Sie erlebt immer wieder, wie belastend schulische Schwierigkeiten für Kinder und Familien werden können.
„Ich stelle in meiner Praxis immer wieder fest, dass Eltern und Lehrer über die Ursachen von Lernschwierigkeiten bei offenkundig intelligenten Kindern oft nur wenig informiert sind“, sagt Ecker. Besonders problematisch sei, wenn Kinder aufgrund ihrer Schwierigkeiten als faul oder unmotiviert wahrgenommen würden.
Intelligenz schützt nicht vor Teilleistungsschwächen
„Manche Kinder haben Probleme, flüssig lesen zu lernen, bei anderen bereitet die Sinnerfassung Schwierigkeiten. Es kann aber auch eine isolierte Rechtschreibschwäche vorliegen“, erklärt die Psychologin. Ebenso können Schwierigkeiten in mehreren Bereichen gleichzeitig auftreten. Eine Lese- oder Rechtschreibschwäche kann beispielsweise gemeinsam mit einer Rechenschwäche bestehen – bei völlig normaler Intelligenz.Für eine fundierte Beurteilung ist daher eine fachgerechte psychologische Diagnostik wichtig. Sie soll zeigen, in welchen Bereichen tatsächlich Schwierigkeiten bestehen und welche Unterstützung für das jeweilige Kind sinnvoll ist.
Wenn Wörter nicht abgespeichert werden
Ecker beschreibt eine wesentliche Schwierigkeit vieler betroffener Kinder damit, dass sich Wörter oder Zahlen nicht ausreichend visuell einprägen. Auch Fehler beim Abschreiben von der Tafel können damit zusammenhängen. „Das Kind schaut zur Tafel, kann sich das Wort aber nicht ausreichend einprägen und schreibt es anschließend falsch ab“, erklärt Ecker. Für Außenstehende kann das wie Unachtsamkeit wirken, obwohl die Ursache eine ganz andere ist.Für Eltern ist zunächst wichtig zu verstehen, dass ausgeprägte Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwierigkeiten nichts über die Intelligenz eines Kindes aussagen. Auch Schuldzuweisungen gegenüber Eltern, Lehrern oder Kindern helfen nicht weiter.Im Zuge einer diagnostischen Abklärung können individuelle Fördermöglichkeiten besprochen werden. Ecker warnt jedoch davor, Kinder zusätzlich zu einem ohnehin anstrengenden Schultag mit stundenlangem Üben zu belasten. „Kinder sollen für ihre Schwierigkeiten nicht auch noch bestraft werden.“
Hörbücher bei einer Leseschwäche
Bei einer Leseschwäche können beispielsweise Hörbücher eine wertvolle Ergänzung sein. Viele betroffene Kinder vermeiden das Lesen, weil es für sie anstrengend ist. Geschichten und Sachtexte über Hörbücher ermöglichen ihnen dennoch, Wortschatz, Sprachgefühl, Wissen und Ausdrucksfähigkeit weiterzuentwickeln.Bei Rechenschwierigkeiten empfiehlt Ecker, zentrale Grundlagen regelmäßig zu festigen. Besonders das Einmaleins sollte über einen längeren Zeitraum immer wieder mündlich wiederholt werden. Hilfreich könne es sein, Sprache, Rhythmus und Bewegung miteinander zu verbinden.„Man kann das Einmaleins sprechen oder vertont anhören und dazu tanzen, hüpfen oder springen“, sagt Ecker. Manche Kinder speichern solche Inhalte stärker über das akustische Gedächtnis.
Hausaufgaben dürfen nicht zum täglichen Kampf werden
Gerade Kinder mit Teilleistungsschwächen benötigen für dieselbe Aufgabe häufig deutlich länger als ihre Mitschüler. Dadurch können Hausübungen zu einer enormen Belastung für die gesamte Familie werden.
Ecker plädiert deshalb dafür, Überforderung frühzeitig mit den Lehrkräften zu besprechen. Als Orientierung werden für Volksschulkinder häufig überschaubare Hausaufgabenzeiten genannt.
Wird eine angemessene Arbeitszeit deutlich überschritten und ist das Kind erschöpft, sollten Eltern das Gespräch mit der Schule suchen. „Kinder mit Teilleistungsschwächen brauchen oft einfach mehr Zeit, um Aufgaben zu lösen. Weniger Aufgaben können dann wesentlich sinnvoller sein als eine permanente Überforderung“, betont Ecker.Nach mehreren Stunden Unterricht braucht ein Kind außerdem Bewegung, Erholung und soziale Kontakte. Auch Musik, Sport und andere Interessen seien wichtige Bestandteile der Entwicklung und dürften nicht einem endlosen Nachmittag voller Schulaufgaben zum Opfer fallen.
Für Ecker steht deshalb vor allem eines im Mittelpunkt: Schwierigkeiten müssen erkannt und ernst genommen werden, ohne das Kind darauf zu reduzieren. Eine fundierte Diagnostik, passende Förderung und ein verständnisvoller Umgang können dazu beitragen, dass aus schulischen Schwierigkeiten kein dauerhaftes Gefühl des Versagens entsteht.








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