Eine Hand voll Wiesenpower
ROHRBACH-BERG. Ein Löwenzahnblatt, ein wenig Giersch, ein paar Gänseblümchen – mehr braucht es nicht, um dem Körper nach dem Winter eine Portion Frühlingskraft zu spendieren. Tanja Huttegger, diplomierte Kräuterpädagogin aus Märzing bei Rohrbach, ist überzeugt, dass Gesundheit aus der Natur weder kompliziert noch zeitaufwändig sein muss, denn alles, was wir brauchen, wächst buchstäblich vor der Haustüre.

von unserer freien Redakteurin CHRISTIANE SEUFFERLEIN
„Es ist so einfach, die Heil- und Vitalkraft der Natur zu nutzen, wir müssen es schlicht tun“, ist Huttegger überzeugt. Dafür braucht es keine ausgedehnten Kräuterexpeditionen oder große Umwege, denn schon die unscheinbarsten „Un“kräuter aus dem heimischen Garten verbergen ungeahnte Potenziale. „Gerade jetzt, bevor die Wiesenkräuter zu blühen anfangen, haben sie ihre vollen Inhaltsstoffe und es reicht schon eine kleine Handvoll über dem Salat oder in der Gemüsesuppe für mehr Geschmack, viel Vitamin C und wichtige Bitterstoffe. Man braucht auch keine eingefleischte Kräuterhexe sein. Die wichtigsten Vertreter kennen bestimmt fast alle“, erläutert die Expertin.
Gierschpetersilie und Gänseblümchennascherei
Der Giersch oder Erdholler, bei vielen Gartenmenschen gefürchtetes Unkraut, kann als geschmackvolle Petersilienalternative zum Nulltarif dienen und kommt im Hause Huttegger in fast jedes Frühlingsgericht. Eine wahre Vitamin-C-Bombe sind die Blätter des Scharbockskrauts. Sie wurden von den Seefahrern als Mittel gegen Skorbut auf langen Seereisen gekaut. Hier sollte man jedoch darauf achten, sie nur vor der gelben Blüte zu ernten. Genauso wertvoll ist die Vogelmiere, auch „Hühnerdarm“ genannt. Die saftigen Blättchen schmecken leicht nach jungem Mais, haben viel Chlorophyll, das für die Zellstruktur wichtig ist, und viel Vitamin C.
Bitter ist gesund
Eine besondere Schwäche hat die Märzingerin für die bitteren jungen Löwenzahnblättchen: „Bitterstoffe regen Leber und Galle an und beides muss gut arbeiten, damit wir im Frühling in Schwung kommen und die oft bleierne Müdigkeit vergeht. Leider wurden unseren normalen Gemüsesorten alle Bitterstoffe weggezüchtet. Aber auch hier reicht ganz wenig, um sich selbst viel Gutes zu tun. Ein Löwenzahnblatt, ganz fein geschnitten in einer ganzen Schüssel Salat ist ausreichend und wird auch von Kindern nicht verschmäht.“ Das Kinderkraut schlechthin ist das Gänseblümchen. Die Blütenköpfchen können von ungedüngten Wiesen direkt geknabbert werden, sind appetitanregend und versorgen die Kleinen mit Mineralstoffen. Als Salbe hilft es gegen kindliche Hautprobleme und über dem Salat schaut es einfach toll aus.
Mit der Brennnessel durchs ganze Jahr
„Durchs ganze Jahr kann uns die Brennnessel begleiten, darum ist sie fast meine Lieblingspflanze. Die jungen rötlichen Triebe geben jetzt im Frühling einen wunderbaren Spinat, die Samen im Sommer sind Eiweißbomben und kommen bei uns übers Müsli oder in die Suppe. Im Winter kann die Wurzel für Haarwasser angesetzt werden. Wunderbar, oder?“, schmunzelt Huttegger.
Damit sich alle Inhaltsstoffe voll entfalten können, ist die frische Verarbeitung aller Kräuter wichtig. Am besten nascht man die Pflanzen direkt von der Wiese oder streut sie gehackt über den Salat. Wenn sie mitgekocht werden, erst ganz am Schluss dazugeben.
Viel Wissen verloren
Dass gerade in den ohnehin bekannten Kräutern so viel Gutes steckt, hat Tanja Huttegger schon als Kind von der Oma gelernt. Aufgewachsen auf einem Bauernsacherl war es für die heute 51-Jährige ganz normal, sich aus Wiese, Feld und Garten selbst zu versorgen. „Leider ist nach dem Zweiten Weltkrieg ganz viel traditionelles Wissen rund um Kräuter und Ernährung verloren gegangen. Damit wir uns ein Stück Autonomie erhalten können, ist es mir so wichtig, einfach umzusetzende Anleitungen zu haben.“ Auf Kräuterwanderungen, bei Vorträgen oder beim Rohrbacher Ferienprogramm gibt Huttegger ihr Wissen weiter. Außerdem entstehen in ihrer Kräuterküche Tees, Tinkturen und Salben, die ausschließlich mit regionalen Zutaten verrührt werden und die man unter www.tanjas-kräuterei.at online kaufen kann.
„Es ist nicht egal, was wir essen. Vor allem hochverarbeitete Nahrungsmittel, hochgezüchtete Gemüsesorten und die vielen Farb- und Zusatzstoffe in Fertigprodukten führen immer häufiger zu gesundheitlichen Problemen. Da ist weniger schlicht mehr. Und das Mehr können wir uns so einfach aus der Natur holen“, sagt die Kräuterpädagogin.


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