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SCHWARZENAU. Integration - und wie kann diese gelingen? Auch zwei Jahre nach der großen Flüchtlingswelle ist das in vielen Regionen noch immer die große Frage. In Schwarzenau hat man einen tollen Zugang gefunden: Dort packen Flüchtlinge für das Gemeinwohl an, übernehmen Sanierungs- und Renovierungsarbeiten in und rund um Schwarzenau. Ein Arbeitsprojekt, das zuvor mit Langzeitarbeitslosen aus der Region gescheitert ist.

Die Helfermannschaft auf dem Weg zum sanierten Pavillon
  1 / 4   Die Helfermannschaft auf dem Weg zum sanierten Pavillon

Mit „Grias di“ und „Servus“ begrüßten die irakischen und afghanischen Familien den Schwarzenauer Bürgermeister Karl Elsigan (VP) auf das Herzlichste. Sie scheinen den Gemeindechef sichtlich zu mögen, viele wollen ein Foto mit ihm machen. Heute wird der frisch gestrichene Pavillon im Thaya-Au-Park begutachtet. Initiatorin Christine Weissenberg fährt mit Rad und Anhänger, in dem sich sämtliches Werkzeug und handwerkliches Material befindet, voraus. Gemeinsam mit ihrer Schwester Elisabeth Wappelshammer hat sie das Arbeitsprojekt ins Leben gerufen.

Denn das Leben der fünf irakischen und afghanischen Familien in der Gemeinde ist meist sehr eintönig, die Arbeiten außer Haus werden vermisst. Tagein, tagaus auf den Brief von Traiskirchen zu warten, drückt auf die Stimmung. Als Christine Weissenberg vor ein paar Monaten erfuhr, dass die Arbeitsbestimmungen, was Flüchtlinge betrifft, gelockert wurden, setzte sie sich sofort mit Bürgermeister Elsigan in Verbindung. „Zu tun gäbe es genug“, meinte dieser. Gesagt, getan.

Bereits vieles geschafft

Im Mai 2017 startete das Arbeitsprojekt, Materialien und Einweisung gab es seitens der Gemeinde und den Bauhofmitarbeitern. An drei Halbtagen in der Woche wurde seitdem so einiges geschafft. So hat der Trupp von rund zwölf Leuten das Schwarzenauer Fenstermuseum restauriert. Die 23 Kastenfenster, die in der Gemeinde verstreut zu finden sind, zeigen aktuell Informationen über Dänemark im Rahmen der laufenden Initiative „Europa in Schwarzenau“. Der besagte Pavillon im Park wurde gestrichen, ein weiterer steht nun zur Sanierung an, ein Geländer in Großhaselbach wurde überarbeitet, ein weiteres in Ganz.

„Sie helfen mit großer Freude mit“, betont Elisabeth Wappelshammer, auch waren bei jedem Termin bis dato genügend Leute da, betont ihre Schwester. Die große Herausforderung liegt allerdings in der Organisation des Transports aller, hier bedarf es der Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern. Aber auch das habe bislang gut funktioniert.

Projekt mit „eigenen“ Leuten scheiterte

Bürgermeister Elsigan zeigt sich jedenfalls froh über den beherzten Einsatz. „Sie sind sichtbar in der Öffentlichkeit tätig, die Leute merken das. Das hilft der Gemeinde und dem Gemeinwohl. Denn die Flüchtlinge hier wollen Leistung erbringen, das spürt man auch“, spricht Elsigan die Win-Win Situation für alle Beteiligten an. Er versuchte bereits seit längerem Langzeitarbeitslose aus der Region für Sanierungsmaßnahmen in der Gemeinde zu gewinnen, jedoch ohne Erfolg. Zwar wären einige zum Dienst erschienen, um dann aber kurz darauf wieder in den Krankenstand zu gehen. Dabei hätten sie - über den Verein Jugend und Arbeit angestellt - volles Gehalt bekommen. „Das war ihnen offenbar zu wenig.“, so Elsigan enttäuscht, der weiter meint: „Wenn jemand vom Staat unterstützt wird, dann wäre es meiner Meinung nach seine moralische Verpflichtung, dem Staat etwas zurückzugeben.“

Nachdem die besagten „eigenen Leute offensichtlich nicht arbeiten wollen“, sei er nun froh, dass die Gruppe Flüchtlinge mitanpackt. Diese wurden gesetzeskonform angemeldet, beziehen dafür jedoch kein Gehalt.

Tut der Integration gut

Die Stimmung in Schwarzenau wird, was Flüchtlinge betrifft, sehr unterschiedlich wahrgenommen. Besonders die anfängliche Skepsis war groß. Damit einher geht ein Phänomen, dass immer wieder zu beobachten ist: „Die meisten Leute, die sie näher kennenlernen, sind ihnen sehr zugetan“, meint Elisabeth. So würden sich mittlerweile einige Nachbarn schon ganz bewusst Informationssendungen rund um die Herkunftsländer der Flüchtlinge ansehen. Kritische Äußerungen weichen da und dort der Hoffnung auf einen Verbleib. Das Projekt wirke sich positiv auf die Stimmung und die Integration in der Gemeinde aus, ist Elsigan überzeugt.

Und in der Tat. Während den Tätigkeiten ergeben sich immer wieder mal zufällige Kontakte mit Schwarzenauern. Die Gelegenheit wird genutzt, um ein paar Worte zu wechseln, manche bringen Getränke, wirken sogar mit oder geben Tipps für weitere sanierungsbedürftige Maßnahmen in der Gemeinde. Und die Flüchtlinge freuen sich über den Kontakt zu den Einheimischen, über den Kulturaustausch. Und den genießen auch die beiden Schwestern Christine und Elisabeth. „Natürlich kommen sie mit ihrem Sozialisationshintergrund nach Österreich, aber sie sind uns gegenüber sehr aufgeschlossen“, so Christine.

Welten prallen aufeinander

Das Projekt ermöglicht einen Einblick in die oft grundverschiedenen Welten, die hier aufeinanderprallen. Einige der Familien werden in ihren Herkunftsländern - aufgrund ihrer religiösen Gesinnung (Sunniten oder Schiiten) - mit dem Tod bedroht, ganz speziell, wenn Ehepaare gemischt religiös sind. Man erfährt von Ehrenmorden, Blutrache, von Foltermethoden und den vielen radikalen und grausamen Milizen, die es außerhalb des oftmals zitierten Islamischen Staates noch gibt. Von entführten Familienmitgliedern und getöteten Angehörigen - und von einer Welt, die uns kaum vorstellbar ist. Man erfährt aber auch von einem ganz normalen Alltag mit Arbeit, Ausbildung, Geburtstagsfeiern und Urlaubsfahrten, bevor Krieg und Terror begannen.

Kulturunterschiede

Neben den vielfach schrecklichen Erlebnissen in der Heimat wird auf das Lachen nicht vergessen. In den Arbeitspausen wird getanzt, gescherzt, nicht zuletzt über die Kulturunterschiede. So unterhalten sich Menschen aus arabischen Ländern naturgemäß lauter als Europäer. Was für diese wiederum den Eindruck erweckt, es gäbe heftigen Streit. „Nein, nein, kein Streit nur reden. Für uns sind Europäer manchmal zu leise, sodass wir denken - mein Gott, leben sie noch, atmen sie noch?“, lachen die freiwilligen Gemeindearbeiter.

Christine Weissenberg, durfte im Zuge ihrer Tätigkeit als Ärztin, unter anderem in Kairo, viel über die unterschiedlichen Kulturkreise lernen. „Ich musste dort immer wieder improvisieren, das Unberechenbare, das Leben auf Morgen, das habe ich dort gelernt.“ Mit der arabischen Kultur verbindet sie weiters Herzlichkeit, Ruhe und Gelassenheit. Letztere bringe uns wiederum - ob der oft fehlenden Verbindlichkeit - um den Verstand. Ebenso wie die gelebte Tag-Nacht-Umkehr. Unter dem Strich bleibe aber folgendes Fazit: „Es sind auch Menschen, wie wir. Ganz normale Leute, mit Stärken und Schwächen, Vorlieben und Abwehren“, betonen Christine und Elisabeth. So finden sich wie überall - wenn man so will - „Heilige“, als auch „schwarze Schafe“.

„Erst ansehen und dann Meinung bilden“

„Man hört ja so viel. Aber ich bin der Ansicht, man sollte mal Erfahrung sammeln, sich Dinge ansehen, bevor man sich eine Meinung bildet“, so Bürgermeister Elsigan. Viele kommende Projekte rund um einen Kinderspielplatz, Mäharbeiten oder eine Baumpflanzaktion würden ihm noch einfallen.

Das hängt aber nicht zuletzt davon ab, ob die Flüchtlinge bleiben dürfen, denn all jene haben noch keinen positiven Bescheid. Täglich warten die Familien auf den Brief aus Traiskirchen. Gemeinsam hofft und bangt man. So ganz „normal“ ist der Arbeitsalltag also auch nicht, aber das Projekt ist eine willkommene Abwechslung. Und auch heute werden Christine und Elisabeth - wie so oft in den vergangenen Tagen - mit süßem Gebäck versorgt, denn auch Kochen und Backen beruhigt und lenkt ab.


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