Steyrer Familie war NS-Gräueln hilflos ausgeliefert

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Angelika Hollnbuchner Tips Redaktion Angelika Hollnbuchner, 26.01.2022 14:00 Uhr

STEYR. Am 27. Jänner wird weltweit der Holocaust-Opfer gedacht. Waltraud Neuhauser-Pfeiffer berichtet vom Schicksal der Familie Garde in Steyr.

Einige Tage nach dem „Anschluss“ im März 1938 ist Walter Garde noch Oberstufenschüler im Steyrer Realgymnasium. Vor seiner Bank hat ein Mitschüler ein Plakat befestigt: „Hier sitzt ein Jud!“. Die Professoren reagieren ganz unterschiedlich darauf – einer verlegen, ein anderer höhnisch grinsend. Erst der Klassenvorstand fordert in der vierten Stunde die Schüler zum Entfernen des Plakates auf. Damals ist Franz Karl Stanzel fünfzehn Jahre alt und Mitschüler von Walter Garde. Bis heute ist es dem emeritierten Grazer Universitätsprofessor (98) unbegreiflich, warum unter den Mitschülern nicht über den Vorfall diskutiert wurde und die bald darauf folgende Abwesenheit des jüdischen Mitschülers kommentarlos zur Kenntnis genommen wurde. Dabei war Walter Garde ein begabter und beliebter Schüler, der laut Stanzel gerne mit anderen seine Jausenbrote teilte.

Leben in Steyr

Walters Eltern Jakob und Marie Garde betrieben eine Krämerei und ein Damenkonfektionsgeschäft im zweiten Stock des Hauses Enge Gasse 18, wo die fünfköpfige Familie auch wohnte. Das Geschäft war besonders bei der bäuerlichen Bevölkerung beliebt. Zudem war Marie Garde als Modistin in der Ölberggasse 3 tätig. Das aus dem polnischen Krakau stammende Ehepaar hatte um 1918 das Modegeschäft von Adele Sachs erworben, aufgebaut und renoviert. Seit Beginn der 1920er Jahre führte die Israelitische Kultusgemeinde Steyr Jakob Garde als Mitglied. Um 1937 traten die Gardes zum katholischen Glauben über.

Mit Parolen beschmiert

Im Sommer 1938 kam es zu Übergriffen auf jüdische Geschäfte. Franz Karl Stanzel erinnert sich, dass auch das Geschäft der Gardes mit Parolen wie „Kauft nicht beim Juden“ beschmiert wurde. Jakob Garde wurde im Juni und Juli 1938 mit anderen jüdischen Bürgern verhaftet. Das Ehepaar musste sein gesamtes Eigentum an die NS-Behörden melden und detaillierte Listen mit seinem Hab und Gut erstellen. Jakob und Marie Garde ersuchten im August 1938 die Gauleitung „Oberdonau“ um Freigabe von 1.000 Reichsmark aus ihrem Vermögen, da sie über kein Geld mehr verfügten. Sie sollten das Land noch im August 1938 verlassen, übersiedelten nach Wien, dann nach Krakau. Ein kommissarischer Verwalter wurde bestellt, der mit der Liquidierung des Geschäftes beauftragt war. Er ließ das Vermögen bewerten, lagernde Konfektionsware und den restlichen Warenbestand abverkaufen. Ende 1943 zog das Deutsche Reich das Restvermögen von Familie Garde ein.

Vernichtungslager

In Krakau, wohin die Familie emigrierte, mussten alle jüdischen Bewohner 1941 in ein südliches Viertel übersiedeln. Mit Mauer und Stacheldraht abgeriegelt und von der SS streng bewacht, waren 15.000 Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht, ehe das Lager im März 1943 endgültig liquidiert wurde. Arbeitsfähige Juden wurden ins Konzentrationslager überstellt. Alte, Schwache und Kinder kamen ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Jakob Garde und die Kinder Hugo, Walter und Renée sollen bei „Ghettoräumungsaktionen“ ermordet worden sein. Das Schicksal von Marie Garde ist noch Gegenstand von Recherchen.

Gedenken und Erinnern

Heute erinnert eine Gedenktafel am BRG Steyr an Walter Garde, seine Geschwister Hugo, René und sechs weitere ermordete Schüler der Schule. Auch am jüdischen Friedhof sind die Namen der Familie Garde auf einer Gedenktafel zu finden. Sie wurde wie viele andere fast zur Gänze im Holocaust ausgelöscht. Die NS-Diktatur hatte Antisemitismus und Rassenwahn zum Programm gemacht. Sechs Millionen Juden und Jüdinnen und viele andere von der NS-Ideologie Gebrandmarkte wie Roma und Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderung und Regimegegner wurden verfolgt, deportiert und ermordet.

Unwürdige Instrumentalisierung

„Wenn sich heute Impfgegner so verfolgt fühlen, dass sie sich bei Demonstrationen auf Plakaten mit Opfern in der NS-Diktatur vergleichen und sich mancherorts den gelben Davidstern der Nazis auf die Brust heften, so ist das nicht nur unerträglich und verstörend, sondern sie verkennen die historischen Tatsachen und sind sich der Tragweite ihres Handelns nicht bewusst“, so Historikerin Waltraud Neuhauser-Pfeiffer. Ein Gebot der Stunde sei es, gegen diesen Missbrauch aufzutreten. „Diese Instrumentalisierung von Menschen, die unter der NS-Diktatur verfolgt und ermordet wurden, ist ihrer in höchstem Maße unwürdig.“

Weiterführende Literatur: Neuhauser-Pfeiffer, Waltraud: „Dazugehörig? Jüdisches Leben in Steyr von den Anfängen bis in die Gegenwart“ (Steyr, Verlag Ennsthaler 2021)

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