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STEYR. In der Geburtsurkunde von Yolande Rouchetel Pioger ist Steyr als Geburtsort angegeben. Die Französin begab sich gemeinsam mit ihrer Tochter auf Spurensuche.

Yolande Rouchetel Pioger und ihre Tochter Anne-Laure im Stollen der Erinnerung. (Foto: Verein MAW)
  1 / 3   Yolande Rouchetel Pioger und ihre Tochter Anne-Laure im Stollen der Erinnerung. (Foto: Verein MAW)

Dass sie als Kleinkind adoptiert wurde, wusste Yolande Rouchetel Pioger. Erst anlässlich ihrer Eheschließung in den 1970er-Jahren erfuhr sie, dass sie nicht in Frankreich geboren wurde. Andrée Couchard Rouchetel, die leibliche Mutter von Yolande, kam am 29. Mai 1942 aus Le Mans im besetzten Frankreich nach Steyr. Vor Ort musste sie für den Rüstungskonzern Steyr-Daimler-Puch AG als Fräserin in der Waffenproduktion arbeiten und Zwangsarbeit leisten. Sie überlebte den Luftangriff vom Februar 1944, bei dem mehrere Bomben auch das Lager Dunklhof trafen, in dem sie sich zu diesem Zeitpunkt befand. Mehr als 20 Franzosen sind als Opfer dieses Luftangriffes heute noch am Friedhof der Stadt Steyr begraben. Danach war sie im Frauenlager 81 in Münichholz, sowie in einem Lager im Stadtteil Ennsleite, untergebracht. Befreit wurde sie durch die Ankunft von US-Truppen am 5. Mai 1945. Am 6. Juni 1945 kehrte sie nach Frankreich zurück. Mit dabei ihre in Steyr geborene Tochter Yolande.  

Von der Mutter getrennt

Yolande Rouchetel kam am 17. Jänner 1945 im Krankenhaus Steyr auf die Welt, wurde von der Mutter getrennt und ins Lager 80 in Münichholz gebracht, wo vor allem Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion untergebracht waren. „Warum sie als Säugling ins Lager 80 kam und von der Mutter getrennt wurde, können wir nur spekulieren. Quellen zeigen, dass in den Monaten vor Kriegsende dort einige Kleinkinder untergebracht waren. Es ist möglich, dass es dort einen eigenen Bereich zur Versorgung von Säuglingen von Zwangsarbeiterinnen gab, während die Mütter weiterhin in den Fabriken arbeiten mussten. Wir wissen leider auch, dass nicht alle Kinder diese Zeit im Lager überlebten. Aktuell ist Frau Rouchetel die einzige bekannte noch lebende Überlebende dieses Lagers“, sagt Martin Hagmayr, Historiker im Museum Arbeitswelt und Mitglied des Mauthausen Komitees Steyr. 

Antworten in Steyr

Gemeinsam mit Martin Hagmayr begaben sich Yolande Rouchetel Pioger und ihre Tochter Anne-Laure auf Spurensuche in Steyr. Sie haben den Stollen der Erinnerung besichtigt, in dem auch das Schicksal von Paulette Callandreau geschildert wird, die im selben Lager wie die Mutter von Yolande war. Im Gegensatz zu Andrée Couchard Rouchetel hat Paulette Callandreau nicht überlebt. Darüber hinaus besuchten die beiden Französinnen noch das Steyrer Krankenhaus und die Standorte der ehemaligen Lager in Steyr.  Die Orte, in denen die Mutter und auch die Tochter in Steyr untergebracht waren, existieren heute nicht mehr. „Statt dem Lager 80 befindet sich heute eine Schrebergartensiedlung. Statt dem Lager 81 befinden sich heute Industriebetriebe“, so Hagmayr. 

Emotionaler Besuch

Für Yolande Rouchetel Pioger und ihre Tochter war es ein aufschlussreicher, vor allem aber emotionaler Besuch. Viele Fragen konnten beantwortet werden. Genauso viele Fragen bleiben offen: „Wer ist mein Großvater? Warum hat meine Großmutter bereits ein Jahr nach ihrer Rückkehr nach Frankreich ihre Tochter so rasch zur Adoption freigegeben? Wir besitzen nicht einmal eine Fotografie von ihr. Unsere Spurensuche hat gerade erst begonnen“, sagt Tochter Anne-Laure. 

 


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