Wo Kulturen aufeinandertreffen, entsteht in Steyr ein Lernort
STEYR. In der Gegend rund um den Steyrer Bahnhof gibt es Barber-Shops und Kebab-Lokale. Und schon bald einen besonderen Lernort, der jüdisches Leben sichtbar macht.

Die 1892 gegründete jüdische Gemeinde Steyr war einst groß, erstreckte sich auch über die Bezirke Steyr-Land und Kirchdorf. Der Zweite Weltkrieg und die Verfolgung durch die Nazis zerstörte alles.
Im April 1946 wurde die Synagoge in der Bahnhofstraße in Steyr wieder eingeweiht – einzigartig außerhalb Wiens. 1949 musste sie allerdings wieder geschlossen werden.
Warum gibt es heute keine jüdische Gemeinde mehr in Steyr?
Unter anderem dieser Frage widmet sich der neue Lernort Synagoge Steyr, dessen Eröffnung für Anfang 2027 geplant ist.
Die dauerhafte Ausstellung erzählt erstmals umfassend die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Steyr und Oberösterreich in ihrer Vielfalt vor 1938 über den Zivilisationsbruch der nationalsozialistischen Verfolgung bis hin zu Überleben, Neubeginn und Abschied nach 1945.
Berührende Geschichten
Zehn Geschichten von jüdischen Familien, sowohl aus der Zeit vor 1938, aber auch aus der Zeit nach 1945, zeigen die Vielfalt jüdischer Lebenswelten: unterschiedliche Berufe, religiöse Zugänge, politische Haltungen, Alter und Geschlecht.
Die Geschichten von Jugendlichen stehen im Vordergrund, um der Hauptzielgruppe von Schülern Anknüpfungsmöglichkeiten zu geben.
Der Lernort will in Zeiten von steigendem Antisemitismus eine Lücke füllen, wo es heute nur wenige Möglichkeiten gibt mit dem Judentum in Oberösterreich in Kontakt zu treten.
Entwickelt, realisiert und betrieben wird der Lernort Synagoge Steyr vom Mauthausen Komitee Steyr in enger Zusammenarbeit mit dem Museum Arbeitswelt. Ermöglicht wird das Projekt durch Förderungen des Landes Oberösterreich, der Stadt Steyr sowie durch Bundesmittel.
Stimmen zum Projekt
Vorgestellt wurde das Projekt am Freitag bei einer Pressekonferenz in Linz. Mit dabei war David Greenfield, dessen Vater Josef Überlebender des KZ-Außenlagers Münichholz war.
David Greenfield stellt Dokumente und Fotos für die neue Ausstellung zur Verfügung und auch ein Kunstwerk seines Vaters (Foto).
Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP): „Als einzig erhaltenes Synagogengebäude Oberösterreichs aus der Zeit vor 1938 ist dieser Ort ein eindringliches Zeugnis unserer Geschichte – und zugleich ein Auftrag für die Zukunft. Wer hier lernt, erkennt, wohin Ausgrenzung und Antisemitismus führen können, und warum ein klares ‚Niemals wieder‘ tägliches Handeln braucht. Gerade für junge Menschen entsteht hier ein Raum, der Wissen vermittelt, Empathie stärkt und das Bewusstsein für Demokratie, Menschenrechte und Zusammenhalt schärft.“
Bürgermeister Markus Vogl (SPÖ): „Wir tragen gemeinsam Verantwortung – die Verantwortung, dem Vergessen aktiv entgegenzutreten und die Glut, aus der sich das Feuer eines klaren ‚Niemals wieder‘ speist, an die kommenden Generationen weiterzugeben. Mit dem Beschluss, die ehemalige Synagoge gemeinsam mit dem Land Oberösterreich und weiteren Fördergebern als Lernort einzurichten, bekennt sich die Stadt Steyr sichtbar zu dieser Verantwortung und setzt ein nachhaltiges Zeichen für Erinnerungskultur, Bildung und demokratische Werte.“
Karl Ramsmaier (Vorsitzender Mauthausen Komitee Steyr): „Der Lernort Synagoge Steyr ist ein zentraler Baustein einer zeitgemäßen Erinnerungskultur. Er erinnert nicht nur an Verfolgung und Vernichtung, sondern stellt jüdisches Leben in den Mittelpunkt – vor, während und nach dem Nationalsozialismus. Damit widersetzt sich der Lernort dem Vergessen ebenso wie einer verkürzten Opfererzählung. Erinnerung verstehen wir als aktive gesellschaftliche Verantwortung: Sie macht sichtbar, wohin Ausgrenzung und Entmenschlichung führen, und stärkt das Bewusstsein für Menschenrechte, Solidarität und demokratisches Handeln heute. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder offen auftritt, braucht es Orte wie diesen, die Haltung vermitteln und Erinnerung lebendig halten.“
Stephan Rosinger (Künstlerischer Leiter Museum Arbeitswelt): „Der Lernort Synagoge macht Geschichte nicht nur sichtbar, sondern erfahrbar. Als authentischer Ort lädt die ehemalige Synagoge dazu ein, jüdische Lebenswelten in ihrer Vielfalt, ihren Brüchen und ihren Nachwirkungen bis in die Gegenwart kennenzulernen. Lernen verstehen wir hier als demokratischen Prozess: Biografien eröffnen Perspektiven, fördern Empathie und schärfen das Bewusstsein für Verantwortung in der Gegenwart. In Zeiten zunehmenden Antisemitismus ist dieser Lernort ein unverzichtbarer Raum für historisches Verstehen, kritische Selbstreflexion und demokratische Bildung.“


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