„Konsumenten schätzen den Einsatz unserer Landwirte“

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Martina Ebner Martina Ebner, Tips Redaktion, 31.03.2020 15:03 Uhr

BEZIRK VÖCKLABRUCK/INNERSCHWAND. Wie wichtig die regionale Lebensmittelversorgung ist, wird durch die Corona-Krise derzeit besonders deutlich. Tips Vöcklabruck bat Michaela Langer-Weninger, Präsidentin der Landwirtschaftskammer Oberösterreich, zum Interview.

Tips: Direktvermarkter dürfen weiterhin offenhalten! Wird dies von den Kunden angenommen?

Michaela Langer-Weninger: Die Bedeutung der heimischen Lebensmittelversorgung wird gerade in diesen herausfordernden Zeiten deutlich vor Augen geführt. Bei den bäuerlichen Direktvermarktern, in den Hofläden oder auf Bauernmärkten können wir alle weiterhin regional einkaufen und die ländlichen Strukturen stärken. Unter www.gutesvombauernhof.at findet man heimische Lebensmittel in der Region und die bäuerlichen Direktvermarkter mit ihren Kontaktdaten. Ebenso kann man auf dieser nach Bauernmärkten und Betrieben mit Hofläden suchen. Für höchste Qualität und Sicherheit wird dort selbstverständlich gesorgt. Das kommt gut an, die Konsumenten besinnen sich wieder mehr darauf, wo ihre Lebensmittel herkommen, und schätzen den tagtäglichen Einsatz unserer Landwirte.

Neue kreative Wege

Tips: Welche kreativen Wege haben sich Landwirte in Bezug auf Direktvermarktung einfallen lassen?

Langer-Weninger: Viele Direktvermarkter entwickeln neben dem bestehenden Angebot neue Vertriebsschienen und kreative Wege, ihre Qualitätsprodukte zu den Kunden zu bringen. Aktuell ist dabei beispielsweise die Selbstbedienung mit verpackter Ware in einem Verkaufsraum ohne Personal oder eine zusätzlich eingerichtete Verkaufsstelle direkt am Betrieb gefragt, auch Automaten sind dafür eine exzellente Alternative. Als Beispiele seien genannt das Biogschäftl der Familie Maringer in Ungenach, die Familie Ecker in Zell am Pettenfirst, der Troadkasten der Familie Ecker in Pilsbach, der Hofladen der Familie Gröstlinger in Ottnang oder die Familie Strobl in St. Lorenz und viele mehr.

Immer beliebter wird auch die Abholung von vorbestellten Lebensmitteln mit kontaktlosen Bezahlmöglichkeiten. Die Nachfrage steigt besonders nach persönlicher Warenzustellung direkt bis zur Haustür. Am besten ist, wenn man als Kunde die Direktvermarkter in der Region anspricht, welche Möglichkeiten sie anbieten. Für die bäuerlichen Betriebe liegt also sogar in dieser schwierigen Situation eine Chance.

Tips: Gibt es eine Liste der Direktvermarkter im Bezirk, auf die Konsumenten online einsehen können?

Langer-Weninger: Unter www.gutesvombauernhof.at finden Sie heimische Lebensmittel in der Region und die bäuerlichen Direktvermarkter mit ihren Kontaktdaten. Auf dieser Seite können Sie auch nach Hofläden oder Bauernmärkten suchen. 51 Anbieter sind im Bezirk Vöcklabruck dort gelistet. Weiters bietet die Genussland-Homepage eine aktuelle Übersicht der oberösterreichischen Bauern- und Hofläden bzw. Gastro-Partner und deren Onlineservices.

Bauernmärkte als systemrelevante Nahversorgung

Tips: Auch Bauernmärkte dürften weiterhin abgehalten werden. Viele Gemeinden haben sich aber entschlossen, abzusagen? Wie sehen Sie diese Entscheidung?

Langer-Weninger: Bauernmärkte, Wochenmärkte oder Direktvermarkter, Hofläden und andere Nahversorger, die uns mit Lebensmitteln oder anderen wichtigen Waren für den persönlichen täglichen Bedarf versorgen, können das auch weiterhin tun. Dies ist in den Verordnungen des Bundesministers für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz betreffend klar geregelt. Wenn die notwendigen Schutz- und Hygienemaßnahmen eingehalten werden, sehe ich keinen Grund dafür, Bauernmärkte als systemrelevante Nahversorgung abzusagen.

Tips: Gibt es im Bezirk Vöcklabruck noch Bauernmärkte, die abgehalten werden?

Langer-Weninger: Weiterhin abgehalten werden laut aktuellen Informationen der Bauernmarkt Regau und die von Gemeinden veranstalteten Märkte in Atzbach und Schwanenstadt – allesamt unter Einhaltung der strengen Covid-Hygienebestimmungen.

Tips: Wie steht im um den Grad der Eigenversorgung in Österreich? Könnte uns die Landwirtschaft – auch wenn die Krise noch lange andauert – ernähren?

Langer-Weninger: Die österreichische Landwirtschaft deckt den Tisch und sie wird dies auch in der Krise tun. Die Selbstversorgung bei den wichtigsten Lebensmittelkategorien ist gut, aber es gibt Bereiche wo sie nicht vollständig gegeben ist.

Der essentiellste Getreidebedarf für die menschliche Ernährung ist mit 86 Prozent Eigenversorgung durch die heimische Produktion sehr gut abgedeckt. Die Inlandsversorgung von Obst liegt bei 40 Prozent, jene von Gemüse bei 55 Prozent. Der Grund für die niedrige Selbstversorgung beim Obst ist, dass sehr viele tropische und Zitrusfrüchte nach Österreich importiert werden. Bei Gemüse stehen Produkte mit hohem Selbstversorgungsgrad wie Karotten, Kraut, Salat und Zwiebeln jenen Produkten gegenüber, von denen in Österreich zu wenig produziert wird. Der Selbstversorgungsgrad bei Milch und Milchprodukten ist in Österreich traditionell sehr hoch. Er beträgt bei Trinkmilch mehr als 150 Prozent, bei Obers und Käse liegt er ziemlich genau bei hundert Prozent. Österreichs Bauern erzeugen bei Rindfleisch deutlich mehr, als der Inlandsverbrauch ausmacht. Auch bei Schweinefleisch kann die Eigenversorgung sichergestellt werden. Sie sehen also: Die Bäuerinnen und Bauern leisten in diesen Tagen einen unbezahlbaren Beitrag zur Aufrechterhaltung der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln.

Lage am Rinder- und Holzmarkt hat sich zugespitzt

Tips: Hygienevorschriften, Erntehelfer – mit welchen Herausforderungen kämpfen unsere Bauern derzeit am meisten?

Langer-Weninger: In den vergangenen Wochen hat sich im Bereich der landwirtschaftlichen Urproduktion vor allem die Lage am Rinder- und Holzmarkt dramatisch zugespitzt. Der Rindfleischmarkt ist vor allem durch den Wegfall der Absätze in der Gastronomie und dem größten Systemgastronomiebetrieb in Österreich massiv betroffen. Dazu sind aufgrund der erfolgten Reisebeschränkungen auch die Zuchttierexporte praktisch zum Erliegen gekommen. Ähnlich dramatisch ist die Lage am Holzmarkt. Neben den schon länger weggefallenen Rundholzexporten nach China aus dem mitteleuropäischen Raum sind in der abgelaufenen Woche die für die österreichische Sägewirtschaft entscheidenden Schnittholzexporte nach Italien vollständig zum Erliegen gekommen. Dazu kommt, dass gerade in der jetzt so wichtigen Anbau-, Auspflanz- und Erntezeit sowie auf vielen verarbeitenden Betrieben die Arbeitskräfte fehlen. Mit der bundesweiten Plattform „Die Lebensmittelhelfer“ wollen wir durch rasche und unbürokratische Vermittlung Entlastung schaffen.

Die Bundesregierung hat bereits erste Soforthilfen für notleidende Betriebe beschlossen; weitere Hilfen für die Land- und Forstwirtschaft werden aus dem geplanten Krisenbewältigungsfonds angestrebt. Das sind wichtige Schritte, wir brauchen aber auch weiterhin Augenmaß und Flexibilität um handlungsfähig zu bleiben.

Tips: Absatzmärkte wie die Gastronomie sind weggebrochen. Wie können wir, als Konsumenten, die Landwirtschaft nun unterstützen?

Langer-Weninger: Der wichtigste Appell an die Konsumentinnen und Konsumenten lautet: Kaufen Sie heimische Lebensmittel! Das stärkt die kleinbäuerlichen Strukturen und sichert regionale Arbeitsplätze in den vor- und nachgelagerten Bereichen der Lebensmittelproduktion. Achten Sie auch beim Einkauf im Supermarkt darauf, wo die Waren herkommen, und hinterfragen Sie die Herkunft bei verarbeiteten Lebensmitteln und in Kantinen, wenn diese wieder in Betrieb gehen. Wir können die jetzige Krise durch ein gestärktes Bewusstsein zu einer Chance für unsere heimische Landwirtschaft machen!

Der Wert der Nahversorgung zeigt sich

Tips: Gibt es bereits Lehren, die die Landwirtschaft aus der Corona-Krise zieht?

Langer-Weninger: Die Lehren aus der Krise erschließen sich nun in allen Wirtschaftszweigen, nicht nur in der Landwirtschaft: es zahlt sich aus, auf regionale Strukturen und Kooperationen zu setzen. Es zahlt sich aus, auf eine gute Eigenversorgung mit heimischen Qualitätsprodukten zu bauen. Wenn internationale Warenströme und Personenbewegungen zum Stillstand kommen, zeigt sich der Wert der Nahversorgung. Um diese sicherzustellen, braucht es attraktive Rahmenbedingungen und faire Produktpreise. Das ist nicht nur in Krisenzeiten so.

Tips: Als Präsidentin der Landwirtschaftskammer: Was wünschen Sie sich, dass der Konsument aus dieser Krise lernt?

Langer-Weninger: Ich denke, die Konsumenten erfahren gerade sehr deutlich, welchen Wert Solidarität, intakte Familienverbände, regionale Daseinsvorsorge und funktionierende Versorgungsstrukturen haben. All dies ist nicht selbstverständlich, und das sollten wir auch nach der Krise nicht vergessen. Egal ob Krise oder nicht: unsere Bäuerinnen und Bauern sind 365 Tage im Jahr im Einsatz, bestellen Wiesen und Felder oder füttern ihre Tiere. Dafür braucht es rund ums Jahr Wertschätzung, die sich auch im Kaufverhalten wiederspiegelt. Und dafür möchte ich an dieser Stelle auch Danke sagen.

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