Corona-Maßnahmen: „Ständige Angst und dauerndes Ärgern schaden definitiv der Gesundheit“
MARCHTRENK. Ronald Ecker ist Allgemein- und Sportmediziner. Gemeinsam mit drei Ärztinnen und Therapeuten betreibt er das Primärversorgungszentrum (PVZ) in Marchtrenk. Die Corona-Maßnahmen seitens der Politik sieht der begeisterte Ausdauersportler vielfach kritisch.

Tips: Wie beurteilen Sie als Allgemeinmediziner die aktuelle Lage rund um Covid-19?
Ecker: Ich tue mir extrem schwer, die Situation für mich selbst einzuordnen. Normalerweise bin ich ein Mensch, der die Goldene Mitte sucht. Wegen der zwei Extrempositionen innerhalb der Bevölkerung und sogar innerhalb der Experten schwanke ich ständig zwischen Befürwortung von strengen Maßnahmen und unverhältnismäßigen und übertriebenen Verordnungen. Etwas möchte ich schon festhalten: Die Schäden durch restriktive Maßnahmen werden leider den medizinischen Schaden durch das Virus um ein Vielfaches übertreffen. Ich spreche hier von medizinischen Folgeschäden – Verzögerung von medizinischen Behandlungen, Zunahme von Angst und Depression – und von wirtschaftlichen Katastrophen mit schlimmen Einzelschicksalen und indirekten gesundheitlichen Problemen daraus andererseits. Mir ist schon klar: Für Entscheidungsträger ist das Festlegen und Kommunizieren, wo sich die Goldene Mitte befindet, eine sehr schwierige Aufgabe.
Tips: Was hat sich bei Ihnen im Alltag im Primär-Versorgungszentrum Marchtrenk verändert?
Ecker: Gottseidank kommen die Patienten – im Gegensatz zur Anfangsphase im März und April dieses Jahres – wieder ganz normal in die Praxis, damit wir uns gemeinsam um deren chronische Erkrankungen kümmern und auch gesundheitspräventive Maßnahmen setzen können. Einige Besonderheiten seit Beginn der Pandemie: Masken und andere Schutzausrüstung gehören zum Alltag, obwohl die Kommunikation dadurch definitiv leidet. Speziell alte Menschen mit schlechterem Gehör können vielen Fragestellungen und Erklärungen ganz schwer folgen. Eine eigene Infekt-Räumlichkeit mit Extraeingang und Schleuse. Es gibt auch deutlich mehr telefonische Beratungen als früher. Maßnahmen wie Abnahme von Abstrichen, Ausstellen von Bescheiden und Stellungnahmen und so weiter haben sich vervielfacht. Der Stellenwert der medizinischen Primärversorger ist meines Erachtens in der Bevölkerung gestiegen.
Tips: Immer wieder kommen neue Maßnahmen dazu. Jetzt wieder ein Lockdown-light. Es wird immer schwieriger, den Überblick zu behalten. Die ganze Palette von Angst, Verleugnung, Teilnahmslosigkeit und Panik ist dabei?
Ecker: Ja leider, die Angstmache-Taktik mit entsprechender medialer Berichterstattung hat leider mittlerweile tiefgreifende Veränderungen bei den Menschen bewirkt. Das und die wöchentlichen neuen Verordnungen haben bei vielen Menschen eine Resignation entstehen lassen und leider mittlerweile auch eine fehlende Zukunftsvision. Die Corona-Müdigkeit der Menschen kann ich angesichts der unübersichtlichen Verordnungen und ständigen Drohungen von oben herab verstehen.
Tips: Ärztekammer-Präsident Niedermoser sprach von „Eine Coronavirus-Panik ist nicht notwendig, wenn man die Schutzmaßnahmen befolgt“ und von unreflektierten Tests. Können Sie das nachvollziehen?
Ecker: Ja definitiv kann ich das nachvollziehen. Die mittlerweile bekannten Schutzmaßnahmen sind sinnvoll und notwendig, aber: Wir Ärzte haben das ganze Jahr mit Betonung auf Herbst und Winter mit viralen Erkrankungen zu tun. Jetzt hat einer der Viren einen Namen und eine unglaublich hohe Aufmerksamkeit bekommen. Die täglichen statistischen Meldungen betreffen die Neuinfektionen, nur ein Bruchteil der positiv getesteten Menschen hat relevante Symptome, Gottseidank entwickeln sehr wenige Patienten eine schwere Lungenerkrankung. Die unzähligen Tests sind zu hinterfragen und sind meines Erachtens eine Vergeudung der Ressourcen: Die PCR-Testung sagt nicht aus, ob jemand gesund oder krank ist und schon gar nicht, ob jemand infektiös ist. Wochen und sogar Monate nach einem positiven Test kann der PCR-Test positiv bleiben, obwohl schon längst keine Ansteckungsfähigkeit mehr besteht. Das Contact-Tracing funktioniert ohnehin schon lange nicht mehr.
Tips: Wie schafft man den Spagat, zwischen all den verschiedenen Meldungen und Meinungen doch noch sicher durch das alltägliche Leben zu kommen?
Ecker: Vertrauen haben ins wirklich exzellente Gesundheitssystem in Österreich. Und: Jetzt sieht man ganz deutlich, wie wichtig das Immunsystem ist. Und hier muss ich die Politik kritisieren: Diese hätte die Macht und im Gegensatz zu mir als kleinen Allgemeinmediziner auch die Reichweite, regelmäßig zu Lebensstilmaßnahmen gerade in der jetzigen Krise zu motivieren und in der Öffentlichkeit über Maßnahmen zur Optimierung des Immunsystems zu sprechen. Abstand halten macht sehr viel Sinn, eine gewisse Händehygiene – aber auch nicht übertreiben – ebenso. Mund-Nasen-Masken – auch wenn der Stellenwert teilweise fraglich ist – akzeptieren, denn ständiges Ärgern schadet auch der Gesundheit. Man muss alles tun im Rahmen der aktuellen Möglichkeiten, um wieder optimistisch und fröhlich zu werden, denn eine ständige Angst und dauerndes Ärgern schaden definitiv der Gesundheit.


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