„Ich habe immer noch diese blöde Hoffnung, dass es bald endet“
WELS/USCHHOROD. Alisa Smyrna lebt mit ihrer Familie in Uschhorod in der Ukraine. Bis Kiew sind es 800 Kilometer. Bis Linz ebenfalls. Zwei Tage nach Beginn der russischen Invasion hat sie ihre Tochter Arina gepackt und ist zu ihrer Bekannten Hermine Kürner nach Wels gefahren. Gefahren, nicht geflüchtet. Denn Alisa bringt nur ihre Tochter in Sicherheit und kehrt zurück in ihre Heimat.

Die 42-Jährige hat in der Ukraine Germanistik studiert und in Linz Tourismus. Als Hermi Kürner, damals noch Busunternehmerin, 1997 eine Gruppe von Deutsch-Studenten nach Österreich einlädt, ist auch Alisa dabei. Sie hätte damals die Gelegenheit nutzen und in Österreich bleiben können oder ins Ausland gehen. Aber die engagierte Studentin kehrt zurück und baut sich eine Existenz auf. Gemeinsam mit ihrem Mann betrieb sie bis vor Putins Einmarsch einen Beherbergungsbetrieb, vor allem für Rad-Touristen in den Bergen von Transkarpatien.
„Nicht für möglich gehalten“
Jetzt ist dieses Leben weg. Von einem Tag auf den anderen. „Vor einer Woche hätte ich nie gedacht, dass das möglich ist“, sagt Smyrna beim Gespräch am 3. März in Wels. Abgesehen von den problematischen Regionen Donezk und Luhansk im Osten, die immer schon zu Russland wollten, haben alle, die wegwollen, die Ukraine schon 2014/2015 verlassen, ist Smyrna überzeugt. „Alle anderen wollen dort sein. Der Lebensstandard in der Ukraine ist nicht schlecht! Man brauchte mit einem ukrainischen Pass kein Visum mehr, die Menschen haben relativ gut verdient, hatten ein Auto, konnten in Urlaub fliegen – und dann kommt ein Retter aus dem Osten und erlöst mich davon?“, versteht Alisa die Welt nicht mehr. „Vielleicht ist ein Grund, warum wir nicht daran geglaubt haben, weil wir uns schon weit wegentwickelt haben von der russischen Denkweise“, versucht die 42-Jährige zu verstehen, warum sie der Angriff so überrascht hat.
Der Mann zieht in den Krieg
Zu dem Zeitpunkt befanden sie und ihr Mann Vitali Kozak sich gerade in Ungarn. Am schlimmsten waren die ersten zwei Tage. „Da war ich unfähig, etwas zu tun“, erzählt Alisa. Aber schnell war klar, dass ihr Mann einrücken würde. „Er wollte unbedingt zurück“, sorgt sich Alisa, dass ihr Partner bereits zum zweiten Mal in den Krieg zieht. Tochter Arina wollen die Eltern in Sicherheit wissen und deshalb in die Obhut der Oma in Italien geben. Und weil man die anderen Großeltern nicht alleine zurücklassen will, wird auch Alisa wieder nach Uschhorod – wo bisher nicht gekämpft wird – zurückkehren. „Wir haben Arina eine Liste geschickt, was sie packen soll. Für einen Monat“, betont Smyrna. „Ich habe diese Einstellung, das sie einen Monat weg ist und dann hole ich sie“.
„Sie darf nicht vergessen“
Die Reise nach Österreich dauert nur rund neun Stunden. Zuerst passieren Mutter und Tochter zu Fuß die Grenze zur Slowakei, die ganz in der Nähe ihres Zuhauses ist. Weiter geht es mit dem Auto zu Hermi Kürner nach Wels. Der Abschied vom Papa fällt der Zehnjährigen natürlich schwer. Aber ansonsten ist es vorerst ein Abenteuer. Was wirklich los ist, hat Arina noch nicht richtig realisiert, auch wenn sie die Bilder im Internet sieht. Während der Autofahrt wird viel gesprochen. Die Mutter erklärt, warum sie die Ukraine verteidigen und warum es nicht normal ist, dass ein fremdes Land einmarschiert. „Sie soll das nicht unterschätzen“, ist Alisa wichtig. „Sie darf nicht vergessen, dass sie eine Ukrainerin ist. Sie bekommt von mir eine Fahne mit und sie muss auch weiter ukrainisch sprechen, Märchen und Legenden aus der Heimat anhören“, wünscht sich Alisa, die ihre Tochter in Wels an ihren Taufpaten übergibt, der das Mädchen dann nach Innsbruck bringt, wo es die Oma aus Italien abholt. Wie Arina verlassen Tausende junge Menschen derzeit die Ukraine. „Wir verlieren eine ganze Generation“, ist Alisa überzeugt. Sie will nicht, dass diese sich in Europa assimilieren, sie sollen zurückkommen. „Wenn wir es nicht schaffen, das Land zu retten, wünsche ich mir, dass die Kinder es wieder aufbauen“.
„Ich kann helfen“
Einstweilen hofft die 42-Jährige aber, dass es nicht ganz so weit kommt. „Ich habe noch immer diese blöde Hoffnung, dass es bald vorbei ist“, versucht sich Alisa in Optimismus und kehrte nach drei Tagen in Wels wieder in die Ukraine zurück. „Wer, wenn nicht ich, sollte die Denkweise sein. Wir verlangen von der EU Sanktionen und dass die NATO hilft, aber eigentlich sind wir dafür verantwortlich“, ist Smyrna überzeugt. „Ich kann Flüchtlingen helfen, ich kann an der Grenze kochen für sie, ich kann Autofahren und ich kann humanitäre Hilfe über die Grenze tragen“, ist sie bereit, alles zu tun. Was alles passiert, schreibt sie auf. Es geht alles so schnell. „Und ich will es nicht vergessen“.
In Wels beschimpft
Auch wenn Europa große Einigkeit demonstriert, so zieht sich diese nicht durch die ganze Bevölkerung. Auch nicht in Wels. Als Alisa mit der ukrainischen Fahne in der Stadt unterwegs ist, wird ihr aus einem Auto „Arschlöcher“ entgegengebrüllt. Im Geschäft wird ihr vorgeworfen: „Endlich ist Corona vorbei und jetzt kommt ihr da“ oder „Ergebt euch! Ihr wart doch immer schon bei Russland!“ – „Für Europa sind wir ein Teil von Russland. Jetzt sollen wir in die Steinzeit zurück, aber wir haben uns weiterentwickelt“, blickt Smyrna trotzdem mutig nach vorne.


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