„Man drückt sich vor Entscheidungen, damit ja niemand auf einen böse ist“
WELS. Die Volkspartei ist vor der Wahl angetreten, um einen zweiten Stadtsenatsplatz zu erobern. Das Ergebnis war desaströs. Es blieb bei einem Stadtsenatsplatz und es kam der Verlust zweier Gemeinderatssitze dazu. Die Partei ist im Umbruch. Stadtrat Martin Oberndorfer wird diesen maßgeblich mitverantworten.

Tips: Weil gerade die Olympischen Spiele sind, darf man ruhig mit der klassischen Sportreporterfrage beginnen. Wie geht es nach 100 Tagen im neuen Amt als Wirtschaftsstadtrat?
Oberndorfer: Sehr gut, obwohl es durch das Fehlen von Veranstaltungen derzeit schwieriger ist, in Kontakt mit den Menschen zu kommen. Die Abläufe im Magistrat werden immer vertrauter. Politisch ging es mit den Verhandlungen und Beschluss für das Doppelbudget gleich voll los. Es sind genug Themen am Tisch.
Tips: Bei der Wahl musste die Volkspartei Federn lassen. Die Verhandlungen brachten zwar das Wirtschaftsressort, aber ohne Baureferat und Stadtplanung?
Oberndorfer: Das ist richtig. Das Ergebnis bei der Wahl machte nicht mehr möglich. Die Wahlgewinnerin FPÖ hat klargestellt, dass sie für die Bereiche Bauen und Stadtentwicklung verantwortlich sein möchte. Das bedeutet natürlich auch, dass ihren Ankündigungen auch Taten folgen müssen – Stichwort historisierende Fassaden. Ich bin einerseits zuständig für den Bereich Wirtschaft, dazu kommt aber auch der Bereich Wissen, wie ich es nenne. Dieser umfasst die Museen, die Stadtbibliothek, die Volkshochschule und auch das Stadtarchiv.
Tips: Wie will die Volkspartei in den nächsten Jahren reüssieren?
Oberndorfer: Wir waren sechs Jahre in einer Koalition und konnten gewisse Dinge nicht so direkt ansprechen. Das werden wir jetzt ändern. In Wels habe ich gerade in der Politik ein bestimmtes Gefühl: Man drückt sich vor Entscheidungen, damit ja niemand auf einen böse ist. Und das Zweite ist, dass man in der Politik auch endlich Entscheidungen umsetzen muss, die bereits gefallen sind.
Tips: Die da wären?
Oberndorfer: Ein gutes Beispiel ist die Öffnung der Roseggerstraße. Die Öffnung wurde 2009 und 2010 beschlossen und vor zwei Jahren sogar im Amtsblatt vom Bürgermeister groß angekündigt. Passiert ist bislang nichts. Die Polizei ist umgezogen, der Kaiser Josef-Platz ist fertig. Auf was will man noch warten? Es geht um Verlässlichkeit und Vertrauen. Die Politik muss auch umsetzen, was sie ankündigt!
Tips: Wo drückt sich die Stadtpolitik sonst noch vor Entscheidungen?
Oberndorfer: Es gibt einige Bereiche, wo wir extrem aufpassen müssen, dass die Menschen nicht abgehängt werden. So müssen wir viel mehr in Bildung investieren. Es passt nicht zusammen, dass es in Wels so viele Arbeitslose gibt, aber auch so viele freie Stellen. Bildung ist hier der Schlüssel und die fängt schon im Kindergarten an. Nur zu sagen, dass der Bund oder das Land dafür zuständig ist und wir nichts machen können und die Hände in den Schoß legen, hilft niemanden. Wir müssen Initiativen setzen, damit vor allem junge Menschen in den Arbeitsprozess integriert werden, denn Arbeit ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben.
Tips: Und die Wirtschaft lechzt nach Fachkräften?
Oberndorfer: Es sind ja nicht nur die Fachkräfte, die fehlen, sondern auch in vielen anderen Bereichen finden die Unternehmer keine Mitarbeiter. Teilweise liegt es eben auch an der Qualifikation und hier kann die Stadt sehr wohl einiges tun.
Tips: Und bei den Fachkräften?
Oberndorfer: Wir haben in Wels viele international tätige Firmen. Hochqualifizierte Mitarbeiter kommen heutzutage von überall her. Eine englischsprachige Volksschule würde Sinn ergeben und auch den Wirtschaftsstandort Wels stärken.
Tips: Wie muss sich die Stadt in den kommenden Jahren wirtschaftlich aufstellen? Nur ein Betriebsbaugebiet nach dem anderen macht es nicht besser?
Oberndorfer: Das ist richtig. Bei Betriebsansiedelungen gilt Qualität vor Quantität. Wir wollen solide Unternehmen, die attraktive Arbeitsplätze anbieten. Ich stehe hier auch für eine enge Zusammenarbeit mit den Umlandgemeinden und nicht für das von manchen gelebte „Kirchturmdenken“. Schließlich hört Raumplanung nicht an der Stadtgrenze auf. Ansonsten liegt für mich der Schlüssel für eine wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft der Stadt in der Bildung unserer Kinder und Jugendlichen. Daher liegt mir dieser Bereich so sehr am Herzen.
Tips: Neben der Wirtschaft stehen sie auch in der Verantwortung bei VHS und den Museen?
Oberndorfer: In den Museen bieten wir in diesem Jahr anlässlich der 800-Jahr-Feier interessante Sonderausstellungen. In der VHS läuft gerade ein interner Strategieprozess, der die VHS neu positionieren soll. Die Mitarbeiter sind sehr motiviert. Bei den Kursen werden wir moderner werden. Sprachkurse liegen im Trend. Da kann man auch wieder die Brücke zum Bereich Wirtschaft schlagen. Es geht nicht nur darum, für den Städtetrip etwas zu lernen. Die VHS soll auch verstärkt Kurse für ausländische Fachkräfte, die nach Wels kommen, und umgekehrt Welser, die sich auf einen beruflichen Auslandsaufenthalt vorbereiten, anbieten.


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