„Ich werde nie vergessen, dass jemand da war“
ZWETTL. „Nun ist es zwanzig nach eins“, erklärt Christl Bauer mit einem Wink auf die große Pappuhr. „Oder auch fünf nach Viertel nach eins“, verkündet Mohammed stolz in die Runde. Es ist Mittwoch, und seit einem guten halben Jahr wird an diesem Wochentag Deutsch unterrichtet – für all jene, die hier ein neues Zuhause gefunden haben oder darauf hoffen.

Deutsche Sprache – schwere Sprache. Dieses alte Sprichwort hat durchaus seine Berechtigung. Schließlich „schreibt und liest man im Arabischen von rechts nach links und deren Schriftzeichen schauen unseren Buchstaben nicht mal im Enferntesten ähnlich“, schmunzelt die 16-jährige Sabina. Sie ist mit ihrer besten Freundin Ajša regelmäßig beim Deutschkurs im Pfarrheim anzutreffen – um zu helfen, zu unterstützen, zu vermitteln. Die beiden Schülerinnen, die die Handelsakademie sowie die Handelsschule in Zwettl besuchen, bewegt die aktuelle Flüchtlingsdebatte mehr als jeden anderen. Sabina war sieben Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem Kosovo floh. Bittere Armut und kaum Arbeit, die Folgen des Krieges hinterließen überall ihre Spuren, so auch psychisch. Sabinas Eltern, vor allem ihre Mutter, litten sehr unter den Folgen des Krieges, wie sie erzählt. „Unsere Eltern haben sehr viel Leid und schreckliche Dinge gesehen, Blut und Opfer des Krieges“, ergänzt die 15-jährige Ajša, deren Familie 1993 aus Bosnien flüchtete.
„Ich hatte damals in der ersten Klasse eine tolle Lehrerin, die sich um mich gekümmert hat. Das werde ich niemals vergessen und das möchte ich auch weitergeben. Ich bedanke mich jeden Tag, dass wir hier sein dürfen.“ Sabina
Es ist den jungen Mädchen daher eine Herzensangelegenheit, Menschen mit einer ähnlichen Vergangenheit zu helfen. Denn Integration ohne anfängliche Betreuung ist kaum möglich, sind die beiden überzeugt. So haben sie sich im Jänner beim Verein „Willkommen Mensch in Zwettl“ gemeldet und seitdem fahren sie mittwochs nach dem Schulunterricht in das Zwettler Pfarrheim. Und jedes Mal wieder sind sie überrascht, welch große Fortschritte die Teilnehmer machen. Und dies kann auch Christl Bauer nur bestätigen. Die ehemalige Lehrerin ist seit der ersten Stunde mit an Bord – aus Überzeugung, wie sie sagt. Unabhängig von den vielen Herausforderungen, die in Zukunft noch kommen mögen – „in unserem kleinen Rahmen, in unserer Gemeinschaft möchte ich das Beste aus der Situation machen und versuchen, dass es so gut als möglich funktioniert.“
Artikel, Umlaute und korrekte Satzbildung
Die Deutschkurse werden vom Verein angeboten, kostenlos, dafür erwarte man aber von den Flüchtlingen auch, dass diese besucht werden. So bekommt der Tag Struktur, auch durch die regelmäßigen Hausübungen. Totale Anfänger, Fortgeschrittene und die Profis – das sind die drei Levels, auf die die Teilnehmer aufgeteilt werden. Eine der größten Schwierigkeiten in der deutschen Sprache ist neben der korrekten Satzbildung und den ganzen Artikeln, die Aussprache von Umlauten, so Schülerin Souzan. Denn die gäbe es in der arabischen Sprache nicht. Die aufgeweckte 36-jährige Syrerin zählt zu den Klassenbesten, wohnt seit September in Moidrams und besucht seit vier Monaten den Sprachkurs. Die hübsche Frau macht nach außen hin einen fröhlichen Eindruck, lacht und plaudert im mal mehr und mal weniger guten Deutsch. Auf den ersten Blick lässt sich kaum erahnen, was sie schon erlebt hat. Nur wenn man sie auf ihre syrische Heimat anspricht, wird ihre Miene ernster. Ihr Haus in Aleppo fiel Bomben zum Opfer, ihr Mann wurde verschleppt, Souzan weiß seit über einem Jahr nicht, wo er sich befindet, nun wartet sie hier auf den Asylbescheid. So hat jeder im Kurs sein eigenes Schicksal zu erzählen, manche machen auf den ersten Blick fassungslos, wie jenes von der Somalierin Aisha, das Christl Bauer im vertrauten Gespräch kurz anspricht. Aisha hatte in Somalia ein kleines Teehaus, um ihre Familie über die Runden zu bringen. Die Region dort wird von der radikal-islamischen Al-Shabaab-Miliz kontrolliert. Aufgrund ihrer Erkrankungen, darunter Asthma, war ihr die vorgegebene Totalverschleierung kaum möglich. Die terroristische Vereinigung schlug ihr wieder und wieder mit dem Gewehrkolben gegen die Stirn, drohte ihr mit Steinigung, erpresste sie mit Geld und verbrühte schließlich ihr Baby mit dem heißen Wasser, das am Ofen stand. Es starb noch im Krankenhaus.
Christls „Lehrer-Fazit“
„Meine Bilanz ist durchwegs positiv! Sie sind zum Großteil – mein Gott, Kleinigkeiten wie auch schwarze Schafe gibt es überall – sehr nett und dankbar, für die Zeit, die wir ihnen widmen“, resümiert Christl. Seit Kurzem nimmt auch eine Gruppe von afghanischen Staatsbürgern am Sprachkurs teil, allerdings ungeplant. Denn diese waren von einem Tag auf den anderen in Zwettl. Genauso wie jene große Anzahl an Flüchtlingen, die aus heiterem Himmel in der Gemeinde Schweiggers ankamen. Ohne umfassende Information der umliegenden Bevölkerung. „Das ist absolut kontraproduktiv, da kauft ein gewisser Herr ein Haus nach dem anderen, vermietet die vorgeschriebenen sieben Quadratmeter pro Flüchtling, scheffelt damit sehr viel Geld – und überlässt diese mehr oder weniger ihrem Schicksal“, ärgert sich Christl Bauer. Und auch sie betont, dass gerade anfangs eine Unterstützung für die notwendigen Behördenwege oder Arzttermine unerlässlich ist – die Sprache ist letztendlich der Schlüssel zur anderen Kultur. Und auch wenn die anfangs sehr freundliche öffentliche Stimmung ihrem Gefühl zufolge durch die große Anzahl der ankommenden „fremden“ Menschen oder durch Ereignisse wie Köln zu kippen droht – Christl lässt sich nicht beirren: „Ich möchte versuchen, ihnen ein Stück weit eine Stütze zu geben, damit diese Menschen wieder Selbstständigkeit erlangen können.“ Und das gelingt dem Verein „Willkommen Mensch in Zwettl“ den Umständen entsprechend sehr gut, wie dieser Sprachkurs einem deutlich vor Augen führt.


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