Selbst kritische Jugendliche wenden sich nicht von der Kirche ab
AIGEN-SCHLÄGL. Der Glaube ist der Jugend nicht verloren gegangen, aber nur wenige leben diesen bei Gottesdiensten. Und es ist weniger die Religiosität, die Jugendliche zur Kirche bringt, als vielmehr der Wunsch nach Gemeinschaft und nach individueller Spiritualität. Beim Dialog im Stift Schlägl stand gestern Abend das Spannungsfeld Jugend und Kirche im Mittelpunkt. Dabei wurde von den Referenten deutlich gemacht: Kirche muss ein Ort sein, an dem sich junge Leute selbst finden können.

„Sonntag früh zum Gottesdienst zu gehen, ist nicht mit den Interessen der Jugendlichen kompatibel“, brachte es Martina Schorn auf den Punkt. Sie studiert Soziologie sowie Raumforschung und Raumordnung an der Universität Wien, ist seit 2009 beim Institut für Jugendkulturforschung beschäftigt und kennt somit die Ansichten und Einstellungen der jungen Leute. „Religiosität verschwindet nicht“, sagte sie, „aber traditionelle Glaubensvorstelllungen werden nicht kritiklos angenommen, sondern von der Generation Selfie privatisiert, angepasst und individualisiert. Der Trend geht hin zu spirituellen Glaubensrichtungen.“
Jugendliche sehen auch die Reformbedürftigkeit der Kirche: Die kirchliche Einstellung zum Zölibat, zur Sexualität, zum Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten passt nicht zur Jugend von heute. „Die kritische Haltung führt aber nicht zum Austritt aus der kirchlichen Gemeinschaft. Jugendliche haben eine pragmatische Sichtweise: Sie bleiben Mitglied wegen Hochzeiten, Taufen oder den weihnachtlichen Kirchbesuchen. Die Kirche ist für sie Ankerpunkt für bedeutsame Stationen im Leben“, weiß Martina Schorn.
Kirche als Gemeinschaft erleben
Generell spielt Religion aber eine untergeordnete Rolle: Bei Umfragen liegt diese auf den untersten Rängen der Lebensbereiche, Familie, Freunde und Freizeit sind den Jugendlichen wichtiger. Aber: Das gemeinschaftliche Erleben ist ein wichtiger Punkt in der jugendlichen Freizeitkultur. Und hier könnte die Kirche mit ihren verstärkt durchgeführten Events punkten, ist Schorn überzeugt.
Das sehen auch die beiden „jungen Gesichter der heimischen Kirche“, Stefanie Poxrucker und Stefanie Hinterleitner so: „Manche Jugendliche kommen erst durch Events, wie die SpiriNight in Berührung mit der Kirche. Sie merken, dass Kirche cool sein kann und fühlen sich als Teil einer größeren Gemeinschaft. Wir wollen das Christ-sein an sich weitergeben, nicht das Kirche-gehen“, betonte die angehende Religionslehrerin und ehrenamtliche Vorsitzende der Katholischen Jugend OÖ, Stefanie Hinterleitner aus Helfenberg. Stefanie Poxrucker aus St. Ulrich, Jugendleiterin im Dekanat Altenfelden, ergänzte, dass beides wichtig sei: Events und Gottesdienste. „Der Spruch, alle heiligen Zeiten in die Kirche gehen, kommt nicht von ungefähr. Den Jugendlichen sind diese Zeiten wirklich heilig und hier müssen sie sich angenommen fühlen. Wir gehen mit den Jugendlichen ein Stück, verabschieden sie wieder und vertrauen darauf, dass der Funke weiterbrennt.“
Die beiden hatten zum Dialog einen vollgepackten Rucksack mitgebracht – mit Dingen, die symbolhaft für ihre Arbeit mit Jugendlichen sind. Der Karabiner mit Kompass steht etwa für die Orientierungssuche, die Decke für den Platz zum Wohlfühlen, den Jugendliche brauchen, das Kuscheltier für die Sehnsucht nach Beziehung.
Kritisch Meinung äußern dürfen
Wie man Schüler auf den kirchlichen Weg bringt, zeigte Paulus Manlik, Religionslehrer am Gymnasium auf. Nämlich durch die kritische Auseinandersetzung mit Glaubensfragen. „Menschen, die sich kritisch äußern und ihre Meinung sagen, sind uns wichtig – das muss in der Schule möglich sein.“ Er will seine Schüler nicht drängen oder indoktrinieren, „die autoritären Zeiten, in denen alle müssen haben, sind vorbei. Das jesuanische Konzept ist eine Einladung zum Mitgehen. Auch hinter Jesus sind nicht alle nachgelaufen, aber aus wenigen können sehr viele werden.“
Martina Schorn:Religion ist der Jugend wichtig, aber wird abgekoppelt von Kirche gedacht. Das werden wir in den nächsten Jahren noch stärker erleben.
Stefanie Hinterleitner:Mir ist lieber, wenn die Jugendlichen jetzt am Bahnhof stehen und den Flüchtlingen helfen, als dass sie am Sonntag in die Kirche gehen. Wir wollen das Christ-sein an sich vermitteln, nicht das Kirche gehen.
Stefanie Poxrucker:Nach dem Vorbild Jesu laden wir zum Mitgehen ein. Wir begleiten die Jugendlichen ein Stück und verabschieden sie wieder – und vertrauen darauf, dass der Funke weiterbrennt.
Paulus Manlik:Wenn sich Kirche so versteht, dass sie die Türen aufmacht und sagt, ihr dürft“s alle kommen, ist das zu wenig.








Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden