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AMSTETTEN. Kaplan Franz Sieder ist em. Betriebsseelsorger in Amstetten und bekannt dafür, dass er auch in aktuellen politischen Diskussionen Stellung bezieht. Der kürzlich von der Regierung beschlossene 12 Stunden Tag und die 60 Stunden Woche hat ihn zu folgenden Zeilen veranlasst:

Kaplan Franz Sieder Foto: Eveline Steinbacher
Kaplan Franz Sieder Foto: Eveline Steinbacher

Wenn wir über die 12 Arbeitsstunden am Tag und über die 60-Stunden-Woche diskutierten, dann dürfen wir nicht nur die schwarzblaue Regierung als Feindbild sehen. Das eigentliche Feindbild ist das neoliberale, kapitalistische Wirtschaftssystem, das nur die Vermehrung des Profits zum Ziel hat und nicht den Menschen. Die schwarz-blaue Regierung ist ein wichtiger Vasall dieses Systems. Es ist jenes Wirtschaftssystem, von dem Papst Franziskus sagt, dass diese Wirtschaft tötet und dass in dieser Wirtschaft Menschen wie Müll entsorgt werden.

Hätte es die Gewerkschaft und die Sozialdemokratie nicht gegeben, dann wären die Arbeiterinnen und Arbeiter heute noch in sklavenhaften Zuständen. 8-Stunden-Tag, Urlaub, menschlichere Arbeitsbedingungen - alles wurde von den Arbeiterinnen und Arbeitern erkämpft. Es wurde ihnen niemals etwas geschenkt. Die Flexibilisierung ging immer zu Lasten der Arbeiterinnen und Arbeiter und zu Gunsten der Unternehmerinnen und Unternehmer. Für mich geht es darum, dass wir uns mit diesem Wirtschaftssystem niemals abfinden dürfen. Wir müssen dem Rad dieses Systems in die Speichen greifen. Die Katholische Soziallehre sagt, dass die Arbeit immer Vorrang haben muss vor dem Kapital, weil die Arbeit immer mit dem Menschen selbst zu tun hat. In der Konsequenz hieße das, dass die ArbeiterInnenvertreterInnen die eigentlichen Bestimmenden sein sollten und nicht die KapitaleigentümerInnen. Wenn das Realität wäre, dann würden wir dem Rad des Kapitalismus schon in die Speichen greifen.

Dass ein 12-Stunden-Tag und eine 60-Stunden-Woche mehr Stress produziert und dadurch auch mehr „Burnout“, dass müsste jedem und jeder einleuchten. Dass diese sogenannte Flexibilität familienfeindlich ist, das dürfte auch selbstverständlich sein. Das muss auch einsichtig sein für die beiden rechten Regierungsparteien. Christlich ist eine solche Politik ganz sicher nicht, weil sie in ihrer Grundtendenz eine Politik für die Reichen ist und weil man über die Arbeiterinnen und Arbeiter einfach drüberfährt.

Wenn wir unseren Blick auf die große Zahl der Arbeitslosen richten und durch die Digitalisierung werden noch mehr Menschen arbeitslos, dann müsste das Bestreben einer Regierung sein, die Arbeitszeit radikal zu verkürzen, um damit die vorhandene Arbeit auf alle aufzuteilen. Es kann keinen Sinn machen, die Arbeitslosigkeit nur mit einem Immer-Mehr an Wirtschaftswachstum zu bekämpfen. Das „Immer-Mehr an Wirtschaftswachstum“ führt unweigerlich auch zu einem Immer-Mehr an Umweltzerstörung. Die niedrigere Arbeitszeit muss natürlich mit vollem Lohnausgleich einhergehen. Das ist möglich. Wir müssen den Reichen nur steuerlich mehr wegnehmen, sie werden trotzdem noch reich sein.

Wir brauchen ohnehin ein Mehr an Gerechtigkeit und zu einem Mehr an Gerechtigkeit gehört dringend eine Umverteilung von Reich zu Arm. Das tragische in der gegenwärtigen Situation ist, dass wir in Österreich eine Regierung haben, die sehr bewusst einem System dient, das Mensch und Natur zerstört.

Kaplan Franz Sieder ist em. Betriebsseelsorger in Amstetten. Er war lange Geistlicher Assistent der Katholischen ArbeitnehmerInnenbewegung (KAB) der Diözese St. Pölten, Geistlicher Assistent von Pax Christi Österreich sowie Vorsitzender der ökumenischen Aktionsgemeinschaft Christinnen und Christen für die Friedensbewegung. Er gehört dem Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie(ACUS) an.

Kontakt: 3300 Amstetten, Dammstraße 36


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