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„Deutsch lernen ist mein Hobby“ - Andorfer Flüchtling macht Pflichtschulabschluss

Alexandra Dick, 14.06.2017 06:28

ANDORF. Der Zugang zu Bildung war für den 29-jährigen Jamshid, der im Jänner 2016 als Flüchtling nach Andorf gekommen ist und nun mit seinen Eltern und einem seiner drei Brüder im Flüchtlingsheim lebt, nicht einfach. Als er acht Jahre alt war, musste er mit seiner Familie aus Afghanistan in den Iran fliehen. Zur Schule gehen durfte er dort nicht. In Österreich konnte er nun den Pflichtschulabschluss machen.

In seinem Zimmer im Rotkreuz-Flüchtlingsheim sitzt Jamshid stundenlang vor dem Computer und lernt Deutsch.

Das Alphabet lernte Jamshid als kleiner Junge beim Lesen des Korans in einer Moscheeschule in Afghanistan kennen. Er erinnert sich noch gut daran, wie er freiwillig morgens um fünf Uhr aufgestanden ist, um mit seinen Freunden in die Schule zu gehen. Denn die Moscheeschule war keine Pflicht für ihn. 20 Minuten dauerte der Fußmarsch. Schreiben hat er dort nicht gelernt. Das hat er sich selbst beigebracht. Auch Englisch hat er sich selbst gelernt und spricht es auf gutem Hauptschulniveau. Mittlerweile, so sagt er, kann er besser Deutsch lesen, als Englisch und Persisch. Sein Lieblingsbuch, der Alchimist. Und auch das Schreiben funktioniert schon ganz gut. Das beweist auch sein Zeugnis.

Fast nur Einser im Zeugnis

Nur mit Einsern und einem einzigen Zweier hat der junge Afghane den einjährigen Lehrgang am BFI Innviertel abgeschlossen und damit seinen Hauptschulabschluss in den Fächern Mathematik, Deutsch, Englisch, Geschichte und Geographie, Berufsorientierung, Gesundheit und Soziales sowie Natur und Technik erfolgreich gemacht. Das vom Land Oberösterreich und dem Bundesministerium für Bildung geförderte Projekt ermöglicht es Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, ihren Schulabschluss nachzuholen, um ihre Chancen in der Arbeitswelt zu erhöhen.

Das Lösen mathematischer Aufgaben hilft

Der einzige Zweier in der schriftlichen Mathe-Prüfung, ausgerechnet in seinem Lieblingsfach, ärgert den ehrgeizigen Schüler. Ein bisschen enttäuscht sagt er: „In Mathematik bin ich besser als in Chemie und Physik, trotzdem habe ich in Mathe den Zweier bekommen.“ Das Lösen von mathematischen Aufgaben lenkt ihn von seinen Problemen ab, die ihn nachts nicht schlafen lassen. Besonders interessiert ihn auch das Fach Geschichte. „Wir lernen von der Geschichte, dass manche Dinge wie Hitler nicht wieder passieren dürfen.“

Ehemalige Lehrerin half ihm bei Prüfungsvorbereitung

Die Andorferin Helga Ruck, hat Jamshid dabei geholfen, sich auf die Prüfungen vorzubereiten. „Helga hat mir viel geholfen“, drückt der 29-Jährige seine Dankbarkeit aus. Die ehemalige Volksschullehrerin, die den Geflohenen in Andorf von Anfang an als freiwillige Helferin Deutschunterricht gab, erwidert dem motivierten Schüler: „Alles, was du gelernt hast, hast du selbst gelernt.“ Sie ist davon begeistert, wie Jamshid alle ihre Lerntipps umsetzt und schwärmt von dem unbändigen Willen, der Merkfähigkeit und der Intelligenz des jungen Afghanen.

Deutsch selbst beigebracht

„Deutsch lernen ist mein Hobby“, sagt Jamshid. „Immer wenn ich nix zu tun habe, lerne ich Deutsch.“ Dass er erst seit Jänner 2016 in Andorf ist, hört man ihm nicht an. Schon bei seiner Ankunft in Andorf konnte er einfache deutsche Sätze verstehen und sich verständigen. Mit YouTube-Videos und Lernmaterial aus dem Internet hat er sich Deutsch beigebracht. „Am Anfang war das nicht leicht, aber jetzt kann ich fast alles im Internet finden“, sagt Jamshid. Mittlerweile spricht er so gut Deutsch, dass man sich problemlos mit ihm unterhalten kann.

Traum von eigener Zimmerei

In sehr gutem Deutsch erzählt er von seinen Erlebnissen und Erfahrungen, seinen Träumen und Lebenszielen. Sein großer Traum ist es gemeinsam mit seinem älteren Bruder eine Zimmerei zu eröffnen. Der Hauptschulabschluss war der erste Schritt, sich diesen Wunsch zu erfüllen.

Ab Herbst Ausbildungan der HTL Andorf

Ab Herbst darf Jamshid die vierjährige HTL Andorf besuchen. Er sieht es als große Chance, dort eine qualifizierte Ausbildung zu machen und sich so eine Basis für eine gute Zukunft zu schaffen.“Ich will nicht viel Geld verdienen, nur genug zum Leben“, sagt der 29-jährige Tischler, der sehr dankbar ist, dass er in Österreich zur Schule gehen darf.


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