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Von Hofamt Priel nach Sankt Lorenz − Vernetzte Geschichte in Zwischenräumen

Leserartikel Stefan Hinterdorfer, 13.04.2018 12:37

Im Museum ERLAUF ERINNERT werden Zwischenräume von Verfolgung, Mord und Widerstand sichtbar gemacht. Tips hat gemeinsam mit dem Historiker Christian Rabl hineingesehen.

Foto: Friedensmuseum Erlauf
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Gemeinsam mit dem Erlaufer Friedensmuseum hat der Verein MERKwürdig, der rund um das ehemalige Konzentrationslager in Melk entstand, eine Ausstellung initiiert, die sich den Verbrechen der Nationalsozialisten abseits der bekannten Gedenk-orte Mauthausen, Gusen und Wien widmet. Das erklärte Ziel sei „die Vernetzung von verschiedenen Initiativen aus der Umgebung“, so der Historiker Christian Rabl. Darunter finden sich ein Lokalhistoriker aus Golling, ein Filmemacher-Brüderpaar aus Hofamt Priel und ein Landwirt aus Mank. Menschen aus verschiedenen Orten, mit verschiedenen Berufen und aus verschiedenen Generationen. Menschen, wie sie hier im Mostviertel leben und arbeiten. So verschieden, wie die Menschen aus der Region jetzt die Geschichte aufarbeiten, haben sie Täter und Opfer erlebt.

Täter, Opfer und Widerstand

Die Ausstellung widmet sich den Opfern, den Orten ihres Leidens genauso wie Berichten von Zeitzeugen. Darunter etwa − wenige Tage vor Kapitulation der Wehrmacht − die Ereignisse vom 2. und 3. Mai 1945 in Hofamt Priel. Die Volksstimme vom 21. September 1945 schrieb dazu: „In der Nacht zum 3. Mai, also fünf Tage vor Einmarsch der Roten Armee in den Bezirk Melk, kamen zehn SS-Männer, die die Lagerinsassen, unter dem Vorwand es gehe zur Arbeit, abholten. Sie teilten sie in vier Gruppen von 50 bis 60 Juden, trieben jede Gruppe in einen Graben und töteten die Leute mit Maschinenpistolen und Karabinern. Dann übergossen sie die Leichen mit Benzin und verbrannten sie. Die vierte Gruppe, die aus Frauen mit kleinen Kindern und gebrechlichen Greisen bestand, ermordeten sie in den Baracken, in ihren Schlafstellen.“ Die Täter werden ausgespart und bleiben als Böses individuell ungenannt. Ihre Geschichte muss erst erinnert und dann in Geschichte verschriftlicht werden. Möglichst noch solange die letz-ten Zeitzeugen Auskunft geben können. Die Täter von Hofamt Priel wurden nie verurteilt. In Sankt Lorenz hingegen wurde einem SS-Bataillon, das nachweislich Kriegsverbrechen am Balkan beging, ein Erinnerungsort geschaffen. In den 1960er Jahren wurde vom Ortsverband des Kameradschaftsbundes Weißenkirchen das sogenannte Friedenskreuz errichtet. Laut Inschrift: „Zum Gedenken an die Gefallenen Helden der Kampfgruppe Jokisch“. Welche Heldentaten dabei geleistet wurden, ist nicht bekannt. Fest steht jedoch, dass von der Kampfgruppe Jokisch Ortschaften niedergbrannt, Geiseln genommen und Zivilisten erschossen wurden. Seit 2016 wird das Kreuz und die dazugehörige Inschrift von einer Karikatur verdeckt, die vom Künstler Martin Krenn gestaltet wurde und einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte leisten soll. Neben hilflosen Opfern und grausamen Tätern gab es aber auch Widerstand. Zwei Akteure des Widerstandes gegen das nationalsozialistische Regime waren der Pöchlarner Josef Munk und der in Petzenkirchen geborene Alois Futterer. Munk war bis zur austrofaschistischen Machtübernahme sozialdemokratischer Gemeinderat in Erlauf und Futterer Stellwerkswärter bei der Reichsbahn. Beide engagierten sich durch das Sammeln von Spenden für die kommunistische „Rote Hilfe“ und durch das Drucken von verbotenen Schriftstücken im Widerstand. Laut nationalsozialistischer Anklage wurden Sabotageakte besprochen aber nicht durchgeführt. Alois Futterer wurde 1942 gemeinsam mit anderen Widerstandskämpfern zum Tode verurteilt und enthauptet. Josef Munk wurde zum Einsatz in einem sogenannten Bewährungsbataillon eingesetzt, konnte 1944 fliehen und schloss sich dem Österreichischen Freiheitsbataillon an.

Ausstellung

Diese und andere Schicksale werden im Museum erinnert, aufbereitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ermöglicht durch die engagierte Arbeit von Historikern, Interessierten, Filmemachern und Zeitzeugen. Vernetzt durch den Verein MERKwürdig und mit der Unterstützung eines Museums, schafft es die Ausstellung, lokale Geschichte erfahrbar zu machen und einen Blick auf unsere Vergangenheit zu werfen, die zeitlich schon weit weg scheint, örtlich aber nicht näher sein könnte. „Vor allem junge Leute“, sagt Christian Rabl, bevor wir das Museum verlassen, „zeigen Interesse an der Geschichte ihrer eigenen Umgebung. Sie merken, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht nur weit weg, sondern auch hier stattgefunden haben.“


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