Gelungene Integration: Flüchtlingsfamilie nahm ihr neues Leben in Wartberg selbst in die Hand

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Mag. Susanne  Überegger Mag. Susanne Überegger, Tips Redaktion, 21.10.2020 07:52 Uhr

WARTBERG. Ein Musterbeispiel für die gelungene Inte­gration von Flüchtlingen ist die Familie Pritula aus Wartberg.

Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in Sicherheit kamen Yuri und Mira Pritula mit ihrem damals neunjährigen Sohn im August 2014 als Flüchtlinge von der Ukraine nach Österreich. Im ehemaligen Schwesternwohnheim von Schloss Haus fanden sie mit anderen Flüchtlingsfamilien Quartier.

Schnell Anschluss gefunden

„Mira sprach damals kein Deutsch und ich nur einige wenige Brocken. Aber das reichte am Anfang aus, um sich zu verständigen“, erzählt Yuri, der in seiner Heimat als Schulwart und Elektriker gearbeitet hatte. Von Anfang an nahm die Familie Pritula ihr Leben in Österreich selbst in die Hand.

„Die beiden wollten sich gleich ins gesellschaftliche Leben einbringen, haben soziale Kontakte zu den Wartbergern gesucht und rasch Anschluss gefunden“, berichtet der ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer Josef Bauer aus Wartberg, und schmunzelt: „Mit der Familie hatte ich eigentlich gar keine Arbeit, weil sie sofort so selbstständig war.“

Sprache rasch gelernt

„Das Wichtigste für uns war, möglichst schnell die Sprache zu lernen. Schon wenige Monate nach der Ankunft in Österreich habe ich ehrenamtlich für die Caritas Linz mit obdachlosen Kindern gearbeitet, später dann auf einem Bauernhof in Linz-Urfahr. Auf der Zugfahrt hatte ich immer die Bücher zum Lernen dabei“, erzählt Yuri in sehr gutem Deutsch.

Der Sohn lernte die neue Sprache in der Schule und im Hort. Heute spricht Volodimir (15) wie ein waschechter Mühlviertler und macht als Kampfsportler – er ist mittlerweile dreifacher österreichischer Karate-Staatsmeister und trainiert zudem im Gutauer Judoverein – von sich reden. Er besucht die Polytechnische Schule und strebt eine Lehre als Metallbearbeiter an.

Berufliche Selbstständigkeit

Bald zog die Familie in eine Wohnung im Pfarrhof um. Die gelernte Köchin Mira (37) half in der Küche von Schloss Haus und hielt ehrenamtlich die Kirche sauber. Auch Yuri wollte sich in der Pfarre engagieren. „Zu Beginn habe ich bloß die Blumen am Friedhof gegossen – aber nach zwei Jahren war ich schon für alle handwerklichen Tätigkeiten am Friedhof und in der Kirche zuständig“, berichtet Yuri mit sichtlicher Freude.

Weil er bei dieser Arbeit viel mit älteren Leuten ins Gespräch kam, und noch dazu von der Ausbildung zum Altenfachbetreuer gehört hatte, schlug er beruflich einen neuen Weg ein. Die zweijährige Ausbildung zum Fachsozialbetreuer Altenarbeit schloss Yuri mit Auszeichnung ab und wagte dann den Sprung in die Selbstständigkeit, da er als damaliger Asylwerber nicht in einem Angestelltenverhältnis arbeiten durfte.

„Zu Beginn war ich unsicher, ob das funktionieren wird. Ich bin ein Mann und Ausländer, hatte damals keinen Führerschein und kein Auto.“ Josef Bauer bestärkte seinen Freund aber in seinem Vorhaben: „Ich habe immer daran geglaubt, dass er als Mensch ankommt.“

Mit dem Fahrrad zu den ersten Kunden gefahren

Zu seinen ersten Kunden fuhr Yuri Pritula bei jedem Wetter mit dem Fahrrad. Dass er als mobiler Altenpfleger sehr gute Arbeit leistet, sprach sich in Wartberg und Umgebung schnell herum. „Ich helfe meinen Kunden bei der Körperpflege, bereite Essen zu, plaudere mit ihnen und gehe mit ihnen spazieren“, beschreibt Yuri Pritula seine Tätigkeiten. „Mittlerweile kann ich sogar schon österreichische Volkslieder singen. Das zu lernen, war ganz schön schwer“, lacht der 40-Jährige. Viel Wert legt der Altenpfleger darauf, sich ausreichend Zeit für seine Kunden zu nehmen: „Als Selbstständiger bin ich da im Vorteil.“

Nur vier freie Tage im ersten Jahr als selbstständiger Altenfachbetreuer

Im ersten Jahr arbeitete Yuri durch, auch an den Wochenenden: „Ich hatte nur vier Tage frei im ersten Jahr. Seit Kurzem schaue ich aber darauf, dass ich mir den Sonntag freihalte.“ Mittlerweile hat der Familienvater den Führerschein in der Tasche und sich auch ein Auto zugelegt: „Eines mit einer Rollstuhlrampe, so kann ich meine Kunden auch zum Arzt fahren oder Verwandtenbesuche mit ihnen machen.“

Mira arbeitet Vollzeit als selbstständige Reinigungshilfe und putzt bei gleich 19 Familien in Wartberg. „Die Familie hat ihre Pläne immer konsequent verfolgt und dabei darauf geschaut, sich um möglichst viel selbst zu kümmern“, lobt Josef Bauer. „Wir wollten uns unser Leben in Österreich einfach selbst erarbeiten“, sagen Yuri und Mira Pritula, die nach fünfeinhalb Jahren das Bleiberecht zugesprochen bekamen.

Österreichische Staatsbürgerschaft als Ziel 

Heute wohnt die dreiköpfige Familie in einem Haus zur Miete und führt ein zufriedenes Leben. Anderen Asylwerbern raten sie, sofort die Sprache zu lernen und soziale Kontakte zu pflegen. „Es ist wichtig, sich aus seiner Komfortzone zu bewegen. Auch wenn man vielleicht oft kämpfen muss, am Ende lohnt es sich.“ Die Pritulas haben, obwohl bereits so viel geschafft, noch ein Ziel vor Augen: die österreichische Staatsbürgerschaft. „Darüber würden wir uns sehr freuen. Unser Sohn könnte dann seinen Traum weiterverfolgen, Polizist bei einer Spezialeinheit zu werden.“

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