Diskussionsrunde: „Wir kreieren eine große Reihe an Problemen“

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Karin Seyringer Karin Seyringer, Tips Redaktion, 09.03.2021 10:33 Uhr

OÖ/HAGENBERG/PASSAU. Zu einer grenzüberschreitenden Online-Diskussion mit Experten aus Hagenberg und Passau zum Thema „Verstehen und Bekämpfen der Corona-Pandemie“ lud der Verein „Best Business Award“.

Blickrichtungen aus Österreich und Deutschland, aus Wissenschaft, Wirtschaft und Medizin zeigte die umfassende Diskussionsrunde auf. Auf Einladung von Best Business Award Präsident Rudi Fellner diskutierten die FH Hagenberg-Professoren Stephan Winkler und Gerald Lirk, Franz Xaver Hirtreiter, ehemaliger Geschäftsführer der Verlagsgruppe Passau und Eigentümer der AVP Automobilgruppe und Matthias Keller, Chefarzt der Kinderklinik Dritter Orden Passau.

„Pandemie fordert hohen Preis“

Die Teilnehmer waren sich einig: Die Corona-Pandemie fordert einen hohen Preis – wirtschaftlich, für die Gesellschaft, für die Kinder. Die dramatischen Folgen der Maßnahmen vor allem für Kinder zeigte der Mediziner Matthias Keller auf, von Schäden für die Entwicklung des eigenen Ichs über Kindeswohlgefährdung bis zur Misshandlung von Kindern. „Wir sehen, dass die Anzahl von suizidalen Verhalten und Hilferufe dramatisch ansteigt. Wir sehen Kinder mit Essstörungen, mit Depressionen“, so Keller. „Wir kreieren momentan große Reihe an Problemen für Kinder und Jugendliche.“

Eine enorme Zunahme von Interaktionsproblematiken gebe es ebenso, weil die Eltern es nicht mehr schaffen würden, die Probleme ihrer Kinder zu erkennen.

Die große Herausforderung sei die Angemessenheit der Maßnahmen: „Wie erreicht man Pandemiekontrolle – aber gleichzeitig das Recht auf soziale Teilhabe, Bildung und gesundes Heranwachsen. Kinder brauchen soziale Kontakte und Freunde, etwa beim Fußballspielen.“

Die massiven Auswirkungen auf die Wirtschaft zeigte Franz Xaver Hirtreiter auf. „Als Unternehmer war und ist das Berufsverbot das Schlimmste.“ Solidarisch mit der Politik sei er aber mittlerweile persönlich enttäuscht, weil die Maßnahmen nicht mehr nachvollziehbar seien, etwa weil auf einem 1.000 Quadratmeter Schauraum ohne Ansteckungsrisiko keine drei Besucher möglich seien. „Wir brauchen dringenst ein zurückgewinnen der Glaubwürdigkeit der Politik“, so Hirtreiter. Für ihn ebenfalls wichtig: „Die Politik muss zu den gemachten Fehlern stehen.“

Fehlende Logik hinter Maßnahmen

Generell fehlt den Teilnehmern der Diskussionsrunde die Logik hinter den Maßnahmen. „Völlig sinnfrei ist die Einschränkung der Bewegungsmöglichkeit an der freien Luft“, so Mediziner Keller. Gerald Lirk, Professor für Biologie Medizin an der FH Hagenberg sieht etwa kein Problem, wenn zwei Personen in einer Halle Tennis spielen. „Man muss wahrscheinlich wo Grenzen ziehen, aber manche Sachen sind mir und wahrscheinlich der ganzen Bevölkerung nicht mehr klar.“

Was für Lirk besonders schlecht laufe: Die Kommunikation. „Gerade bei den Tests fehlt die psychologische Komponente.“ Die Tests würden nicht immer stimmen, diese gewisse Sicherheit, die damit vermittelt werde, sei nicht vorhanden. „Man kann sich ein bisschen sicherer sein, aber man darf ja nicht glauben, dass man dann sicher negativ ist, wenn man negativ getestet ist.“ Für ihn wurde von der Politik auch der letzte Sommer komplett verschlafen.

„Es braucht Vision“

Auch wurde diskutiert, wie eine Balance zwischen Sicherheit einerseits, und Perspektiven für die Gesellschaft und Wirtschaft andererseits zu finden ist. Stephan Winkler, Professor für Bioinformatik: „Aus der Sicht des Informatikers ist wichtig: Wie viele Kontakte habe ich und wie groß ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit. Rein mathematisch kann der Weg funktionieren, Kontakte und Begegnungen zuzulassen, wenn man gleichzeitig dafür sorgt, dass es bei den Kontakten keine Ansteckungen gibt“, plädiert er für eine Öffnung, aber weiter für Masken, Abstand halten.

Aktuell sei das Problem aber: „Die Leute haben das Gefühl, 'wir waren lange solidarisch - und was haben wir davon: nichts. Das stimmt aber nicht. Wir haben eine weit bessere Situation als wir sie haben würden, wenn wir uns nicht daran gehalten hätten“, so Winkler.

Für Mediziner Matthias Keller ist klar: „Die Gesellschaft braucht eine Vision, eine gemeinsame Zieldefinition. Ich glaube, das ist uns verloren gegangen. Was mir auch viel zu kurz kommt, ist eine ethische Betrachtung von dem, was wir tun.“

Nachzusehen ist die Diskussion auf der Facebook-Seite von Best Business Award.

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