Dort wo das Handy keine Rolle spielt: der Bauernhof als idealer Lernort
KOGSCHLAG. „Gib' mir einen Menschen und ein Tier für eine Stunde - und ich weiß mehr, als ich im Zuge von unzähligen psychologischen Sitzungen erfahre“, ist Tanja Neumayr überzeugt. Die zertifizierte Trainerin der österreichischen Gesellschaft für tiergestützte Therapie setzt auf ihrem Hof auf Erlebnisse mit Tier und Natur, die ganz ohne Handy und Co auskommen. Gerade entsteht der Seminarhof „Zentrum Naturkinder“, der den Anspruch hat, wieder mehr Ursprüngliches, Sinn und Wurzeln in das Leben zu bringen.

„Kommt mit raus, die Aufgabe könnt ihr auch später noch erledigen“, ruft Tanja Neumayr ihren beiden Söhnen Ben und Mike zu. Und das aus dem Mund einer Pädagogin, die nahezu 20 Jahre an einer Berufsbildenden höheren Schule in Tulln Englisch und Sport unterrichtet hat.
Traum vom Bauernhof erfüllt
Nach einigen Übersiedlungen sind sie 2014 im Waldviertel angekommen und können einen wunderschönen Hof samt großen Weideflächen ihr Eigen nennen. „Es war schon immer unser Traum einen Bauernhof zu haben“, erzählt Tanja. Bislang war leider der gewünschte großflächige Grund um das Haus für die Tiere nicht gegeben.Auf ins „finstere“ Waldviertel“Uns haben alle für verrückt erklärt, als wir verkündet haben, dass wir noch einmal umziehen“, schmunzelt die 47-Jährige, gebürtig aus dem Tullnerfeld. Warnungen vor dem scheinbar „finsteren, nebeligen und verschlossenen“ Waldviertel inklusive. Doch die Neumayrs trotzten den Befürchtungen ihrer Umgebung und siehe da: „Kaum waren wir in Kogschlag, wurden wir schon zu einer Hochzeit und einer 60er Feier eingeladen“, freut sich Tanja über die tolle Aufnahme im Dorf.
Produktive Wut-Phasen
Einzig der Landesschulrat schien mit der Übersiedelung nicht glücklich zu sein - ihr damaliger Plan, im Waldviertel weiterhin als Lehrerin tätig zu sein, wurde zunichte gemacht. Zwar wurde sie bei unzähligen Schultypen und Direktoren im in der Region vorstellig, mit der Anstellung klappte es jedoch nicht. „Eine Zeit voller Wut folgte und aus dieser entstanden beim täglichen Ausmisten die Visionen“, erzählte Tanja. Sie beschloss, sich auf sich selbst und ihre Ausbildungen zu verlassen und richtete sich eine Cranio-Sacrale Praxis ein. Das war noch nicht alles, ihre Vision nahm weiter Formen an.
Knochenharte Schafe
Heute tummeln sich um Haus und Hof neben dem vertrauensvollen Kater Jimmy und Hund Cindy, noch Pferde, Schafe, Wachteln oder Kaninchen. Allesamt besonders und wichtig für die tiergestützten Aktivitäten, mit der sie Familien, darunter vor allem Kinder, begleitet. Es sind vielfach Probleme in der Schule, Ängste und Konflikte aller Art, mit denen Menschen zu ihr kommen. Wobei Tanja, vielmehr die Eltern beobachtet, diese seien oft der Schlüssel.
„Unser Pferd Salka ist eine total Ruhige, schreckt sie bei jemanden auf, dann habe ich für mich einen ersten Eindruck“, meint Tanja. Grundsätzlich sei es bei der Arbeit mit Pferden ratsam, „sich zu löschen, sich von den Gedanken, die einem beschäftigen zu befreien. Denn wenn man den Kopf voll hat, zeigt es das Tier, indem es ungehorsam, störrisch wird oder vorausrennt, weiß Tanja.
„Tiere haben die die Gabe, unmittelbar ein authentisches und ehrliches Feedback zu geben. Ob du Arzt oder der Papst bist, es ist ihnen egal.“ Tanja Neumayr
Tiere spiegeln viel wider, so auch die Schafe, die naturgemäß immer als letztes besucht werden, aus gutem Grund. „Die Schafe kommen erst dann zu dir, wenn sie spüren, dass dein Energielevel runtergefahren ist. Bist du aufgescheucht und geladen, halten sie Abstand - da sind sie knochenhart.“
HippoFit oder Stretch & Relax mit Schaf und Co
Kater Jimmy, den auch die Kleinsten sofort ins Herz schließen, die Kaninchen und die Wachteln machen das tierische Gefüge komplett. Vom Füttern, Bürsten, oder Führen des Tieres über das Basteln von Futterketten, dem Verkochen von hofeigenen Produkten am Lagerfeuer bis zum HippoFit, dem Stretch & Relax mit Schaf und Co oder dem English lernen mit Tieren reicht das Programm.
Schon gewusst, dass ein Wachtelei ein ganz besonderer Jungbrunnen ist? Es steigert bekanntlich die Vitalität, stärkt das Immunsystem und pflegt die Haut. Am Hof der Neumayrs wird gerade eine Wachtelwunderwelt zum Leben erweckt, wo nicht nur das hausgemachte Wachteleis ein „schräges“ Geschmackserlebnis bietet.
Übungsfeld Weide und Wiese
Tiere zeigen – ob Kind oder Führungskraft – nicht nur viel auf, sondern geben auch Energie und Kraft, stärken Beziehungen, fördern Verantwortung und weisen darauf hin, wie man mit Ruhe, Ausgeglichenheit und klarer Sprache leichter ans Ziel kommt, ist Tanja überzeugt. Wie wichtig Vertrauen, Beziehung und klare Strukturen sind, das wird am Übungsfeld von Weide und Wiese schnell klar, die oftmals antrainierte Durchsetzungskraft im Alltag wird hier auf einmal obsolet.
Vermittlung von Sinn - ganz ohne Handy
Und eines wird noch mitgegeben: Sinn. Etwas das Handy und Tablet nicht schaffen. „Kindern, denen man ihr Handy wegnimmt, sind oft hilflos“, weiß die Pädagogin aus Erfahrung. „Unser Sohn Ben ist ein lebendes Beispiel dass die Verbindung Natur und moderne Technologie funktioniert.“ Der Gymnasiast gilt in der Familie als IT-Manager, der sich zur Freude der Mama zwar gut auskennt, es aber im Alltag nicht so wichtig nimmt. Die Miteinbeziehung in familiäre Prozesse und Projekte geht vor. „Das Abendessen ist unser gemeinsamer Treffpunkt, hier brauche ich nicht zu diskutieren, ob das Handy einen Platz hat.“
Wichtiges steinzeitliches Stammhirn
Strahlende Mütter, fleckenlose Kleidung, perfekte Figur - die heute oft suggerierten Ansprüche sind groß. Dabei zählen die ureigenen steinzeitlichen Prinzipien, gemeinsame Arbeit, gemeinsames Lachen, Singen oder Tanzen, das Von- und Miteinander lernen bis heute zu unseren Sehnsüchten, wie man aus der Hirnforschung weiß. Denn auch unser „neuzeitliches“ Stammhirn funktioniere nach wie vor nach diesen urzeitlichen Prinzipien.
„Heute ist es nicht mehr der wahrhaftige Löwe vor der Höhle, der den Puls in die Höhe treibt, sondern der Stress, den wir in vielen Belangen ausgesetzt sind. „Das ist unser moderner Löwe.“ Und dieser spiegle sich dann möglicherweise in organischen Befindlichkeiten wieder. Aber anstatt den wahren Löwen zu bekämpfen, werden beispielsweise wieder „nur“ die Gallensteine entfernt, so Tanja. Urvertrauen wiederfinden, Verantwortungsbewusstsein, Selbstwert und Mut - das hat etwas mit Ursprünglichkeit und Erdung zu tun, ist sich Tanja sicher.
Sie möchte mit ihrem Zentrum Naturkinder, ihrem Erlebnishof oder ihren gratis Online-Magazinen ein Stück dazu beitragen, „wieder mehr Steinzeithirn“ aufkommen zu lassen.
Mehr Infos: www.pferdehof-neumayr.com


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden