„Von den 31.200 freien Stellen in OÖ sind 24.200 besetzbar, wenn man die richtigen Maßnahmen ergreift“
LINZ/OÖ. Obwohl die Zahl der Erwerbstätigen in Oberösterreich bereits unter dem Vorkrisenniveau und die Zahl der offenen Stellen auf Rekordniveau liegt, klagen viele Unternehmer über Personalknappheit. „Wenn man an den richtigen Schrauben dreht, kann man den Arbeitskräftemangel jedoch schnell stark reduzieren“, betont WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer und präsentierte am Mittwoch die Forderungen der WKOÖ.

Der Wirtschaftsmotor brummt wieder, die Arbeitslosigkeit sinkt. Mittlerweile liegen die Arbeitslosenzahlen bereits unter dem Vorkrisenniveau. Oberösterreich verzeichnet einen Beschäftigungsrekord nach dem anderen. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte bald die Marke von 700.000 übersteigen.
Zahl der offenen Stellen auf Rekordhöhe
Großer Schönheitsfehler dieser grundsätzlich sehr erfreulichen Entwicklung: Die Anzahl der offenen Stellen lag Ende September 2021 in OÖ mit 31.169 (das sind 40,5 Prozent mehr als im Vorjahr!) auf absoluter Rekordhöhe. Das bedeutet im Klartext: Die Unternehmen finden dringend benötigte Fach- und Hilfskräfte immer schwerer, müssen deswegen Aufträge ablehnen oder – wie in der Gastronomie und Hotellerie – ihr Angebot für die Kunden deutlich einschränken.
Schon 75 Prozent der Unternehmen sind laut aktueller Fachkräfte-Erhebung mittlerweile „sehr stark“ von Personalknappheit betroffen und rechnen in den nächsten drei Jahren mit einer weiteren Verschärfung der Lage. „Niemand hat die einzige Lösung für dieses akute Problem, sprich den magischen Knopf, den man drücken kann, um den Fach- und Arbeitskräftemangel ein für alle Mal zu beseitigen. Realistisch betrachtet kann man den Arbeitskräftemangel jedoch schnell stark reduzieren. Dafür muss an vielen richtigen Schrauben gedreht werden. Das zu tun, ist von größter gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Denn verschenktes Wirtschaftswachstum kostet Wohlstand und soziale Sicherheit“, so WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer.
Ältere Arbeitnehmer und Pensionisten
Bei der Beschäftigung der 55- bis 64-Jährigen hinkt Österreich etwa im europäischen Vergleich noch immer weit hinterher – wir belegen EU-weit nur den 19. Platz. Hummer: „Um das zu ändern, müssen vor allem die speziell in Österreich hohen Arbeitskosten reduziert werden. Arbeitnehmer unter 30 verdienen in der Alpenrepublik im Schnitt nur 57 Prozent des Stundenlohnes von Arbeitnehmern über 60. Das ist EU-weit nur Platz 22. Eine radikale Senkung der Lohnnebenkosten – keine Beiträge zur Unfallversicherung, zur Arbeitslosenversicherung bzw. zum Familien-Lasten-Ausgleichsfonds (FLAF) und zum Insolvenz-EntgeltSicherungsgesetz (IESG) für Personen 55 plus - würde Ältere für Betriebe leistbarer machen bzw. auch den Betroffenen mehr netto vom brutto bringen.“
Personen mit Migrationshintergrund
Viele Menschen mit nichtösterreichischen Wurzeln gehören schon längst zum unverzichtbaren Stammpersonal der heimischen Unternehmen und nehmen keinem einzigen Österreicher den Arbeitsplatz weg. Dass es gerade in dieser Gruppe noch viel Beschäftigungspotential für die Wirtschaft gibt, beweist die Tatsache, dass aktuell alleine in Oberösterreich 2.900 Asylberechtigte als arbeitssuchend vorgemerkt sind (die Dunkelziffer liegt freilich noch viel höher). Hummer: „Diese Gruppe muss gezielt aktiviert werden. Wer es ablehnt, die deutsche Sprache zu erlernen, muss finanzielle Zuwendungen verlieren. Ebenso muss diese Gruppe zu höherer Mobilität verpflichtet werden. Denn fast alle diese Personen leben in den Communities der Großstädte. Und ebenso ist der regelmäßige Besuch von regionalen Jobbörsen einzufordern. Fehlende Qualifikation kann kein Argument für Arbeitslosigkeit sein, zumal rund 40 Prozent der gesuchten Stellen Hilfs- und Anlerntätigkeiten betreffen.“
Auch die derzeitigen Saisonniers-Regelungen sind weltfremd: Gerade Tourismusbetriebe finden am heimischen Arbeitsmarkt schon längst nicht mehr die erforderliche Anzahl an Mitarbeitern und sind deshalb auf Saisonniers angewiesen. Durch entsprechende Anpassungen sollten wenigstens StammSaisonniers künftig nicht mehr unter die Quote fallen.
Frauen
Mit einer Frauenerwerbsquote von 72,3 Prozent liegt Österreich im europäischen Mittelfeld, wobei 47,3 Prozent von ihnen Teilzeit arbeiten (Platz 3 in Europa). Frauen stellen also eine enorm große Personalreserve dar, zumal viele von ihnen beides wollen: Eine Familie gründen und erwerbstätig sein. Hummer: „Der Schlüssel zu mehr Frauen in der Wirtschaft bzw. in Vollzeitjobs liegt klarerweise in der bestmöglichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dafür braucht es einen weiteren Ausbau der Kinderbetreuung, insbesondere bei den unter 3-Jährigen. Ebenso brauchen wir Kindergärten mit längeren Öffnungszeiten und weniger Schließtagen. Eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit würde zudem noch individuellere Arbeitszeitmodelle ermöglichen, von denen am Ende beide Seiten profitieren.“
Arbeitslose
29.143 Arbeitslosen standen Ende September 2021 in Oberösterreich 31.169 freie Stellen gegenüber. Eine Arbeitsmarktpolitik NEU muss mehr Bewegung in den Arbeitsmarkt bringen und mit den richtigen Maßnahmen dafür sorgen, dass die Wiederaufnahme einer regulären Beschäftigung attraktiver ist, als der Verbleib in der Arbeitslosigkeit. Derzeit verhindern etwa die zu geringe Differenz zwischen Erwerbseinkommen und Arbeitslosengeld, bestehende Zuverdienstmöglichkeiten, ein unflexibler Berufsschutz und eine uneinheitliche gegen Fachkräftemangel Medienservice bei der Verhängung von Sanktionen viele mögliche Jobaufnahmen.
Eine degressive, einkommensabhängige Staffelung des Arbeitslosengeldes in Verbindung mit einer deutlichen Einschränkung derzeit erlaubter Nebenjobs würde die Vermittlungsquote – gerade in den so wichtigen ersten drei Monaten der Arbeitslosigkeit – deutlich erhöhen. Auch die im Europavergleich überdurchschnittlich hohe Anzahl an Langzeitarbeitslosen in Österreich zeigt, dass österreichische „Besonderheiten“, wie etwa die unbegrenzte Notstandshilfe, Arbeitslosigkeit häufig künstlich verlängern und mögliche Jobaufnahmen verhindern.
„Das dänische Erfolgsmodell der ‚Flexicurity‘, dass die anfangs höheren Leistungen sukzessive kürzt, kann hier ein Ausweg sein. Das würde auch dazu führen, dass zumindest mehr Hilfskräfte vermittelt werden, zumal jeder zweite Arbeitslose in OÖ ohnehin nur über einen Pflichtschulabschluss verfügt. Eine Überarbeitung bzw. konsequente Umsetzung der Zumutbarkeitsbestimmungen sowie eine landeseinheitliche Vermittlung von Arbeitssuchenden über Bezirks- und Bundesländergrenzen hinaus stellt sicher, dass vakante Stellen in Unternehmen öfter als bisher mit Arbeitslosen besetzt werden können“, präzisiert die WKOÖ-Präsidentin.
Großteil der offenen Stellen ist rasch zu besetzen
„Die Zukunft des Arbeits- und Wirtschaftsstandortes Oberösterreich, unseres breiten Wohlstandes und des gut ausgebauten Sozialsystems werden ganz wesentlich davon abhängen, ob es uns gemeinsam gelingt, für die Betriebe sämtliche freie Arbeitskapazitäten gezielt zu erschließen und damit den Fachund Arbeitskräftemangel entscheidend zu entschärfen“, schließt Doris Hummer.
„Von den 31.200 freien Stellen in OÖ sind 24.200 besetzbar, wenn man die richtigen Maßnahmen ergreift“, ergänzt WKOÖ-Direktor-Stv. Friedrich Dallamaßl.


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