Studentin in Peking: Vom Leben mit Handy-Apps, Essen mit Stäbchen und digitaler Kontrolle
MÖNCHDORF. Chinas Hauptstadt Peking ist, wie berichtet, seit September der Lebensmittelpunkt der Studentin Eva Haslinger. Für Tips erzählt die 22-jährige Mönchdorferin vom Alltag in der Millionenmetropole, von den Herausforderungen, den Problemen, aber auch den vielen schönen Erfahrungen ihres Aufenthalts.

„Ich lerne momentan den Alltag einer der großen, modernen Städte entlang der Ostküste Chinas kennen“, sagt Eva Haslinger. „In einer Stadt im Landesinneren oder gar auf dem Land, wo die ärmere Schicht der Bevölkerung lebt, würde der Alltag sicher ganz anders aussehen.“
Dieser Alltag präsentiert sich der Mühlviertlerin in Peking derzeit extrem technologisiert und praktisch. „Gefühlt funktioniert das gesamte Leben mit irgendwelchen Handy-Apps, und ein Leben ohne Smartphone ist wirklich unvorstellbar.“ Bezahlt wird fast nur noch mit Hilfe von Apps, sogar an den kleinen Straßen-Verkaufsständen. „Von Lebensmitteln bis zu Elektrogeräten wird alles online bestellt. Eine der beliebtesten Seiten ist Taobao“, erzählt Eva. Auch in der traditionellen Fortbewegung per Fahrrad ist das Handy unentbehrlich. „Man entsperrt bei den Leihfahrrädern, die an jeder Ecke angeboten werden, einfach den QR-Code und lässt diese am Ziel einfach wieder abgesperrt stehen.“ Kurios kamen der Auslandsstudentin anfangs radelnde Chinesen vor, die mit Smartphone-Hilfe via Baidu Maps (ein Pendant zu dem gesperrten GoogleMaps) ihren Weg durch den Verkehr Pekings suchten. „Inzwischen bin ich allerdings selbst so unterwegs“, schmunzelt sie.
Foto von der „Langnase“
Positiv überrascht hat Eva Haslinger, dass die Menschen in Peking an westlich aussehende Menschen schon gewöhnt sind. „Ich werde trotz meiner blonden Haare nicht allzu oft fotografiert. Das passiert eher dort, wo chinesische Touristen aus anderen Teilen des Landes anzutreffen sind, die nur selten eine „Langnase“ erblicken.“ Bei ihrer Gastfamilie genießt sie ein recht komfortables Leben. „Es gibt im Haus einen Fitnessraum und in wenigen Minuten Fußweg drei verschiedene Shopping-Malls.“ Für die Hausarbeit sorgen eine Haushälterin, die Kinder werden von einem Kindermädchen betreut. „Das ist in China unter Wohlhabenden üblich. Allerdings gibt es auch sehr viele billige Arbeitskräfte“, fügt Eva hinzu. Die Haushälterin muss etwa mit vier Euro pro Stunde das Auslangen finden.
Senioren sind respektiert
Eine schöne Facette des Alltagslebens in China ist für die Mönchdorferin der Umgang mit alten Menschen. „Während bei uns viele einsam im Altersheim landen, sind alte Chinesen in der Gesellschaft sehr respektiert und haben in der Familie noch viel zu sagen.“ Dazu kommt ihre körperliche Fitness, die sie beim gemeinsamen Trainieren und Tanzen in den Parks pflegen. „Vielleicht spielt auch die relativ gesunde chinesische Kost beim gesunden Altwerden eine Rolle – besonders alte, noch nicht verwestlichte Chinesen essen so gut wie keinen Zucker, wenig Kohlehydrate und viel Gemüse.“
Ungustiöses Ausspucken
Neben diesen angenehmen und liebenswerten Details des Lebens in China kann sich die junge Frau bis heute an eines nicht gewöhnen: „Die Chinesen müssen immer und überall hinspucken. Auf der Straße, in der U-Bahn-Station oder zu Hause – dort zumindest ins Waschbecken. Auch auf die Menschenmengen in der U-Bahn kann man verzichten.“
Missverständnisse
Nicht nur die chinesische Sprache, auch die mangelnde Organisation des Studienbetriebs im Austauschprogramm mit der Uni Passau bereitete der Mönchdorferin anfänglich erhebliche Schwierigkeiten.
Richtig herausfordernd waren aber die kulturellen Unterschiede im Zusammenleben mit der Gastfamilie. „Auch wenn diese auf den ersten Blick nicht allzu groß sind, gibt es doch tiefer liegende Verschiedenheiten, die zu Missverständnissen geführt haben und noch führen werden“, weiß Eva Haslinger mittlerweile aus Erfahrung. Wer ist vertrauenswürdig? Wer versucht mich auszunützen? Wie weit darf ich mich ins Familienleben integrieren? Antworten auf diese Fragen zu finden ist kein leichtes Unterfangen. Familie und Außenwelt sind in China nämlich strikt getrennt. „In der Familie, auch der weitschichtigen Verwandtschaft, ist der Zusammenhalt sehr eng. Die Außenwelt ist einem aber relativ gleichgültig. Es kann passieren, dass bei einem Unfall niemand stehenbleibt und hilft, da einen das nichts angeht“, berichtet Eva.
Vom Essen begeistert
Sehr angetan ist die junge Mönchdorferin vom Essen in ihrem Gastland. „Für gewöhnlich kommen einem ja Hunde, Katzen, Maden und sonstiges Getier in den Sinn – das sind allerdings Vorurteile“, betont sie. Es gebe zwar im Süden Regionen, wo man derartiges tatsächlich verzehrt, jedoch sei das auch nur bei einem Teil der Bevölkerung üblich. „Wenn man möchte, kann man zwar auch in Peking seltsamste Speisen finden, häufig gibt es diese jedoch in Restaurants oder Essensstraßen für Touristen, nicht für Einheimische.“
Hühnerfüße und Entenhälse
Relativ oft seien auf dem Speiseplan jedoch Innereien, Hühnerfüße, -köpfe oder Entenhälse zu finden. „Diesen „Köstlichkeiten“ kann man aber recht gut aus dem Weg gehen. Generell ist die Küche sehr vielfältig und es gibt – natürlich mit Stäbchen – weit mehr als nur Reis zu essen.“ Getrunken werde heißes Wasser. „Gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen mag ich es schon viel lieber als kaltes.“
Schönes überwiegt
Nach ihrem schönsten und auch nach dem schlimmsten Erlebnis gefragt, tut sich Eva Haslinger mit der Antwort schwer. „Es gibt viele schöne Erlebnisse, oft sind es kleine Momente im Alltag, wenn man zum Beispiel ein erfolgreiches Gespräch auf Chinesisch führen konnte, besondere Menschen kennenlernt oder beginnt, Verhaltensweisen zu verstehen, die einen bisher irritiert haben.“ Weniger schön sei es, wenn sie als dumm eingestuft werde, nur weil sie die Sprache nicht so gut beherrscht. „Solche Situationen sind sehr lehrreich, damit man versteht, wie es Flüchtlingen in Österreich oft geht.“
Kontrolle durch den Staat
Bedrückend findet sie die unsichtbare digitale Überwachung durch den Staat, der das Volk mit Hilfe von riesigen Datenmengen und künstlicher Intelligenz zu kontrollieren versucht. „Google, Facebook und Whatsapp sind gesperrt. Man sollte nichts veröffentlichen, das sich kritisch gegen den Staat richtet. Ich denke, es wird immer schwieriger werden, hier seine Meinung frei zu äußern. Am bedenklichsten ist die scheinbare Freiheit, die man empfindet.“
Lernen fürs Leben
Nachholbedarf gibt es in China, was die Emanzipation der Frau angeht. „Dazu gilt man als junger Mensch in der Gesellschaft noch nicht so viel wie ältere und somit erfahrenere Menschen“, weiß die Studentin. „Dadurch gab es schon Situationen, in denen ich als unerfahrenes Mädchen angesehen wurde, das keine Ahnung von der Realität hat.“ Das mache es dann oft schwierig einzuschätzen, ob jemand versucht, einen auszunutzen oder nicht. „Genau in solchen Sitationen lernt man jedoch extrem viel fürs Leben und über die Kultur.“


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