OBERTRAUN. Immer wieder ist Horst Hattinger mit seinem Kajak auf Abenteuern unterwegs. Nachdem ihn seine Fahrten schon nach Albanien oder ins Himalaya-Gebiet gebracht haben, stand für den Obertrauner und seine Reisegefährten diesmal einer der letzten großen Wildwasserflüsse der Alpen auf dem Programm: der 172 Kilometer lange Tagliamento.

Der Fluss entspringt in den Friaulischen Dolomiten und mündet bei Lignano in die Adria. „Dazwischen liegt ein einzigartiges Flusssystem, wild und großteils völlig unberührt“, erzählt Horst Hattinger. Gemeinsam mit Martin Spießberger (Ebensee) und Stephan Pilzer (Obertraun) glückte ihm innerhalb von drei Tagen eine durchgehende Befahrung des ungezähmten Wildflusses.
Den richtigen Zeitpunkt erwischt
Eine solche scheitert gerade am Tagliamento häufig, wie Hattinger erklärt: „Zum einen ist es eine lange anstrengende Tour, dann ist der Oberlauf technisch wirklich schweres Wildwasser. Zudem ist nicht immer gewiss, ob im Unterlauf genügend Wasser zum Paddeln ist, weil der Fluss versiegt und auch für Bewässerungszwecke abgeleitet wird.“ Man muss also zum richtigen Zeitpunkt starten – und den hatten die drei Kajakfahrer definitiv erwischt: Der Fluss führte gerade Hochwasser und machte eine durchgehende Befahrung möglich.
Kajak musste getragen werden
Doch auch so stellten sich den Kajakfahrern einige Herausforderungen in den Weg. Etwa am Beginn, wo sich der Fluss in die bekannte Tagliamentoklamm schneidet: Schweres Wildwasser zwang Hattinger, Spießberger und Pilzer mehrere Male, ihre mit Zelt, Schlafsack und Nahrungsmittel geladenen schweren Boote durch unwegsames Gelände, fernab jeglicher Zivilisation zu tragen, ehe sie sie wieder ins Wasser setzen konnten.
Einmalige Gelegenheit und schwierigstes Wasser
Es folgt eine völlig unbeschriebene Flussstrecke, denn am einzigen Kraftwerk am Fluss wird normalerweise alles Wasser abgeleitet. Als die drei Kajakfahrer ankamen, war das Wasser für eine Befahrung jedoch ausreichend. Sie entschlossen sich, diese seltene Gelegenheit zu nutzen, für die es auch in der Kanuliteratur keine Informationen gibt – und kamen gleich zu Beginn ordentlich ins Staunen: „Es erwartete uns Wildwasser im oberen Schwierigkeitsgrad. Einige Stellen waren unfahrbar, dann wieder fanden wir Wege durch den Naturslalom. Zehn Stunden waren wir unterwegs, ehe wir 15 Kilometer vor Tolmezzo auf einer riesigen Schotterbank Camp aufschlugen. Wir hatten großes Glück, dass wir diesen Abschnitte paddeln konnten, denn bereits am nächsten Tag war zu wenig Wasser“, schildert Hattinger die eindrucksvolle Fahrt.
Trotz des vom Regen völlig durchnässten Holzes schafften es die drei Abenteurer, Feuer zu machen und kochten so auch direkt am Feuer – für Hattinger die „ehrlichste Variante“.
Farbenspiel von klar und weiß über braun bis türkis
Der zweite Tag brachte nicht nur traumhaftes Wetter, sondern auch flottes schnelles Wildwasser: “Elf Stunden paddelten wir nur mit kurzen Pausen und waren fasziniert von der Schönheit der Landschaft. Mehrmals wechselte der Tagliamento seine Farbe, von klar bis braun zu weiß, türkisfarbene Zuflüsse von den Seitenbächen. Zweimal beobachten wir Füchse am Fluss am Tag, was zeigt wie einsam der Fluss läuft, dazu Biber und Adler“, so Hattinger.
In Pinzano, wo der Fluss in die Ebene übergeht und aus den Alpen austritt, folgten bis zu vier Kilometer breite Schotterbänke, durch die sich ein Labyrinth an Bächlein einen Weg bahnt, und wo auch viele seltene Tiere ein Zuhause finden. „Es ist eine Wildnis, so versteckt und doch so zentral. Und der einzige Weg durch sie führt auf dem Fluss“, so der Obertrauner.
Nach drei Tagen an der Adria
Nachdem sie die zweite Nacht auf einer Insel verbracht hatten, starteten Hattinger, Spießberger und Pilzer am dritten Tag schon um sieben Uhr morgens und paddelten etwa 50 Kilometer. Aufgrund der abnehmenden Strömung vor allem eine Frage der Ausdauer, wie Hattinger erzählt. Nach sieben Stunden gelangten sie schließlich in die Adria: „Direkt in Lignano am Strand mündet der König der Alpenflüsse und nach 170 Paddelkilometern waren wir froh, dass meine Eltern uns völlig „ausgerackerte“ Paddler abholten.“


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