Aus der Praxis für die Praxis: MedUni Linz bricht Lanze für Allgemeinmedizin

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Karin Seyringer Tips Redaktion Karin Seyringer, 19.05.2022 20:29 Uhr

LINZ. Den weltweiten Tag der Allgemeinmedizin am 19. Mai nahm die MedUni der Johannes Kepler Uni Linz zum Anlass, aus der Praxis des Ausbildungs-Alltags zu berichten. Angesichts der Herausforderungen sei es umso wichtiger, den angehenden Jungärzten schon zu Beginn den richtigen Einblick in die Praxis zu geben, ihnen unter die Arme zu greifen. Die aktuelle Wahlarzt-Diskussion hingegen sei „völlig sinnlos“. An der MedUni Linz ist die Allgemeinmedizin mit eigenem Lehrstuhl eine besondere Säule.

Schon sehr früh, im ersten Semester, absolvieren Studierende der MedUni Linz ein Ordinationspraktikum in einer allgemeinmedizinischen Praxis und bekommen so schon zu Beginn ihrer Ausbildung Kontakt mit Allgemeinmedizinern. Das ist es unter anderem, was Studentin Edith Eicher am Studium begeistert. Sie studiert im achten Semester, die Vielfalt im Bereich der Allgemeinmedizin interessiert sie besonders. „Ich denke, dass hier viele Türen offen stehen. Besonders schön finde ich langjährige Beziehungen zu Patienten und sich auch mit ihrem Umfeld zu beschäftigen, auch auf sozialer und psychischer Ebene.“

80 Lehrpraxen

Mit 80 Lehrpraxen in Oberösterreich hat die MedUni einen Vertrag, dazu kommen 70 von mehr als 100 Lehrenden am Institut für Allgemeinmedizin aus der Praxis. Viele Praktiker wollen und wirken an der Ausbildung mit.

An der MedUni Linz gibt es für Studierende verpflichtende Module, Kurse und Praktika im Bereich Allgemeinmedizin, vertiefend werden zusätzlich Wahlfächer und Zusatzangebote wie eine Summer School angeboten. „Das ist eine wichtige Kombination“, ist JKU-Rektor Meinhard Lukas überzeugt. So werde greifbar, praxisnah und modern unterrichtet. Besonders wichtig für ihn: Der ganzheitliche Zugang zur Medizin als Basis.

Neues Stipendium

„Wir haben einen gesellschaftspolitischen Auftrag für Versorgungssicherheit. Wir müssen angehende Mediziner schon früh das Rüstzeug mitgeben und motivieren, sich schon während des Studiums für die Allgemeinmedizin zu interessieren“, so auch Vizerektorin für Medizin Elgin Drda. Die Medizinische Fakultät führt auch ein zusätzliches Stipendium ein – für Famulaturen in allgemeinmedizinischen Praxen. Ein vierwöchiges Praktikum wird mit 400 Euro unterstützt.

Große Herausforderungen

Nicht nur die anstehende Pensionierungswelle, auch die Alterung der Bevölkerung gehöre zu den großen Herausforderungen. Die Anzahl der Vertragsärzte (inkl. Zweitordination) beträgt in Oberösterreich derzeit 1.033 Ärzte (Stand 27. April 2022). Davon gehören 440 zur „Baby Boomer Generation“ (1946-1964), die ab 2025 das Alter 60+ erreicht haben. Die erste Hälfte der „Generation X“ (1965-1973) umfasst 293 Ärzte und Ärztinnen, die das Pensionsalter in den Jahren 2025 bis 2033 erreichen. Das bedeutet in den kommenden zehn Jahren ein Minus von 79 Prozent in der Versorgung im niedergelassenen Bereich. 

Die Situation für junge Mediziner habe sich im Vergleich zu den letzten Jahren aber sehr verbessert. Mittlerweile gebe es eine Vielfalt an Organisationstypen in der Allgemeinmedizin, „das ist es, worauf auch die kommenden Generationen bauen können. Wir müssen als Uni, in der Lehre dafür sorgen, dass wir Studierende darauf vorbereiten, ihnen Wissen über die Organisation einer Ordination im Alltag mitzugeben – um ihnen so den Einstieg in den ärztlichen Alltag zu erleichtern. Das wollen wir als medizinische Fakultät bieten – mehr Verknüpfung mit der Praxis, gute Vorbereitung auf den ärztlichen Alltag“, so Erika Zelko, die Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin. Auch geforscht werde unter anderem zur Versorgung in den Regionen.

Mit dem immer größer werdenden Stellenwert des Hausarztes als erste Anlaufstelle sei der Auftrag der Uni auch, das Image zu verbessern und zu zeigen, dass der Beruf auch mit der Familie vereinbar ist, ergänzt Drda.

Viel Gestaltungsfreiraum

Eine Lanze für die Allgemeinmedizin bricht auch Ärztin Johanna Holzhaider. Sie lehrt nicht nur an der MedUni Linz, ist auch Hausärztin und führt gemeinsam mit Kollegin Hedwig Eichler eine Jobsharing-Gruppenpraxis in Sandl. „Wir sind nicht nur Mediziner, sondern auch Unternehmer. Viele sehen das als Last, ich habe das nie so gesehen. Wir haben viel Gestaltungsfreiraum, der 2014 eingeführte Hausärztliche Notdienst (HÄND) hat uns sehr viel abgenommen“, verweist sie auch auf Familienfreundlichkeit. „Es hat sich viel verändert“, verweist sie auf viele neue Möglichkeiten der Organisation im niedergelassenen Bereich.

Pensionierungen: „Wir haben eine Lücke drin“

Klar sei aber: „Wir haben – das muss man ganz ehrlich sagen – eine Lücke drin. Ein Fehler im System. Wir haben eine Pensionierungswelle, und eine Lücke an Nachkommenden. Ich bin aber positiv gestimmt, weil ich glaube, dass sich das mithilfe der Universität wieder auffüllen lässt. Aber ein paar Jahre werden wir überbrücken müssen. Und dafür sind wir alle hier, geben unser Bestes, damit wir junge Menschen für diesen wirklich attraktiven Beruf gewinnen können.“

„Völlig sinnlose“ Diskussion um Wahlärzte

Für „völlig sinnlos“ hält Holzhaider die aktuelle Diskussion um Wahl- und Kassenärzte. „Wir sind ein freier Beruf, den kann man nirgendwo hineinzwingen. Wahlärzte sind genauso wertvoll für die Versorgung“. Natürlich gebe es aber einige Verbesserungsvorschläge zur Attraktivierung der Kassenverträge, nennt sie etwa Flexibilität bei Ordinationszeiten oder die Freiheit, trotz Kassenarztvertrag auch privatärztlich tätig sein zu dürfen. Das würde zur Attraktivität beitragen, auch für junge Kollegen, die im Ausland ihre Ausbildung erweitern. Diese wolle man dann in unser System zwingen, das aber zu enge Schienen habe. „Diese Schienen müssten weiter werden. Ich finde, das wäre der bessere Weg: den Kassenvertrag zu attraktiveren“, wünscht sich die Hausärztin einen gemeinsamen Weg mit der Gesundheitspolitik.

Im Video: Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät der JKU Linz

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