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„Die Prosperität Europas hängt am seidenen Faden“: Industriellenvereinigung pocht auf Stärkung des Wettbewerbs

Tips LogoKarin Seyringer, 19.06.2024 20:39

OÖ/LINZ. Vor einem Jahr stellte die Industriellenvereinigung (IV) OÖ im Rahmen ihres traditionellen Industrieempfangs die Frage „Quo Vadis Industrie“ im Kontext der Europäischen Union. „Ein Jahr später haben sich die Rahmenbedingungen weiter enorm verschärft, mit enormem Kostendruck“, so IV OÖ-Präsident Stefan Pierer.

  1 / 16   Talk-Runde beim Industrieempfang 2024, v. l.: IV-OÖ Präsident Stefan Pierer, Landeshauptmann Thomas Stelzer, Moderatorin Nina Kraft, Markus Beyrer, Saori Dubourg, Landeshauptmann Thomas Stelzer und IV Präsident Georg Knill (Foto: IV OÖ/Roland Pelzl)

So stand der Rückfall Europas und Österreichs im globalen Standortwettbewerb im Mittelpunkt des diesjährigen Industrieempfangs. Die IV OÖ hatte in die Kepler Hall am Campus der JKU Linz geladen.

„Wir haben ein demografisches Thema, ein Energiekostenthema, nicht funktionierende Einwanderung, mittlerweile reguliert sich Europa zum Stillstand“, zählt IV OÖ-Präsident Pierer bei einer Pressekonferenz vor dem Industrieempfang auf. Europa gerate angesichts der Entwicklungen in den USA und China ins Hintertreffen. Auch das Superwahljahr mache die Situation nicht leichter. Und: „Europa überschätzt sich heillos, wir haben nur mehr 15 Prozent der Wertschöpfung weltweit, der einheitliche Markt in der EU ist nicht mehr so, wie er war. Wir beginnen uns auch im Binnenmarkt zu zersplittern.“

Ein großes Problem seien auch die steigenden Personalkosten in Verbindung mit schleichender Arbeitszeitverkürzung. „Wenn immer mehr Menschen immer kürzer arbeiten und bei höherer Lebenserwartung und längeren Ausbildungszeiten trotzdem Anfang 60 in Pension gehen, wird unmittelbar klar, dass das keine gesunde Entwicklung für den Industriestandort aber auch nicht für die Finanzierung des Sozial- und Pensionssystems Österreichs darstellt. Es muss sich jetzt rasch etwas ändern“, fordert Pierer mit der IV OÖ Kurskorrekturen auf europäischer Ebene sowie ein Reparaturpaket für den Standort Österreich. (Details siehe unten)

„Immerhin steigendes Verständnis“

Zu Gast war auch BusinessEurope Generaldirektor Markus J. Beyrer: „Europa ist jetzt noch eine Marke, aber wenn wir uns lange spielen, sind wir es bald nicht mehr.“

Ergänzend nennt Beyrer als weiteres großes Problem lange Verfahrensdauern, „81 Prozent der Unternehmen sagen, dass das ein Grund sei, nicht in Europa zu investieren.“  

Beyrer wie auch Pierer blicken aber auch optimistisch in die Zukunft: Immerhin gebe es mittlerweile bei Entscheidungsträgern in der EU ein steigendes Verständnis, dass dringend Maßnahmen für die Stärkung des Wirtschaftsstandortes Europa erforderlich seien. Beyrer nennt hier das Ansinnen für einen Europäischen „Competitiveness Deal“. „Aber nur Ansagen helfen nicht, wir brauchen Taten.“

 Helmenstein: „Prosperität Europas hängt am seidenen Faden“

Bestätigt werden die beiden von Universitätsprofessor Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung: „Die Prosperität Europas hängt am seidenen Faden.“ Eine Anpassung der Regelungen beim Thema Überbürokratisierung genüge nicht, es brauche einen völlig neuen Zugang, ist dieser überzeugt. Sein Ansatz - vom Publikum bei seiner Keynote beim Industrieempfang mit Applaus goutiert: „Public First:“ Zuerst in öffentlichen Stellen und Behörden neue Regelungen einführen und erproben, wenn diese nach zwei Jahren immer noch als gut befunden würden, könne man sie auch in Unternehmen bringen.  

Zum Thema steigender Personalkosten meint Helmenstein: Hohe Arbeitskosten seien per se kein Problem, das Problem seien die Lohnstückkosten, „das Zusammenwirken stimmt nicht mehr. Wenn wir 20 Prozent mehr Arbeitskosten haben, aber dann auch 22 Prozent mehr Arbeitsproduktivität, wäre das sehr gut. In den letzten Jahren hatten wir aber kaum mehr Steigerungen bei der Produktivität, zulasten der Wettbewerbsfähigkeit – mit Auswirkungen auf unseren Wohlstand.“ 

Helmenstein betont auch die demografische Entwicklung, in Österreich würden die nächsten Jahre 540.000 Menschen mehr in Pension gehen als nachkommen. Lösungsansätze: Die Chancen der Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz nutzen, aber auch Migranten qualifizieren.

„Braucht eine Kultur des Scheiterns“

Und es brauche eine „Reform“ auf gesellschaftlicher Ebene, eine neue Einstellung zum Unternehmertun, eine „Kultur des Scheiterns“. Vorbild für Helmenstein: die Niederlande. Hier würden anders als in Österreich Projekte gefördert, die eine hohe Wahrscheinlichkeit des Scheiterns haben.

Pierer: „Hört auch mit dem Gegeneinander“ 

Nach der Keynote vor den zahlreichen Gästen des Industrieempfangs von Helmenstein waren sich in einer Podiumsrunde IV OÖ-Präsident Pierer, die neue Greiner CEO Saori Dubourg, BusinessEurope Generaldirektor Beyrer, Landeshauptmann Thomas Stelzer, IV-Präsident Georg Knill sowie Helmenstein einig, dass angesichts der Alarmsignale dringender Handlungsbedarf auf europäischer und nationaler Ebene bestehe.

Pierers Appell vor den zahlreichen Gästen an die Politik „aller Richtungen“: „Hört auf mit dem Gegeneinander, dem Kleingeistigen, arbeiten wir gemeinsam.“

Hintergrund: Reparaturpakete für Europa und Österreich gefordert

Die Forderungen der Industriellenvereinigung: Wesentliche Kurskorrekturen der neu gewählten EU-Vertreter.

  • Senkung des Bürokratieaufwandes für Betriebe
  • Etablierung eines Energie-Binnenmarktes mit ausgebauten Netzen und ohne regulatorische Hindernisse für eine sichere und preislich wettbewerbsfähige Energieversorgung
  • Erleichterung des Zugangs von Unternehmen zu Finanzierungen über den Kapitalmarkt durch eine Kapitalmarktunion
  • Verstärkung der technologieoffenen Förderung von Forschung und Innovation
  • Ausbau der digitalen Infrastruktur, Forcierung von Künstlicher Intelligenz als Geschäftsmodell und Wachstumstreiber
  • Abschluss internationaler Freihandelsabkommen, Verhinderung von Strafzöllen
  • Gesteuerte qualifizierte Zuwanderung statt ungesteuerter Migration

An die Bundesregierung in Österreich richtet die IV die Forderung nach einem Standortreparatur-Paket:

  • Anreize zum (Mehr-)Arbeiten
  • Entlastung I: Stufenplan zur Senkung der Steuern- und Abgabenquote von auf unter 40 Prozent
  • Entlastung II: Massive Senkung der Lohnnebenkosten um mehrere Prozentpunkte
  • Nachhaltige Finanzpolitik: Schuldenbremse mit dem Ziel von ausgeglichenen Budgets über den Konjunkturzyklus
  • Schlanker Staat: Entbürokratisierungs- und Digitalisierungspaket im öffentlichen Sektor
  • Fachkräfte der Gegenwart: Programme für den qualifizierten Zuzug von Fachkräften
  • Fachkräfte der Zukunft: Duale Ausbildung als absolutes Stärkefelder der heimischen Bildungspolitik ausbauen, MINT-Graduierungen um 20 Prozent steigern
  • Forschung und Innovation: Budgets für technologieoffene direkte und indirekte Forschungsförderung ausbauen
  • Energieversorgung: Maßnahmen zur Sicherstellung wettbewerbsfähiger Energiepreise, beschleunigter Energieinfrastrukturausbau
  • Investitionen in die Twin Transition: Attraktivierung von zukunftsträchtigen, wertschöpfungsintensiven Investitionen für die technologieoffene grüne und digitale Transformation

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