Verbindlichkeit als entscheidender Faktor bei Patientenlenkung
LINZ/OÖ. Mit der Nuklearmedizinerin Silke Haim, tätig als Fachärztin im Ordensklinikum Linz bei den Barmherzigen Schwestern, steht erstmals eine Frau an der Spitze der Ärztekammer für Oberösterreich. Mit Tips spricht sie über eine mögliche Patientenlenkung, um Notfallambulanzen zu entlasten, über die Situation der Allgemeinmediziner und über Prävention im privaten Umfeld.

Tips: Sie sprechen regelmäßig die Notwendigkeit einer Patientenlenkung an, um die Ambulanzen zu entlasten. Wie könnte diese für einen Patienten aussehen?
Silke Haim:Wenn man ein Problem in einer Zeit hat, in der ein Hausarzt verfügbar ist, dann wird der erste Schritt sein, ihn anzurufen. Der sagt entweder: „Ja, kommen Sie vorbei“, oder er gibt einen telefonischen Ratschlag, weil das Problem vielleicht nicht arztpflichtig ist. Außerhalb dieser Uhrzeit, sofern es kein Notfall ist, ruft man 1450 und wird beraten. Das Wichtige bei dieser 1450-Empfehlung wäre für uns, dass die Patienten das dann einhalten. Die Verbindlichkeit ist das Um und Auf.
Apropos Hausarzt: Aktuell sind 26 Hausarztstellen in Oberösterreich unbesetzt. Wie schafft man es, offene Kassenarztstellen nachzubesetzen?
Es wird notwendig sein, Kassenverträge und die Honorargestaltung neu zu denken. Ein Beispiel: Man muss als Kassenarzt in der Allgemeinmedizin, wenn man einen gewissen Patientenstand betreuen will, möglichst schnell arbeiten und hat zum Teil nur eine kurze Zeit für Patienten zur Verfügung. Das ist für viele Kolleginnen und Kollegen unbefriedigend, weil es Teil einer guten medizinischen Betreuung ist, Raum für ein Gespräch zu geben. Das ist in der Kassenleistung nicht abgebildet. Wir leben auch in einer Zeit, in der alle berufstätigen Menschen, nicht nur die Mediziner, flexibler bleiben wollen. Das ist ebenfalls einer der Gründe, warum man sich mit 30 nicht auf einen Kassenvertrag einlässt. Ein weiteres Thema bei den Kassenstellen: Die Medizin ist zu 50 Prozent weiblich, es gibt keine Karenzregelung. Wenn man schwanger wird und in Karenz geht, hat man kein Einkommen und muss sich selbst jemanden suchen, der die Arbeit weiterführt.
Sind daher Primärversorgungseinheiten für junge Mediziner attraktiver?
Die PVEs bilden das ab, was Ärzte in den ersten Jahren gewohnt sind. Man ist in einem Angestelltenverhältnis und hat einen Dienstgeber, der sich strukturell um alles kümmert. Man erbringt medizinische Leistung, aber die wirtschaftliche Verantwortung und das Risiko hat man dort nicht.
Wahlärzte werden oft in Zusammenhang mit einer Zweiklassenmedizin gebracht. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?
Es werden ungefähr 80 Prozent des Satzes refundiert, den ein Kassenarzt für dieselbe Leistung erhält. Das finde ich mittlerweile überholt. Früher hat die Gesundheitskasse mit bürokratischem Aufwand für die Einreichung dieser Rechnungen argumentiert. Mittlerweile ist das automatisiert. Es wäre also an der Zeit, 100 Prozent zu refundieren. Und ja, ein Wahlarzt ist ein Arzt, der das Honorar seiner Leistung selber bestimmen kann und auch soll, weil er wirtschaftlich denken muss.
Wie kann man lange Wartezeiten bei OPs umgehen?
Wenn man eine geplante Operation hat und man dort, wo man sich operieren lassen möchte, eine subjektiv zu lange Wartezeit hat, hat man die Möglichkeit, sich im Internet zu informieren. Es gibt Häuser, die vielleicht ein nicht so breites Spektrum haben, aber diese Leistung mit einer sehr hohen Qualität anbieten. Dann wird man schneller versorgt.
Sie setzen sehr stark auf Prävention. Welche Empfehlung gibt es von Ihrer Seite?
Wir haben eine hohe Lebenserwartung, aber die Anzahl an gesunden Lebensjahren im EU-Schnitt ist bei uns niedriger als in den Nachbarländern. Das sollte uns zu denken geben. Wir wissen alle: Gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung führen zu psychischem und physischem Wohlbefinden und damit zur Gesundheit. Man müsste den Patienten ein Angebot zur Verfügung stellen, damit sie diese Dinge in ihrem persönlichen Umfeld ändern können. Fast jeder hat ein Handy und es gibt schon ziemlich coole Apps.








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