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PERG/LINZ. Es gibt Situationen, die Menschen dermaßen überfordern und unter Druck setzen, dass sie keine Perspektiven und keinen Sinn mehr sehen. Viele kommen an einen Punkt, an dem sie nicht mehr leben wollen. Anlässlich des Welt-Suizid-Präventionstages informierten die TelefonSeelsorge OÖ und BEZIEHUNGLEBEN.AT gemeinsam mit dem Wiener Mediziner und Präventionsforscher Nestor Kapusta am 8. September 2017 im OÖ. Presseclub über Möglichkeiten, suizidgefährdete Menschen und ihre Angehörigen zu entlasten und zu stärken.      

v. l. Josef Lugmayr, Leiter des Zentrums BEZIEHUNGLEBEN.AT Linz, Nestor Kapusta, Facharzt für Psychiatrie und Suizidpräventionsforscher, Silvia Breitwieser, Leiterin der TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142 Foto: Diözese Linz

Bei einer Pressekonferenz im OÖ. Presseclub berichteten Silvia Breitwieser, Leiterin der TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142, und Josef Lugmayr, Leiter des Zentrums BEZIEHUNGLEBEN.AT, aus ihrem Beratungsalltag und informierten über Möglichkeiten, wie suizidgefährdete Menschen und ihre Angehörigen rasch und effizient unterstützt und begleitet werden können. Nestor Kapusta, Facharzt für Psychiatrie und Suizidpräventionsforscher, gab detaillierte Einblicke in die Komplexität von Suizidalität und schilderte die Bedeutung und Möglichkeiten der Suizidprävention.

Enttabuisierung und Aufklärung als Schritte zu konkreter Hilfe

Angehörige von Menschen, die einen Suizidversuch gemacht haben oder durch Suizid verstorben sind, fragten verzweifelt nach dem Warum und wollten den Suizid(-versuch) nachvollziehen, so Kapusta. Die Ursachen für einen Suizid seien komplex. Belastende Ereignisse hätten meist mit Verlust zu tun: Verlust einer geliebten Person, Verlust des Status oder Verlust der menschlichen Würde und Integrität. Bei 70 bis 90 Prozent der Suizide sei eine psychische Erkrankung vorausgegangen. Der Experte betonte, Suizid sei ein trauriges und beängstigendes Thema, das mehr Menschen beschäftige als vielleicht angenommen. „Ein menschliches und verstehbares Phänomen, das aber auch gelöst werden kann, sodass Menschen zu neuer Lebensfreude finden.“

Tod durch Suizid doppelt so häufig wie durch Verkehrsunfälle

Suizid ist nach seiner Aussage auch heute noch ein tabuisiertes Phänomen – und das angesichts der Tatsache, dass im Jahr 2016 österreichweit 1.198 Menschen Suizid begangen haben. Trotz einer in Österreich seit 1987 rückläufigen Suizidrate ist Tod durch Suizid doppelt so häufig wie Tod durch einen Verkehrsunfall. „Suizidale Menschen stehen dermaßen unter Druck, dass ein freies Handeln nicht mehr möglich ist. Deshalb brauchen sie jede nur mögliche Hilfe, um diese Freiheit wiederzuerlangen.“ Als erste Krisenintervention sei es wichtig, eine Beziehung herzustellen und sich einzufühlen in die innere Welt der Betroffenen. Erst durch die Einbeziehung weiterer Personen, die auch professionelle Hilfe anbieten, seien dann Ansätze für eine Lösung möglich. Für die helfende Person sei es wichtig, auch gut auf sich selbst zu achten und sich nicht zu überfordern – es gebe Grenzen der Verantwortung. „Eine wichtige Frage lautet: Wen können wir involvieren? Wer könnte weiterhelfen?“, betont der Facharzt für Psychiatrie.

Betroffene und Angehörige brauchen Entlastung

Auch Josef Lugmayr, Leiter des Zentrums BEZIEHUNGLEBEN.AT, betont, wie wichtig es ist, suizidgefährdete Menschen als ersten Schritt zu entlasten. Der Kontakt mit einer Beratungseinrichtung sei bereits der erste wichtige Schritt aus der Isolation, so Lugmayr. Gerade in Bezug auf Suizid sei die Hilflosigkeit des Umfelds groß. Bei Angehörigen löse das Thema große Beklemmung aus. Würden Betroffene im persönlichen Umfeld Suizidgedanken äußern, werde im Gespräch abgelenkt oder versucht, es ihnen auszureden. Dies führe wiederum zu einem Rückzug und zu noch mehr Einsamkeit der Betroffenen, weil diese sich noch weniger verstanden oder nicht ernst genommen fühlen.

Beratungstermin innerhalb einer Woche

Mit jemand Geschultem ganz offen reden zu können und erste Maßnahmen zu erarbeiten, sei bereits eine große Entlastung – für Betroffene und Angehörige gleichermaßen. „In unseren 25 Beratungseinrichtungen, die ein flächendeckendes Netz über ganz Oberösterreich ziehen, können wir diese Menschen ein erstes Stück begleiten und ihnen auch den Weg zu anderen professionellen Hilfsangeboten erleichtern. Die Wartezeiten sind bei uns minimal: Hilfesuchende bekommen bei unseren Beratungsstellen innerhalb einer Woche in erreichbarer Nähe einen Termin“, betont Lugmayr. Zentrale Telefonnummer: 0732 77 36 76; www.beziehungleben.at

Notruf 142 - TelefonSeelsorge

Suizidprävention war auch das Anliegen der Gründerin der TelefonSeelsorge Silvia Breitwieser, die Leiterin der TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142: „Das heurige Motto des Welt-Suizid-Präventionstags lautet: „Nimm dir Zeit, sprich an, hör zu – gib Hoffnung“. Unsere Beratung ist vertraulich, anonym und gebührenfrei und steht rund um die Uhr zur Verfügung. Bei uns können sich die Menschen einfach einmal alles von der Seele reden – ohne bewertet zu werden und ohne ihr Gesicht zeigen zu müssen.“ Mehr als 20.000 Anrufe im Jahr erreichen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für all jene, die nicht gerne telefonieren, bietet die TelefonSeelsorge auch Online-Beratung in Form von Mail- und Chat-Beratung an. Breitwieser: „Diese Vielfalt an Angeboten ist wichtig, damit die Menschen eine für sie geeignete Möglichkeit finden, Hilfe zu suchen.“  Weitere Informationen sind zu finden unter www.ooe.telefonseelsorge.at

BEZIEHUNGLEBEN.AT - Beratungsstelle Perg, Bahnhofstraße 2, 4320 Perg

Pfarrheim, neben der Kirche;  

Beratung für Einzelpersonen aller Altersstufen, Paare, Familien 

Beratung:

Erstgespräch auch ohne Anmeldung:

jeden 1. Montag 14:00 bis 15:00 Uhr

Weitere Termine nach telefonischer Anmeldung unter 0732 / 77 36 76

Die Anmeldung zur Beratung erfolgt über die Zentrale in Linz und ist zu folgenden Zeiten möglich:

Mo bis Fr 08:00 bis 12:00 Uhr und Mo bis Do 13:00 bis 16:00 Uhr  

Links zum Thema:

Leitfaden zur Berichterstattung über Suizid: http://www.suizidpraevention.at/pdf/leitfaden.pdf

Suizid und Suizidprävention in Österreich (SUPRA, 2016): http://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/2/3/9/CH1453/CMS1392806075313/suizidbericht2016_2017.pdf


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