Gedenkfeier: „Wir müssen zurückschauen, um besser nach vorne schauen zu können“
RIED. In einer würdigen und teilweise bewegenden Gedenkfeier im Lern- und Gedenkort Charlotte-Taitl-Haus und im Stadtsaal wurde an KZ-Häftlinge in Dachau aus dem Bezirk Ried erinnert.

Die Verlesung der Namen der Dachau-Haftopfer zum Auftakt der Gedenkfeier war, so der vor kurzem zum Professor ernannte Zeitgeschichtsforscher Gottfried Gansinger, ein Versuch, „den Opfern ihre Namen zurückzugeben – im KZ waren sie nur Nummern“.
Gedanken zur Versöhnung äußerte Diakon Reinhart Daghofer am Beispiel der holländischen Jüdin Etty Hillesum, die in einem heroischen Akt der Solidarität das Angebot, sich zu verstecken, ausschlug und daraufhin im KZ ermordet wurde. In ihrem Tagebuch schrieb sie: „Das Menschsein kann man auch den Mördern nicht verwehren.“
Gottfried Gansinger, dessen Recherchen die geschichtliche Basis für die Gedenkfeier und vor allem für die Neuorientierung der Gedenkarbeit in Ried lieferten, mahnte: „Wir müssen zurückschauen, um besser nach vorne schauen zu können.“
Verantwortung für alle und jeden
Rieds Bürgermeister Albert Ortig erinnerte daran, dass der Anschluss und Dachau nur ein Menschenleben zurück liegen, und schlug den Bogen zur Gegenwart: „Als diejenigen, die die Gnade der späten Geburt erfuhren, tragen wir um so mehr Verantwortung, dass sich derartige Taten nicht wiederholen.“ Diese Verantwortung treffe alle und jeden. „Wir alle sind verantwortlich für ein Klima, in dem Raum ist für unterschiedliche Entwürfe und Meinungen. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass sich bis zu 40 Prozent der Österreicher für eine „starke Hand“ aussprechen.“ Die Stadtgemeinde Ried sei sich einig in ihrer Geschlossenheit, ihren Beitrag dazu zu leisten.
Ortig würdigte Gottfried Gansinger, der „das Bild jener Zeit in unserer Region neu gezeichnet“ und mit seinen Recherchen einen großen Beitrag zur Errichtung des Lern- und Gedenkortes im Charlotte-Taitl-Haus geleistet habe.
Die Jägerstätter-Biografin Erna Putz schilderte, wie sich SS und Gestapo über Gesetze hinwegsetzten und hob hervor, dass besonders in Dachau viele Priester und Ordensleute inhaftiert waren, dass aber die offizielle Kirche wenig Interesse an den Opfern hatte.
Schicksale
Klaus Neulentner, Martina Riepl und Karl Ohnmacht, drei Nachkommen ehemaliger Dachau-Häftlinge, schilderten eindringlich und bewegend das Schicksal ihrer Verwandten.
Georg Neulentner, der als Invalide aus dem 1. Weltkrieg zurückkehrte, wurde von den Nazis als „Asozialer“ eingestuft und 1941 im KZ Buchenwald getötet. Franz Ohnmacht galt als „rechte Hand“ des damaligen Linzer Bischofs und wurde schon am Tag nach dem Anschluss verhaftet. Die KZ-Haft und die Misshandlungen und „medizinischen Behandlungen“ schädigten seine Gesundheit und seinen Geist so sehr, berichtete sein Neffe Karl Ohnmacht, dass sein Tod 1954 „eine Erlösung“ war.
„Nur“ dreieinhalb Monate im KZ
Martina Riepl berichtet von ihrem Vater, dem ehemaligen Chefredakteur der Steyrer Zeitung Josef Moser. Er zählt zu jenen Nazi-Opfern, von denen man beim oberflächlichen Blick auf ihr Schicksal oft sagt: „Er hat ja noch Glück gehabt“, und die dennoch ihr Leben lang unter den Folgen litten. Moser war von März bis September 1938 „nur“ ein halbes Jahr in Haft, davon „nur“ dreieinhalb Monate im KZ Dachau. Aber auch diese kurze Zeit hat sein Schicksal und das seiner Familie unwiderruflich verändert. Nach der KZ-Haft war Moser krank, durch den Verlust des Berufs und der Wohnung war die wirtschaftliche Existenz der Familie gefährdet, und auch nach 1945 konnte er nicht wieder als Journalist arbeiten.
Mit Dietrich Bonhoeffers Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ endete die Veranstaltung.


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