Zeitgeschichte: Buchpräsentation wurde zu spannendem Geschichtsunterricht
RIED. Im übervollen Sparkassen-Stadtsaal stellte der Rieder Zeitgeschichtler und Heimatforscher Gottfried Gansinger am 3. November sein Buch „Nationalsozialismus im Bezirk Ried im Innkreis - Widerstand und Verfolgung 1938-1945“ vor.

Im Dialog mit ORF-Moderator Tarek Leitner schilderte der 1938 geborene Gansinger, warum er dieses Buch schreiben wollte. Das Thema habe ihn seit der Kindheit begleitet: „Ich habe mich oft gefragt, ob es stimmt, an was ich mich als Kind erinnerte.“
Frühe Erinnerungen
Schon mit 14 Jahren schrieb er seine Erinnerungen an die Bombenangriffe auf Ried und den Einmarsch der Amerikaner auf. Später hätten ihn die Erinnerungen anderer Leute fasziniert. „Ich habe gesammelt und gesammelt und gelesen und gelesen“ – bis ihn Sieglinde Frohmann, die Leiterin des Rieder Kulturamtes, bat, sein Wissen in Beiträgen zur Buchreihe „Bundschuh“ zu teilen. Das sei eine Ermunterung und Ermahnung gewesen, zum Schluss zu kommen.
Als er dann erkannte: „Man kann nie alles recherchieren“, begann Gansinger, das Buch zu schreiben – ein Entschluss, der ihn nicht nur auf Jahre von der Gartenarbeit oder sogar Urlauben absentierte (wie er in seinem Dank an seine Frau Waltraud sagte), sondern der auch Widerstand hervorrief: „Ich bekam anonyme Briefe und Bedrohungen – ich solle mich doch um etwas anderes kümmern.“
Für Gansinger sind diese Reaktionen ein Beweis für den Satz des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner: „Die Vergangenheit ist nicht tot – sie ist nicht einmal vergangen.“ Er ist überzeugt: „Je besser wir die Vergangenheit und die damit verbundenen Traumata kennen, desto besser können sie aufgelöst werden.“
Vorbild
Ein Vorbild für Gansinger war das 2005 erschienene Buch „Im Heimatkreis des Führers“ von Florian Schwanninger, in dem dieser den Nationalsozialismus in Braunau behandelt.
In einem kurzen Gespräch mit Schwanninger gingen Gansinger und Leitner der Frage nach, ob die Nähe zu Hitlers Geburtsort Einfluss auf die Schärfe der Verfolgung von Nazigegnern hatte. Die Antwort: Es war immer abhängig vom „Engagement“ der lokalen NS-Leute in den jeweiligen Orten.
Gastredner
Der Rieder Bürgermeister Albert Ortig würdigte Gansingers Beitrag zur Gedenkkultur in Ried – das Buch bilde die Grundlage für den Lern- und Gedenkort, der im Charlotte-Taitl-Haus eingerichtet wird. Die Zeit von 1938 bis 1945 habe Spuren hinterlassen, die oft nicht gleich sichtbar, aber noch nicht vernarbt seien.
„Sechs Millionen Tote sind außerhalb aller Vorstellung“, sagte der Landtagsabgeordnete Alfred Frauscher, „wenn es aber um einzelne Schicksale aus der eigenen Umgebung geht, erreicht man eine andere Dimension der Geschichtsbetrachtung.“ Er appelierte, dass es gerade jetzt wieder Zeit sei, Haltung zu zeigen. „Es ist wichtig, den Finger in die Wunde zu legen, denn weggeschaut haben zu viele.“
Der Europaabgeordnete Josef Weidenholzer zeichnete ein eher pessimistisches Bild der aktuellen Entwicklungen. Viele Gewissheiten, die für alle klar waren, stünden auf schwankendem Boden, die Zivilgesellschaft werde eingeschränkt, Menschenrechte immer mehr vernachlässigt: „Wir alle haben das Gefühl, in einer historischen Zeit zu leben – da ist es wichtig, die Geschichte zu kennen.“ Der Nationalsozialismus sei uns „nicht aufgedrückt worden, sondern kam aus unserer Mitte. Es macht betroffen, dass das ein Teil von uns ist. Es heißt aber auch, dass es möglich ist, die Dinge ins Positive zu wenden.“
Die Musikbegleitung passte zum Thema des Abends: die Inklusionsband „Together“ spielte Lieder von jüdischen Komponisten, die diese im KZ schrieben.
Viele Opfer im Bezirk
Tarek Leitner und Gottfried Gansinger gingen auf einige Kapitel des Buches ein – unter anderem auf die wenigstens 94 Euthanasie-Opfer im Bezirk und die hohe Zahl der Naziopfer unter Priestern oder Kommunisten. Gansinger: „Der linke Widerstand im Bezirk war bisher nicht bekannt.“
Wilhelming
Im Gespräch mit Zeitzeugin Marianne Furtner und Alois Altmann, Schwiegersohn der Zeitzeugin Hermine Fischer, erinnerten sie an das „Fremdvölkische Kinderheim“ Wilhelming in Utzenaich, in dem 34 Kinder starben.
Soldaten
Nicht nur die Schicksale der NS-Opfer sind erschütternd, sondern auch die schiere Wucht der Zahlen. Das zeigt sich besonders bei den Opfern unter den Soldaten. Aus dem Bezirk Ried kehrten 3.244 Soldaten nicht aus dem Krieg zurück – sie waren entweder gefallen oder vermisst. Das alleine ist schon eine hohe Zahl, die aber noch bedrückender wird, wenn man wie Gottfried Gansinger ausrechnet (ausgehend von etwa 48.000 Einwohnern im Bezirk im Jahr 1939), dass das fast die Hälfte aller wehrfähigen Männer im Bezirk war.
Kranker Fanatismus
Gansinger bringt in seinem Buch auch den „kranken Fanatismus“ zur Sprache, der noch in den letzten drei Tagen vor der Kapitulation zu sechs Morden (in mehreren Fällen wurden Menschen getötet, weil sie vor dem Einmarsch der Amerikaner weiße Fahnen aufgehängt hatten) und zu mehreren Selbstmorden wegen Hitlers Tod führte.
Nachkriegszeit
Tarek Leitner wies darauf hin, dass sich nach dem Krieg „mehrere Gedenkkulturen“ bildeten. Gottfried Gansinger ergänzte, dass es teilweise schon als Widerstand gewertet wurde, wenn jemand „nur versucht hat, anständig zu bleiben“, indem man beispielsweise niemanden denunziert habe.
Persönlicher Bezug
Gansinger: „Es ist wichtig, diese Geschichten zu dokumentieren und aufzuschreiben. Wenn wir keinen persönlichen Bezug mehr dazu haben, wird die Geschichte irgendwann zu einem Indianerspiel: eine spannende Geschichte, aber ohne wirkliche Bedeutung für uns.“
Sein Fazit: „Man muss das Gespräch suchen, über alle politischen Gräben hinweg. Wir müssen auch hellhörig sein, wenn alte Wunden benutzt werden, um heute Politik zu machen.“
Das Buch
- Gottfried Gansingers „Nationalsozialismus im Bezirk Ried im Innkreis - Widerstand und Verfolgung 1938-1945“ ist im renommierten StudienVerlag erschienen (368 Seiten, 29,90 Euro).
Der Autor
- Gottfried Gansinger, geboren 1938 in Ried, war 40 Jahre lang Buchhändler; zuletzt Direktor der Buch- und Papierhandlungen des OÖ. Landesverlages. Nach seiner Pensionierung absolvierte er eine Ausbildung zum geprüften Heimatforscher und wandte sich der lokalen Zeitgeschichte zu. 2007 ernannte ihn die oberösterreichische Landesregierung zum „Konsulent für Volksbildung und Heimatpflege“. 2009 zeichnete ihn die damalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied mit dem „Bundes-Ehrenzeichen für Toleranz und Menschenrechte“ aus.


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