Frauen unter der Taliban-Herrschaft: „Das ist kein Leben, da ist Sterben besser“
BEZIRK. Soheila war noch ein kleines Mädchen, als die Taliban vor 20 Jahren in Afghanistan an der Macht waren. Und dennoch weiß sie: „Wenn ich jetzt zurück müsste, das wäre kein Leben – da ist Sterben besser.“

Erst seit wenigen Tagen hat Soheila die Gewissheit, dass sie und ihre Familie hier in Österreich, im Bezirk Rohrbach bleiben dürfen. Und eigentlich hat sie sich sehr gefreut über den lang erwarteten positiven Bescheid. Aber die aktuelle Situation in Afghanistan, wo die radikalislamischen Taliban die Macht übernommen haben, trübt ihre Freude: „Es ist so schrecklich. Als Mädchen oder Frau hast du keine Freiheit mehr. Nicht einmal ganz normale Sachen sind erlaubt – du darfst nicht einkaufen gehen, nicht arbeiten, nicht einmal eine eigene Meinung haben.“ Nur wenn Ehemann, Vater oder Bruder sie begleiten, dürfen Frauen auf die Straße. „Ohne diese darf eine Frau nicht zur Tür raus. Und nur diese dürfen ihre Haare und ihr Gesicht sehen.“ Sie kann sich noch erinnern, als sie als Mädchen ein viel zu großes Tuch umbinden musste, „so kleine Burkas hat es nicht gegeben“, erzählt die 33-Jährige, die seit fünf Jahren im Bezirk Rohrbach lebt.
Angst und Hoffnungslosigkeit
Soheilas Halbschwester und Stiefmutter leben in Afghanistan, ebenso wie die ganze Familie ihres Mannes. Aber sie sorge sich um alle Frauen: „Jeder Taliban hat eine Peitsche mit und schlägt zu, wenn jemand keine Socken oder Schuhe anhat oder ein Stück Haut zeigt. Oder wenn eben eine Frau alleine unterwegs ist. Frauen zu schlagen, ist normal für die Taliban.“ Sie ergänzt, dass Frauen nicht nur ihre Freiheit, sondern auch ihre Hoffnung verloren haben. „Niemand glaubt, dass sich die Taliban verändert haben und die Situation besser wird“, sagt die junge Frau. Viele Afghanen, die für die Regierung gearbeitet haben, leben jetzt in Todesangst und verstecken sich. Denn „die Taliban verzeihen nicht“. Dass alles unter dem Deckmantel der Religion geschieht, tue ihr weh: „Das ist nicht unsere Religion.“
Teure Lebensmittel
Dazu kommt, dass viele Menschen arbeitslos geworden sind, Lebensmittel aber viel teurer. „Afghanistan importiert viel aus den Nachbarländern. Jetzt sind aber die Grenzen zu und deshalb steigen die Preise.“
Flucht vor Terror
Taliban und Terror hat es auch schon vor der jetzigen Machtübernahme gegeben, vor allem in den kleinen Dörfern waren Minderheiten bedroht und wurden verfolgt. Deshalb mussten Soheila und ihre Familie aus der krisengeschüttelten Heimat fliehen. „Afghanistan hat eine strenge Religion, eine sehr traditionelle Gesellschaft und viele Probleme. Das größte sind aber die Taliban.“ In Österreich habe sie ihr Paradies gefunden. „Ich habe nicht gewusst, dass es so etwas gibt und ich bin jetzt eine andere als vor fünf Jahren. Diese Gesellschaft hat mich sehr verändert“, sagt die zweifache Mutter, die gerade ihr drittes Kind erwartet. Hier dürfe sie auch endlich arbeiten, freut sich Soheila, deren Traumjob Friseurin wäre.
Keine Pauschal-Urteile fällen
So wie sie sind im großen Flucht-Jahr 2015 viele Menschen aus Afghanistan nach Österreich gekommen. „Da habe ich liebenswerte, kompetente, fleißige Frauen kennengelernt, von denen nicht wenige noch auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten. Die Entscheidungen dauern einfach zu lange“, sagt Margit Lindorfer vom ALOM FrauenTrainingsZentrum. Wichtig sei jetzt, keine Pauschal-Urteile zu fällen und nicht alle über einen Kamm zu scheren: „Wer verstehen will, soll versuchen, sich zu informieren, mit den zugewanderten Leuten zu reden, Hintergründe zu erfragen und nicht auf Fake-News reinfallen“, betont Lindorfer.
Soheila hat auch noch eine Bitte: „Jetzt reden alle über die Taliban und die Situation. Aber das wird vergehen. Vergesst dann nicht auf die Menschen in Afghanistan.“
- Der Roman „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini erzählt von einer Kindheit in Afghanistan
- Im Film „Zwischen Welten“ bekommt ein Bundeswehrsoldat den Auftrag, einen Außenposten in einem kleinen Dorf vor den Taliban zu schützen (www.3sat.de/film/fernsehfilm/zwischen-welten-100.html)


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