Grenzgeschichten: Eine Weihnachtskrippe für Böhmen
Heuraffl ist ein böhmisches Dorf jenseits der Staatsgrenze bei Schönegg. Nach der Vertreibung der Sudetendeutschen blieben hier nur einige Tschechen im Dorf zurück. Von ihnen trafen sich regelmäßig in den vergangenen Jahrzehnten ein Dutzend Frauen zum Gebet in der Dorfkirche.

Hier fand nach der Vertreibung weder eine Tauf- noch eine Begräbnisfeier statt. Vielmehr raubten Kirchendiebe religiöse Kunstwerke und darunter die beliebte Weihnachtskrippe aus dem geheiligten Raum. Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges und dem Ende des Kommunismus forderten die Heuraffler die Erlaubnis zur Feier einer Messe. Woher sollten sie aber einen Priester dazu gewinnen? Das erzählten sie den oftmals in Heuraffl weilenden Feuerwehrkameraden aus Schönegg. Sie gewannen für die Messfeier den Pfarrer Pater Petrus aus Vorderweißenbach. Dieser rief die Pfarrbewohner zur Teilnahme an dieser ersten Messe auf. Die Finanzdirektion öffnete dazu den alten Grenzübergang und die Kirche in Heuraffl war bei der ersten Messe bis auf den letzten Platz gefüllt.
Beten für das Ende des Kommunismus
Nach der Messe setzten sich Österreicher und Tschechen zu einem Umtrunk im Gasthaus zusammen. Dabei erfuhr Pater Petrus das Geheimnis, das die gläubigen Heurafflerinnen durch Jahrzehnte zum Gebet in der Kirche zusammenführte. Das Anliegen ihres Betens war die Beendigung des Kommunismus in der CSSR. Dazu mussten sie aber in der Vergangenheit strengstes Stillschweigen bewahren. Nun waren die Beterinnen glücklich, zumal ihre Gebete erhört worden waren. Wie ist es weitergegangen? Die Anliegen waren vielfältig, um die sich Pater Petrus annahm. Die Frauen baten ihn auch, er möge ihre Urenkel in Heuraffl taufen. Dazu war er ebenfalls gern bereit und versprach Taufpaten mitzubringen. Auch um Taufgeschenke kümmerte er sich. Das schönste Geschenk brachte Pater Petrus selber dem Dorf, nämlich eine Weihnachtskrippe. Seither kann in Heuraffl Weihnachten wieder bei einer Krippe gefeiert werden. Dies ereignete sich vor mehr als einem Vierteljahrhundert.
Pater Petrus und die meisten, die all diese Ereignisse erlebten oder ermöglichten, leben nicht mehr, sind aber nicht vergessen. Pater Petrus wird seither diesseits und jenseits der Staatsgrenze in der kleinen Region verehrt.
Verfasser: Fritz Winkler


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