Zeller Schlossgespräche stellen die Frage: Wie viel Religion braucht der Mensch?
ZELL AN DER PRAM. Unzählige Menschen suchen spirituelle Angebote, Rituale, Selbsterfahrung und Sinndeutung. Man sucht im Internet, in Büchern oder Kursen außerhalb der institutionalisierten Religionen. Am 15. und 16. März finden im Schloss Zell/Pram die 2. Zeller Schlossgespräche zum Thema „Wie viel Religion braucht der Mensch?“ statt. Tips bat die Hauptreferenten Paul Michael Zulehner (Religionssoziologe und Theologe) und Christine Haiden (Chefredakteurin von „Welt der Frauen“) zum Interview.

Tips: Frau Haiden, die Leute gehen heute weniger in die Kirche und beteiligen sich weniger an religiösen Gruppen. Braucht man heute weniger Religion?
Christine Haiden: Es scheint eher die Abkehr von Institutionen zu sein als von der Religion. Religiöses Brauchtum ist beispielsweise ungebrochen attraktiv.
Tips: Frauen sind in der Katholischen Kirche noch immer von den Weiheämtern ausgeschlossen. Wie geht es Ihnen als Frau damit?
Haiden: Ich lasse mich nicht von der Struktur dominieren. Über kurz oder lang wird es Änderungen geben, das Selbstbewusstsein der Frauen ist zu groß und die Not der Institution zu heftig.
Tips: Wie erleben Sie das religiöse Leben von Menschen anderer Religionen in unserem Land, besonders der Muslime?
Haiden: Im Wesentlichen geht man respektvoll miteinander um. Viele Muslime leben ihren Glauben so unauffällig wie Christen.
Tips: Die Katholische Kirche in Oberösterreich diskutiert derzeit, die bisherigen Dekanate zu Pfarren zu machen, in denen die bisherigen Pfarren als Pfarr-Gemeinden möglichst eigenständige Einheiten bleiben sollen. Ehrenamtlichen Mitarbeitern wird dabei viel Verantwortung übertragen. Kommt dieser Vorschlag den religiösen Bedürfnissen der Menschen entgegen?
Haiden: Ich finde es gut, dass die Diözese den Willen zur Veränderung hat und viele Gläubige in die Diskussion und die künftigen Aufgaben einbezieht. Das kann es leichter machen, auf die religiösen Bedürfnisse einzugehen.
Tips: Herr Zulehner, Sie erheben die Werte der Menschen im deutschen Sprachraum. Welche Änderungen sind dabei auffällig?
Paul Michael Zulehner: Die Mehrzahl der Menschen zieht sich immer mehr in die kleine Welt der Familie und der Freunde zurück. Auch die Religion ist dorthin abgewandert. Rituale, die mit den Lebenswenden zu tun haben wie Trauung, Taufe oder Beerdigung stehen hoch im Kurs. Sich in einer Pfarre zu engagieren, bedarf heute schon einer besonderen Entscheidung. Aber Menschen, die das machen, leben nachweislich gesünder, lernen Solidarität und finden eine Gemeinschaft, die sie trägt.
Tips: Glauben die Menschen heute anders als vor 30 oder 50 Jahren?
Zulehner: Für meine Großmutter war Katholikin zu sein Schicksal. Meine Nichten und Neffen können selbst wählen. Das macht einen Riesenunterschied.
Tips: Die Welt erklärt sich durch die Naturwissenschaft, ohne Erschaffung durch Gott. Was bedeutet das für die Religion?
Zulehner: Die christliche Religion scheut die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft nicht. Das allein deshalb, weil die modernen Wissenschaften zunächst in den Einrichtungen der Kirche entstanden sind. Glaube und Vernunft sind kein Widerspruch. Beide können voneinander lernen.
Tips: Es gibt neue religiöse Bewegungen, z.B. die Loretto-Bewegung. Sie geben sich nicht unbedingt modern, haben aber nicht wenig Zulauf, gerade von jungen Menschen. Was haben sie, was die Pfarren nicht haben?
Zulehner: Moderne Gesellschaften sind immer bunt. Die Menschen haben unterschiedliche Gefühle gegenüber der heutigen Welt. Sie leben zwischen Ängsten und Hoffnung. Manchen ist die Wirklichkeit zu komplex, dann suchen sie einfache Antworten. Sie brauchen Menschen oder Gruppen, an denen sie sich anhalten können. Diese Vielfalt in der Kultur spiegelt sich in den Kirchen wider. Vielfalt ist auch in den Kirchen mehr Reichtum als Bedrohung.


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