BEZIRK ZWETTL. In den letzten Jahren ging die Zahl der Kirchenaustritte im Bezirk zurück: Während 2010 noch 282 Leute der Glaubensgemeinschaft den Rücken kehrten, waren es 2014 190. Viel Kritik muss die Kirche dennoch einstecken, auch über die Verwendung des Kirchenbeitrages wird noch immer spekuliert. Interessant: Die Diözese verfügt laut eigener Auskunft über keine Zahlen zu den Beitragszahlern im Bezirk.
Laut offiziellem Gebarungsausweis 2013 fließt der überwiegende Teil der Einnahmen durch den Kirchenbeitrag (63 Prozent) in die Pfarren zurück, in Form von Personalkosten, Zuschüssen für Bautätigkeit und Verwaltung. Weitere 18 Prozent werden in die sogenannte Bildungs-Kirche investiert, damit sind etwa Bildungs- und Tagungshäuser, Ausbildungszentrum und Katholische Privatschulen gemeint. Zehn Prozent kommen sozialen Zwecken zugute, wie beispielsweise der Caritas als Teil der Kirche. Die verbleibenden neun Prozent werden für die Erhaltung des Kulturguts der Kirche aufgewendet. Martin F. Wurz, Regionalleiter der Kirchenbeitragsstelle Region Oberes Waldviertel, hat im Gespräch mit Tips mit so manchen Mythen rund um den Kirchenbeitrag aufgeräumt. Tips: Neben der Regionalverwaltung in Gmünd gibt es ja auch die Außenstelle in Zwettl.Wurz: Genau. Wir haben die ehemaligen Beitragsstellen in Zwettl und Waidhofen zu den gewohnten Sprechzeiten belassen. Denn wir sind der Ansicht, wenn wir nicht vor Ort sind, dann können die Katholiken auch nicht zu uns kommen. Der größte Fehler ist, Filialen einfach zuzusperren. 2014 gab es in der Außenstelle Zwettl 3627 persönliche Vorsprachen, oft bis zu 50 Vorsprachen pro Person am Tag. Das ist auch für die entsprechenden Mitarbeiter oft nicht einfach und erfordert eine große Portion Geduld und gute Nerven. Wir sind freundlich und offen und machen unsere Arbeit auch gern. Wir sind eine Servicestelle, kein Amt und auf das bin ich stolz! Tips: 2012 hat es eine Reform zum Thema Kirchenbeitrag gegeben...Wurz: Genau. 2012 fand ein Workshop in Traunstein statt, der sich mit der Frage beschäftigte, wie man den Kirchenbeitrag attraktiver und individueller gestalten kann. Daraus entstanden dann die Traunsteiner Leitlinien, die auf vier grundlegenden Werten basieren: Der Kirchenbeitrag soll an die Situation der Beitragszahler angepasst werden - persönlicher und finanzieller Natur, die Berechnung muss transparent sein, die Kommunikation soll wertschätzend, also auf gleicher Augenhöhe angesiedelt sein und nicht zuletzt muss es authentisch sein - wir müssen uns mit dem identifizieren, was wir machen. Was noch angenehm ist, dass der Beitrag auch bereits für die Folgejahre berechnet werden kann, so müssen auch die Leute nicht jährlich immer vorbeikommen.Tips: Und die Kirchenaustritte im Bezirk sind rückläufig?Wurz: Die Kirchenaustritte sind momentan in unserer Region rückgängig, vor allem seitdem der neue Papst Franziskus im Amt ist, ist das spürbar. Auch wir merken hier bei den Vorsprachen, dass so manch aggressive und negative Töne sehr stark abgenommen haben.Tips: Wenn man die berühmte Einzahlungsaufforderung bekommt, wie geht man vor?Wurz: Am besten man vereinbart einen Termin, grundsätzlich muss man für das Erstgespräch nichts mitnehmen. Die persönliche Situation wird geschildert und erst dann kommt die Berechnung, welche immer individuell angepasst wird. Es lässt sich sehr viel machen. (schmunzelnd) Tips: Das heißt, persönliche Nachweise sind nicht erforderlich?Wurz: Wenn man viele Arbeitslosenzeiten, einige Jobwechsel oder Ähnliches hinter sich hat, ist es einfacher, wenn man Unterlagen mitnimmt. Tips: Was wisst ihr über den Beitragszahler im Bezirk?Wurz: Es gibt das Schreiben an die Jungkatholiken seitens des Bischofes mit der Bitte um Bekanntgabe der aktuellen beruflichen Situation. Falls wir Rückmeldung bekommen, können wir auf dieser Basis die ersten Berechnungen machen. Ansonsten erfahren wir aufgrund des strengen Datenschutzes gar nichts. Wir bekommen keine Informationen, weder vom Arbeitsamt noch vom Finanzamt oder dem Dienstgeber. Wenn also die Leute nicht auf uns zukommen, wird aufgrund der Daten von Statistik Austria geschätzt. Tips: Es kursiert das Gerücht: „Wenn ich noch nie einbezahlt habe, kann mich auch keiner belangen – stimmt das?“Wurz: Nein, das ist falsch. Aufgrund der Taufe ist man Mitglied bei der Römisch-Katholischen Kirche und im Zuge der Volljährigkeit automatisch beitragspflichtig. Die erste Zusendung erfolgt jedoch erst im 20. Lebensjahr. Die Eltern treffen ja auch viele andere Entscheidungen für ihre minderjährigen Kinder. Tips: Den Kirchenbeitrag gibt es ja nicht allen Ländern, wie funktioniert das denn ohne?Wurz: In Österreich wird der Kirchenbeitrag unabhängig vom Staat eingehoben, bei der Kirchensteuer in Deutschland wird ein Prozentsatz direkt von der Lohnsteuer eingehoben, wobei jene die keine Lohnsteuer zahlen, auch keinen Kirchensteuer zahlen müssen. Und dann gibt es noch das italienische System: Du spendest und kannst die Spende bei der Einkommenssteuer geltend machen und bekommst relativ viel revidiert zurück. Und dann hat man noch die die Form der Freiwilligkeit, auf Spendenbasis wie in Ungarn, Rumänien, Bulgarien oder Frankreich. Tips: Und das funktioniert?Wurz: Nein, das funktioniert nicht und zwar in dem Sinne, dass Hauptkirchen schön dastehen, aber irgendwo im Dorf kleine Kirchen zusammenfallen. Tips: Wäre ein Kirchenbeitrag auf freiwilliger Basis in Österreich anzudenken?Wurz: Meiner Meinung nach würde es momentan nicht funktionieren. Was ich noch anführen möchte: Wir sind ein katholisches Land, eines der wenigen Länder mit den meisten Feiertagen kirchlicher Natur, für alle geltend. Das ist ein Privileg in Österreich, das man öfters bedenken sollte. Tips: Der Ruf nach einem Mitspracherecht durch die Beitragszahler wird immer lauter. Gibt es diesbezüglich schon erste Ideen oder Ansätze?Wurz: Das ist aufgrund des Konkordates derzeit nicht vorgesehen. Die einzige Möglichkeit etwas zu bewirken wäre, wenn der Beitragszahler aktiv in der Kirchengemeinschaft mitarbeitet. Tips: Viele meinen warum zahlen, die Kirche ist ja ohnehin sehr reich.Wurz: Ja, das bekomme ich auch oft zu hören. Und dann frage ich: Könntet ihr euch vorstellen, dass der Priester mit einem Plastikbecher vorne steht und die Wandlung vollzieht? Oder würdet ihr mit Ruderleiberl und zerrissener Jeans zur Hochzeitsfeier deiner Geschwister kommen? Denn wenn ich die Kulturgüter, egal ob Gemälde, oder alles was zur Messgestaltung beiträgt, einmal verkaufe, dann sind diese für immer weg. Tips: Aber die Kirche ist immerhin zweitgrößter Grundbesitzer im Land neben dem Bundesforst. Erst vor Kurzem hat ein angrenzendes Stift eine vergleichsweise riesige Menge an Hektar Wald angekauft.Wurz: Hier muss man mit zweierlei Maß messen: Die unabhängigen Stifte verwalten ihre Finanzen und Besitztümer selbst. Stifte bekommen auch keinen Kirchenbeitrag. Im Gegensatz dazu ist die Diözese aber auf die finanzielle Unterstützung angewiesen, damit die ganzen Leistungen und karitativen Angebote aufrechterhalten werden können. Die Kirche ist ja nicht gewinnorientiert, die Bilanz muss am Ende ausgeglichen sein, es darf kein Minus und es darf kein Überschuss sein. Und Grund und Boden hat stets beständigen Wert. Soviel ich weiß hat Gmünd beispielsweise nicht mehr viel Rücklagen, die ganzen Gründe sind verkauft worden. Eine Renovierung geht sich noch einmal aus, dann ist das Geld weg. Und man darf nicht vergessen, die Kirche zählt zum größten Arbeitgeber nach dem Staat. Österreichweit sind in etwa 11.000 Leute beschäftigt. Auch bei den ganzen Aufträgen über Bauunternehmen und Firmen, die Wertschöpfung bleibt in der Region. – egal ob bei Orgel-, Glockenrenovierungen. So auch beim Leichentrunk – die Gastronomie lebt davon und Kirchen sind immer noch beliebte Ausflugsziele. Tips: Was sind beispielsweise konkrete karitative Leistungen und Angebote?Wurz: Wenn ich heute ein psychisches Problem habe und zum Psychiater gehe, muss ich zahlen, wenn ich zu Rat & Hilfe gehe, kostet mir das nichts, denn das sponsert die Kirche. Zum Beispiel gibt es ein Familienpastoral für alle Belange die die Familie betreffen oder die Krankenhausseelsorge, das heißt man wird von der Kirche auch betreut. Wie das Hochwasser in Gars am Kamp war, bin ich sehr viel im Außendienst gewesen und habe Leute besucht, denen sprichwörtlich alles weggeschwommen war. Wer war die ersten die dort waren? Die Pfarrcaritas, die den Leuten sofort ein wenig Geld gegeben hat, damit sie für die erste Zeit über die Runden kommen. Und erst dann ist das Rote Kreuz gekommen.Tips: Das heißt, die Kirche hat Probleme sich zu vermarkten?Wurz: Ja, Aufholbedarf im Sinne von Werbung nach außen auf jeden Fall, das tut schon weh. Denn die Kirche macht viel im Stillen.Tips: Vielen Dank für das Gespräch.
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