Vor den Toren der Stadt Zwettl

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Eva Leutgeb Eva Leutgeb, Tips Redaktion, 30.10.2020 07:00 Uhr

ZWETTL Gut gesichert war die Stadt Zwettl mit seinen drei Stadttoren und acht Stadttürmen. Nicht nur im Zentrum, sondern auch außerhalb der Stadtmauern gab es viel Leben. Bei einem Rundgang entlang der ehemaligen Wassergräben an der Zwettler Stadtmauer gab es Aufschluss darüber, was sich einst „vor den Toren der Stadt“ abspielte.

Christl Mayerhofer und Helmut Hahn gehören zu den Geschichtsexperten von Zwettl. Bei ihrer Führung gab es auch Anekdoten über Bürger, die einen über den Durst getrunken hatten oder Frauen, die jedes Jahr ihren Männern ein Kind gebaren, obwohl diese drei Jahre auf Kreuzzug waren. Der Rundgang führte entlang der Promenade zwischen Stadtmauer und Fluss, über die Zwettl in den Jubiläumspark, in die Syrnau bis zum ehemaligen Siechenhaus bei der Parkspirale.

Wassernutzung entlang der Promenade

Von der Stadtmauer sind 910 Metern noch gut erhalten, speziell an der Promenade. Von den einst acht Stadttürmen sind noch sechs vorhanden. Die drei Stadttore gibt es nicht mehr, diese mussten dem Fuhrwerk weichen, damit man besser durchfahren konnte. Dort wo heute die Wichtlbrücke (beim Postberg) ist, befand sich früher ein Röhrensteg, wo eine Leitung für das Wasser gelegt wurde. 1850 hat die Stadt gusseiserne Rohre erhalten. Danach baute man eine Wasserleitung im Sierningbachtal – das ist nun das Wasser, das die Brauerei verwendet. Der Röhrensteg wurde dann zugemauert und ein Stadtturm errichtet. Es entstand die Turmühle. Insgesamt gab es sieben Mühlen im Stadtgebiet - alle waren außerhalb der Mauer. „Das war für die Versorgung in Krisenzeiten schlecht, wenn die Feinde draußen gestanden sind“, erwähnt Helmut Hahn. Die einzige Mühle innerhalb des Stadtgebietes war die Turmmühle. Vor der Mauer hatten Lederer ihr Handwerk, die das Wasser für die Waschung der Häute brauchten.

Denkmäler für Personen

In der Promenade befindet sich das Adolf Kirchl-Denkmal. Der gebürtige Wiener (1877 bis 1904) war Musiker, Komponist, Chorleiter und hat seine Liebe für das Waldviertel entdeckt. In der Brühl hat er sich schließlich ein Haus gebaut. Die Straße ist heute nach ihm benannt. Ein weiteres Denkmal in der Promenade ist Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) gewidmet. Er wird als „Turnvater“ bezeichnet. Seine Predigt war „Bewegung ist ganz wichtig“. Im Jubiläumspark steht ein Denkmal von Verschönerungsvereins-Obmann Franz Beydi (1907-1923), der auch Bürgermeister der Stadt Zwettl war.

Ein Park á la Schönbrunn

Für die Bürger wurde von der Stadtmauer bis zur Zwettl ein Park errichtet, unmittelbar außerhalb der Stadtmauer. Angelegt wurde dieser 1887. Vorher war dort ein Platz für die Zimmerer und Rasselbinder, die sich hier oft niederließen. Rasselbinder waren ein fahrendes Volk, die aus Draht Sachen hergestellt und zerbrochene Scherben zusammengebunden haben. 1898 legte die Stadt Zwettl zum 50-Jahr-Jubiläum von Kaiser Franz Josef I. gegenüber dem Bürgerpark den Jubiläumspark an. Dieser war ursprünglich viel größer. „Der Park wurde mit viel Aufwand angelegt, wie `Klein-Schönbrunn´“, so Helmut Hahn, „die Gärtner damals waren fachlich `hochweis´. Die hatten schon etwas drauf“, begeistert sich Hahn. Ursprünglich wurden hier Tierschauen oder Zirkusse abgehalten oder das durchziehende Militär schlug ihre Lager auf. Die Anlage erfolgte nach den Plänen des Verschönerungsverein unter Obmann Franz Beydi. Ein paar Jahre später erfolgte die Aufstellung des Pavillons, der auch heute noch steht. Einige Baumbestände sind sogar noch aus dieser Gründungszeit. Neben dem Park ist eine Wiese, wo sich die Pfadfinder einen Platz geschaffen haben. Dort war früher das Kampbad, das später zurück in das Kamptal verlegt wurde.

Syrnau, ein Vorort der Stadt

1870 gab es in der Syrnau schon 81 Konstellations-Nummern. Die Syrnau lag außerhalb des Stadttores und war ein Vorort mit eigenen Verwaltungsherrschaften. Dazu erzählt Christl Mayerhofer eine Geschichte: „Ein gewisser Simon Bröckl hatte Streit mit dem Stadtrichter. Da ging es um einen Grundsstückskauf. Bröckl hat den Stadtrichter ziemlich beschimpft und seine Waffen gezogen. Daraufhin wurde dieser ins Gefängnis gebracht. Die Frau von diesem Bröckl wollte unbedingt ihren Mann im Gefängnis besuchen, worauf man sie schließlich, nachdem sie gebettelt und geweint hat, reinließ. – Und auf einmal war Simon Bröckl aus dem Gefängnis verschwunden. Dieser flüchtete in die Syrnau. Die Gesetze waren damals so, dass alleine die Tatsache, dass man auf einer anderen Verwaltungsebene war, der Zugriff auf diesen nicht mehr möglich war. So hat übrigens auch Räuberhauptmann Grasl immer wieder entkommen können. Heute muss man auf die Bahamas oder die Philippinen flüchten“, scherzt Christl Mayerhofer.

Das Siechenhaus

Im ehemaligen Krankenhaus befindet sich heute die Stadtgemeinde. Früher war es das Siechenhaus. „Verarztet“ haben Bader und Wundärzte. Später kamen die akademisch gebildeten Mediziner. Der erste Primar in Zwettl war Franz Weismann (1875 – 1960). Nach ihm ist ebenfalls eine Straße in Zwettl benannt. Im Siechenhaus gab es neben Weismann nur einen zweiten Arzt. Beide wurden in den Ersten Weltkrieg einberufen. Die Stadt Zwettl stand mit ihren damals schon 4.000 Bürgern zwei Jahre ohne Arzt da. „Heute haben wir ein Krankenhaus mit 700 Bediensteten“, so Hahn. In der Nähe des Siechenhauses war eine Schieß- und Scheibgesellschaft. Der Passauer Turm neben der Parkspiralle ist noch gut erhalten. In diesem befand sich einst das Gefängnis.

Richter Einlass verwehrt

Vor der Kirche am Ende der Landstraße war das untere Stadttor, daneben war ein Wächterhaus. Tagsüber kontrollierten diese, wer in die Stadt reinkam und haben Maut kassiert und am Abend wurde natürlich brav das Tor zugesperrt. Einmal kam es zu einer Klage, als der Stadtrichter Benedikt Köppl den „Torwächtl“ Phillip Neumann verklagte. Der Stadtrichter war beim Probst auf der Probstei, wobei es länger am Abend wurde. „Die werden nicht nur gebetet haben, der wird auch einen guten Wein gehabt haben“, so Christl Mayerhofer. Der Stadtrichter kam auf alle Fälle zu spät und das Tor war bereits zugesperrt. Nur in Ausnahmefällen wurde für Reisende das Tor am Abend geöffnet. Zum Abschluss erhielten die Teilnehmer der kostenlosen Führung ein Geschenk. Eine Abbildung des Kupferstiches der Stadt Zwettl von Georg Matthäus Vischer von 1672.

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