„Judentempel“ in der Forstheide: Erhaltenswertes Mahnmal

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Norbert St. Mottas Norbert St. Mottas, Tips Redaktion, 30.05.2020 11:42 Uhr

AMSTETTEN. In der Forstheide befinden sich die Überreste einer nie fertig gestellten Munitionsfabrik. Dort wurden zahlreiche KZ-Häftlinge ermordet.

AMSTETTEN. Eine große Munitionsfabrik hatten die Nationalsozialisten in der Forstheide errichten wollen. Die Fabrik wurde nie vollendet und nach dem Krieg von den Russen gesprengt. Als Überrest dieses Bauwerks steht eine Baurunie, die in der Bevölkerung „Judentempel“ bezeichntet wird. Dort wurden nicht mehr arbeitsfähige KZ-Häftlinge und nicht mehr Gehfähige der Todesmärsche ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter hingebracht und erschossen. Der zeitgeschichtlich interessiert Stephansharter Paul Dietl, hatte in der Ruine für ein paar Tage die Pieta-Skulptur „Wo sind sie geblieben, Maria, die Männer?“ aufgestellt und fotografiert – und bei der Gelegenheit das in der Bevölkerung als „Judentempel“ bezeichnete Bauwerk erkundet.

Zeitgeschichliches und  erhaltenswertes Mahnmal

 

Dieses Bauwerk sieht Dietl als wichtiges zeitgeschichliches und vor allem erhaltenswertes Mahnmal. Dietl: „Ich nehme an, nur wenige haben dieses “kultisch„ anmutende Bauwerk, das da seit über 75 Jahren in einem lichten Waldstück der Forstheide steht, je gesehen oder gar Zeit darin verbracht: die Rede ist von einem imposanten Betongerippe eines ehemaligen unvollendeten Sprengstoffwerks im Volksmund sehr stimmig auch der “Judentempel„ genannt.“Dietl beschreibt das mythische Ambiente des Gebäudes: „Keine Wände, keine wirkliches Dach, 18 Säulen im strengen Raster wie beim antiken Tempel, darauf eine fragile Betonplatte, durch deren Loch in der Mitte das Regenwasser in die Mitte des Raums fliessen kann; die verwitterte Betonstruktur gibt an der Decke schon die Eisenbewährung preis; die Säulen sind mit gekratzten und gesprayten Zeichen versehen – vom Anarchie-Symbol und einem Hakenkreuz über einen roten Stern hin bis zum Peace-Zeichen und einigen Textbrocken.“

Architektonische Metapher

Dietl weiter: „Wahrscheinlich ohne es zu wissen hat Amstetten hier den vielleicht meditativsten “Kultplatz„ in weitem Umkreis, der wegen seiner Geschichte auch als architektonische Metapher gelesen werden kann: Ein Zweckbau zur Produktion von Kriegsmaterial für die industrielle Vernichtung, erbaut von vermutlich auch jüdischen Zwangsarbeitern, nicht fertiggestellt oder frühzeitig aufgegeben, “nackt„ und von allem Schützenden entkleidet, teilweise von der Natur zurückerobert und mit einer Patina versehen, von Öffentlichkeit, Kulturtourismus und sogar Google Maps weitgehend übersehen.“

Pieta-Skulptur

Dietl erklärt den Hintergrund der Pieta-Skulptur so: „Der Anstoß zu dieser Arbeit entstand aus der Frage, wie man heutzutage eine Marien- oder Pieta-Skultpur gestalten könnte, die nicht sofort in religiösen Kitsch abdriftet. Dabei half, die Gestaltung teilweise als rein formal-technische Aufgabe zu behandeln, nämlich der 3-dimensionale Verschränkung eines Mariensymbols - wie dem Großbuchstaben 'M' - mit der klassischen christlichen Kreuzform (die auch als Schwert interpretiert werden kann). Es zeigte sich, dass ein räumliche Durchdringung sogar derart möglich ist, dass sich ein selbststehendes Dreibein ergibt! Was das Materialität betrifft so ist vielleicht zu erwähnen, dass die schwarz-verwitterten Holzbretter zahlreiche “Verletzungen„ durch Nägel, Schrauben, Einkerbungen und Durchbohrungen aufweisen.

Inhaltlich weist der Titel der Arbeit ('Wo sind sie geblieben, Maria, die Männer?') über die engere Lesart von Pieta-Darstellungen hinaus: Maria ist als Frau bzw Mutter alleine am Hinrichtungsort, denn alle Männer sind - teils aus Feigheit oder Opportinismus - geflohen. Zweitens kann - speziell im Zusammenhang mit Orten von Krieg und Völkermord - das 'M' auch für die stets akute Frage hunderttausender Mütter stehen: Wer hat unsere Männer und Burschen für den Machterhalt missbraucht, verschleppt, gefoltert, und umgebracht?“

 

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Kommentare

  1. Christian
    Christian03.06.2020 19:25 Uhr

    Judentempel - schon in meinen Jugendjahren ein beliebter Treffpunkt gewesen,außerdem sind rundherum auch einige Bunker,die zugeschüttet wurden,einige davon wurden nie geöffnet,Judentempel liegt in der Forstheide zwischen Fa.Wögerer(ehemals Pertoldi) & Kematner Wirtschaftspark

  2. Dieter
    Dieter03.06.2020 12:45 Uhr

    Judentempel - Gib bei Google Maps einfach „Judentempel Amstetten“ ein

  3. Pa
    Pa31.05.2020 08:39 Uhr

    Wo? - Wo in der Forstheide befindet sich diese Ruine?

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