Von Tod, Leid und Glücksgefühlen: der bewegende Alltag der Flugretter
KREMS/HORN. Seit 32 Jahren betreibt der ÖAMTC in Krems einen Notarzthubschrauber, der auch im Bezirk Horn eingesetzt wird. Unzählige Menschen hat die Crew seither medizinisch versorgt oder ihnen sogar das Leben gerettet. Im Gespräch mit Tips geben vier Crewmitglieder Einblick in ihren ebenso herausfordernden wie beglückenden Job als „fliegende Engel“.

Bei Sonnenaufgang beginnt der Arbeitstag für die Besatzung des Notarzthubschraubers. Sofern nicht gleich ein Einsatz ansteht, nutzen die Crewmitglieder die Zeit für ein gemeinsames Frühstück. „Miteinander reden ist etwas ganz Wichtiges“, weiß Gabriele Golling, die seit 2005 als Leitende Flugrettungsärztin am Kremser Stützpunkt tätig ist. „Wir müssen einander total vertrauen. In brenzligen Situationen muss jeder wissen, was er zu tun hat“, so die 54-jährige Anästhesistin.
Besatzung wechselt täglich
32 Personen gehören zur Crew, darunter 18 Notärzte, elf Flugrettungssanitäter und drei Piloten. Einzig die Piloten sind beim ÖAMTC angestellt. Die Ärzte – Anästhesisten, Unfallchirurgen und Internisten – kommen zum größten Teil aus dem Klinikum Krems und den umliegenden Krankenhäusern. So auch Michael Rosner, Facharzt an der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Landesklinikum Horn. Seit Mai 2013 ist der Mediziner Teil der Christophorus 2 (C2)-Crew in Krems- Gneixendorf und absolviert dort neben seiner Spitalsarzttätigkeit im Landesklinikum Horn zwei Dienste pro Monat.
Bei den Flugrettungssanitätern handelt es sich entweder um festangestellte Mitarbeiter des Roten Kreuzes oder freiwillige Helfer mit jahrelanger Erfahrung im Rettungsdienst. Der Zufall entscheidet, welche drei Crew-Mitglieder einen Tag lang gemeinsam Dienst auf C2 versehen.
Durchschnittlich vier bis fünf Einsätze haben die Flugretter an einem Tag zu bewältigen. Das Einsatzgebiet erstreckt sich dabei in einem Radius von etwa 100 Kilometer rund um Krems und umfasst das gesamte Waldviertel, Teile des Weinviertels sowie die Bezirke St. Pölten und Melk.
Weniger Unfalleinsätze
Maximal drei Minuten nach Alarmierung sind die Retter in der Luft und im Schnitt in dreizehn Minuten am Zielort. Bis Sonnenuntergang halten sich Pilot, Notarzt und Sanitäter am Flugplatz Krems-Gneixendorf bereit.
Oft sind es Patienten mit Herz-/Kreislaufbeschwerden oder neurologischen Problemen, die einen Einsatz des Notarzthubschraubers erforderlich machen. Schwere Verkehrsunfälle sind Gabriele Golling zufolge deutlich rückläufig – „die Autos werden immer sicherer“ – und machen nur noch 20 bis 30 Prozent der Einsätze aus. Etwa jeder zehnte Einsatz des Hubschraubers ist laut Statistik lebensrettend. Für die Notärztin ist es bereits ein befriedigendes Gefühl, wenn sie einem Menschen das Atmen erleichtern oder die Schmerzen nehmen kann: „Da hat man dem Patienten wirklich geholfen“.
Angehörigen-Leid belastet
Tod und Leid sind ständige Begleiter der Christophorus-Crew. Die oft tragischen Umstände hinter Unfällen oder das Leid der Angehörigen belasten auch die Retter. Aus Selbstschutz versucht Gabriele Golling diese Gefühle nicht zu sehr an sich heranzulassen. Doch spurlos gehen manche Einsätze auch an ihr nicht vorüber. „Ich bin ein bescheidener Mensch geworden“, erzählt die Medizinerin. Denn ihr Job zeigt ihr immer wieder: „Viel Geld oder ein tolles Auto zu haben, kann innerhalb einer Sekunde völlig bedeutungslos werden. Bei allem Tragischen haben wir aber auch Glücksmomente“, betont die Notärztin. Zu sehen, dass es einem Patienten besser geht beispielsweise. Die Dankbarkeit der Angehörigen zu spüren oder positives Feedback zu bekommen.
Menschen bekreuzigen sich
„Ein „Danke, dass es Euch gibt“, höre ich oft“, berichtet Flugrettungssanitäter Roman Doppler. Häufig beobachte er, dass sich ältere Menschen bekreuzigen, wenn der Helikopter von einem Einsatzort abhebt. Das Gefühl helfen zu können, motiviert die Crewmitglieder immer wieder aufs Neue, in den Hubschrauber zu steigen. Denn, so fasst es der Sanitäter zusammen: „Wir haben hier alle ein ausgeprägtes Helfersyndrom.“
Michael Rosner gab Tips einen Einblick in den Alltag eines „fliegenden Notarztes“.
Tips: Wie gelangten Sie zu dem Entschluss, sich als Notarzt beim Christophorus zu engagieren?
Michael Rosner: Die präklinische Notfallmedizin ist mir seit Beginn meiner medizinischen Tätigkeit ein Herzensanliegen, das ich seit fast 15 Jahren konsequent verfolge. Somit war es nur logisch, mich bei der ÖAMTC Flugrettung als Notarzt zu bewerben.
Tips: Welche Herausforderungen stellt die Arbeit in der C2-Crew und wie verarbeitet man die teilweise recht heftigen Schicksale der Patienten und Angehörigen?
Michael Rosner: Wir legen sehr rasch große Distanzen zurück, es geht oft darum, die Patienten ins „richtige“ – sprich geeignete Spital zu bringen, das nicht immer unbedingt nahe sein muss.Es ist mir wichtig, mich qualitativ hochwertig einbringen zu können, zum Wohl der uns anvertrauten Patienten, als Teil eines kleinen sehr effizienten Teams. Ich finde die Akutmedizin sehr spannend, meine berufliche Laufbahn als Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin ist hier sicher förderlich. Schwere Schicksalsschläge sind oft Thema im Team, das die Situation gemeinsam erlebt hat oder man tauscht sich mit Kollegen aus. Das Erlebte im Rahmen solcher Gespräche Revue passieren zu lassen reicht oft schon aus, um mit diesen Situationen gut umgehen zu können.
Tips: Erleben Sie in Ihrer Arbeit auch schöne Momente?
Michael Rosner: Ja, wir haben viele schöne Momente, da wir der überwiegenden Mehrheit unserer Patienten wirklich rasch und gut helfen können. Immer wieder kommen Menschen nach ausgestandener Krankheit oder Verletzung bei uns vorbei, um sich für unsere Hilfe zu bedanken. Ich bin stolz, Teil dieses Teams zu sein. Wir tun unser Bestes, um rasch und professionell zu helfen. Danke an alle, die die Christophorus Flugrettung unterstützen.








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