Langer-Weninger: „Die Menschen leben wieder lieber am Land“

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Alexandra Mittermayr Tips Redaktion Online Redaktion 17.11.2021 20:56 Uhr

OÖ/LINZ. Die neue Agrarlandesrätin Michaela Langer-Weninger (ÖVP) verantwortet in ihrem Ressort die Bereiche Land- und Forstwirtschaft, Ernährung, Gemeinden und Feuerwehren. Im Tips Talk spricht die ehemalige Präsidentin der Landwirtschaftskammer OÖ über ihre neuen Aufgaben.

Tips: Was sind Ihre ersten Schritte als neue Landesrätin?

Michaela Weninger-Langer: Ich lerne die Aufgabenstellungen kennen und lese mich ein. Das sehr breit aufgestellte Ressort umfasst die Abdeckung des gesamten ländlichen Raums, den ich mit meiner Arbeit unterstützen werde. Die Gemeinden sind ganz wesentlich für die Lebensqualität der Bevölkerung – diesen wollen wir als Land ein verlässlicher Partner sein. Und die Feuerwehren haben massive Herausforderungen aufgrund der Klimaveränderungen. Alleine im heurigen Jahr haben sie um das Fünffache mehr Einsatzstunden geleistet als im Jahr zuvor. Es braucht entsprechende Ausrüstung, um die Sicherheit der Einsatzkräfte zu gewährleisten.

Tips: Denken Sie hier auch an den Einsatz von Drohnen?

Langer-Weninger: Es gibt den Wunsch seitens der Feuerwehren, Einsatzorte vorher zu überfliegen. Dazu braucht es neben der Ausrüstung aber auch die Kenntnisse, um mit den Drohnen umgehen zu können.

Tips: Welche Unterstützung benötigen die Gemeinden?

Langer-Weninger: Wir erleben in den letzten beiden Jahren aufgrund von Corona, dass der Zustrom in Richtung größere Städte nachlässt. Die Menschen leben wieder lieber am Land. Dazu braucht es Unterstützung zum Beispiel bei der Infrastruktur der Kinderbetreuung oder im Bereich Breitband. Wir haben mit der Gemeindefinanzierung neu ein gutes System und geben heuer noch den Startschuss für die Evaluierung, um die Treffsicherheit gewährleisten zu können.

Tips: Bund und Land sprechen von der Notwendigkeit, dass verarbeitete, regionale Lebensmittel erkennbar sein müssen. Warum dauert das so lange?

Langer-Weninger: Es ist wirklich ein etwas mühsamer Weg dorthin – leider. Die Bäuerinnen und Bauern sind froh, dass die Herkunftskennzeichnung im Regierungsprogramm verankert ist. Es sind dazu drei Verordnungen auf den Weg gebracht worden: Die Lückenschlussverordnung zur Nachvollziehbarkeit ist bereits ratifiziert, die beiden anderen Verordnungen für die Gemeinschaftsverpflegung und die verarbeiteten Lebensmittel sind derzeit in Begutachtung. Die von Minister Mückstein für nächstes Jahr angedachte Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie ist wünschenswert.

Tips: „Wertschätzung muss Wertschöpfung ermöglichen“ hört man von Ihnen.

Langer-Weninger: Die österreichische Landwirtschaft bietet ein Angebot für alle Einkommensklassen. Wir fordern und wollen, dass regionale Lebensmittel von unseren heimischen Produzentinnen und Produzenten in den Regalen gut verankert sind. Wir brauchen dafür die Wertschätzung, aber auch die Wertschöpfung für unsere Betriebe. Die Landwirtschaft hat von 2005 bis 2019 an der Wertschöpfungskette verloren – und zwar von 20 Prozent auf 17,5 Prozent. Die landwirtschaftlichen Betriebe befinden sich in einem Schraubstock: Einerseits wird der Produktpreis weniger, auf der anderen Seite steigen Produktions- und Betriebsmittel wie Energie, Futter- und Düngemittel.

Tips: Was werden Sie gegen das Höfesterben in OÖ unternehmen?

Langer-Weninger: Der Rückgang an Betrieben ist noch nicht gestoppt. Wir sehen in Umfragen, dass die Landwirtschaft in der Bevölkerung sehr gut angesehen ist. 9 von 10 Befragten sagen, dass die Landwirtschaft Lebensqualität und Lebensfreude vor Ort schafft. Umgekehrt haben die Bäuerinnen und Bauern selber oft nicht das Gefühl, diese Wertschätzung zu erleben. Dieses Thema muss uns beschäftigen, weil welcher junge Mensch will einen Beruf ausüben oder einen Betrieb weiterführen, wenn der Berufsstand nicht geschätzt wird. Hier müssen wir Bewusstsein schaffen, dass wir gute Produkte und die Anerkennung der Bevölkerung haben. Diejenigen Betriebe, die direkt vermarkten oder vermieten, spüren diese Anerkennung. Ich habe den Eindruck, dass die Bevölkerung eine Sehnsucht nach Natürlichkeit und Erdung verspürt.

Tips: Tierhaltung verursacht Treibhausgase – was entgegnen Sie dieser Aussage?

Langer-Weninger: Gerade die Rinder- und die Grünlandwirtschaft ist eine Kreislaufwirtschaft. Die Speicherung von CO2 im Boden kann nur funktionieren, wenn Grünland auch bewirtschaftet wird. Diese Bewirtschaftung wird einem natürlichen Prozess, nämlich dem Tier zugeführt und kommt über die Düngeleistung wieder auf den Grund und Boden hinaus. Das heißt, eine bessere und nachhaltigere Bewirtschaftung von Grünland als über Tierhaltung gibt es in Wahrheit nicht.

Tips: Wie schaut die Landwirtschaft der Zukunft aus?

Langer-Weninger: Das ist eine Landwirtschaft, die sehr stark mit Kreislaufwirtschaft, Klima- und Umweltschutz sowie Nachhaltigkeit verbunden ist. Aber das ist nicht nur die Landwirtschaft der Zukunft. Wäre Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten oder Jahrhunderten nicht nachhaltig gewesen, hätten wir heute keinen Grund und Boden, den wir bewirtschaften könnten. Wir müssen vielleicht in der Zukunft diesen Mehrwert stärker hervorheben.

Tips: Regional oder Bio – was gewinnt?

Langer-Weninger: Für mich ist es wichtig, regional und saisonal einzukaufen, gerne auch biologisch. Bevor ich mich für ein Bio-Produkt aus dem Ausland entscheide, entscheide ich mich immer für ein konventionelles Produkt aus der Region.

 

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