Viele Eltern und Kinder sind am Rande der Verzweiflung

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von links: Ulrike Kneidinger-Peherstorfer (Leiterin Spiegel-Elternbildung), Adrian Kamper (Leiter Department für Psychosomatik für Säuglinge, Kinder und Jugendliche, Klinikum Wels-Grieskirchen), Josef Hölzl (Beziehungsleben.at) und Silvia Breitwieser (Leiterin TelefonSeelsorge OÖ – Notruf 142) informierten über die Auswirkungen der Pandemie auf Eltern und ihre Kinder. (Foto: Diözese Linz/Wakolbinger)
Wurzer Katharina Wurzer Katharina, Tips Redaktion, 06.05.2021 14:31 Uhr

LINZ/WELS/OÖ. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen bestimmen unseren Alltag nach wie vor. Welche Auswirkungen das auf die psychische Gesundheit von Eltern und Kindern hat, erläuterten Experten aus Medizin, Beratung und Seelsorge am Donnerstag, 6. Mai, in einer Pressekonferenz. Sich in schwierigen Situationen Hilfe zu holen sei ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein.

Viele Eltern seien am Rande der Verzweiflung, berichtet Ulrike Kneidinger-Peherstorfer, Leiterin der Spiegel Elternbildung des Katholischen Bildungswerkes. Sie müssten täglich verschiedene Ansprüche und Bedürfnisse unter einen Hut bringen, sei es in der Erziehung, im Haushalt, aber auch Homeoffice und Lernen mit den Kindern. Sich regelmäßig ändernde Umstände würden kreative Maßnahmen erfordern, um den familiären Alltag bewältigen zu können. Die Sehnsucht nach einem „Leben wie zuvor“ sei groß. „Ich habe mich gestern heulend auf den Küchenboden gelegt - meine Zweijährige hat meinen Rücken gestreichelt, mein Sechsjähriger meinen Kopf - es hat ein bisschen geholfen“, habe eine Mutter vor ein paar Wochen am Telefon erzählt.

Innere Leere und Ziellosigkeit bei Kindern und Jugendlichen

Auch Kinder und Jugendliche sind in Zeiten der Corona-Pandemie besonders gefordert. Besorgniserregend seien vor allem die Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit. „Ab Februar 2021 nahmen die Anfragen an unsere Einrichtung sprunghaft zu, steigerten sich im März und April nochmals: zwei bis drei Anfragen pro Tag zu stationären Aufnahmen. Dem stehen zwölf stationäre Psychosomatik-Behandlungsplätze gegenüber“, führt Adrian Kamper aus, Psychiater und Leiter der Abteilung Psychosomatik für Säuglinge, Kinder und Jugendliche am Klinikum Wels-Grieskirchen. Die Symptome der Patienten würden von Essstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten über Schlafstörungen inklusive Tag-Nacht-Umkehr bis hin zu ängstlich-depressiven Symptomen und Panikreaktionen reichen. Zudem hätten viele Jugendliche ein Gefühl der inneren Leere und Ziellosigkeit. „Dazu kamen die früh einsetzenden Bewertungen als 'verlorene Generation' oder 'Generation Corona'. Das war und ist nicht angebracht, zudem für die Kinder und Jugendlichen irritierend“, kritisiert Kamper.

Angebote für Eltern und ihre Kinder

Möglichkeiten, um Eltern und ihre Kinder zu unterstützen, gebe es zwar, jedoch seien diese nicht allen bekannt, fürchten die Experten. Die Spiegel Elternbildung hat zum Beispiel viele Angebote ins Netz verlagert. An der Erziehungs- Erste-Hilfe-Box zu Themen wie Wutanfällen, Schulangst und Liebeskummer sowie an „Von Herzen sprechen in Krisenzeiten“ zu aktivem Zuhören und Gefühlen haben je 25 Personen teilgenommen, berichtet Kneidinger-Peherstorfer. Das sei doppelt so viel wie bei Präsenzveranstaltungen, weshalb die Onlineformate auch ausgebaut werden sollen.

Ein Angebot, das auf Beratung setzt ist Beziehungsleben.at der Diözese Linz. Bei Berater Josef Hölzl meldete sich etwa ein Vater, der mit seinem 14-jährigen Sohn nicht mehr zurechtkomme. Er fehle immer wieder in der Schule, treffe sich ständig mit älteren Freunden und würde uneingeschränkt am Computer spielen wollen. Für Hölzl war es wichtig, dass die Eltern wieder Mut fassen. Über diese ließ er auch dem Sohn schöne Grüße und eine Einladung zur Beratung zukommen. Der 14-Jährige kam dieser nach und bezeichnete das Gespräch als Erleichterung. In diesem stellte sich heraus, dass er seine Eltern als kontrollierend empfand. „Für die psychische Widerstandsfähigkeit eines Kindes ist mindestens eine verlässliche Bezugsperson ein zentraler Wirkfaktor – das gilt auch für Erwachsene in Krisenzeiten“, sagt Hölzl. Er rät, nach Möglichkeiten zu suchen, wie trotz Einschränkungen Kontakte zu wichtigen Bezugspersonen reaktiviert und aufrechterhalten werden können.

„Sich Hilfe zu holen ist keine Schande“

Als erste Anlaufstelle für Eltern versteht sich auch die TelefonSeelsorge - Notruf 142. Sie bietet ein Elterntelefon an. „Sorgen um die Gesundheit und Zukunft der Kinder, Beziehungsprobleme, die Wut über die mangelnde Kontrolle über die Situation und die Perspektivenlosigkeit sind aktuelle Befindlichkeiten zahlreicher Eltern. Eltern zu sein ist eine Lebensaufgabe und derzeit noch kräfteraubender als sonst. Niemand ist fehlerlos, auch Eltern nicht. Sich Hilfe zu holen, ist keine Schande, sondern ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein“, meint Silvia Breitwieser, Leiterin der TelefonSeelsorge - Notruf 142. Ein erstes Gespräch könne schon vieles bewirken. Ab wann sich Eltern Hilfe holen sollten? Die Schwelle sei sehr unterschiedlich, sagt Kamper. Hinweise würden etwa ein verändertes Verhalten des Kindes, Schulverweigerung, nicht kontrollierte Emotionen oder Selbstverletzungen geben.

Längerfristige Folgen

Kampers Einschätzung nach gebe es bei Kindern und Jugendlichen drei Gruppen in Bezug auf die Folgen der Pandemie. Ein Teil würde die Zeit weitgehend unbeschadet überstehen, eine zweite Gruppe schaffe die Bewältigung mit gewissen Problemen, aber ohne Dauerfolgen und ein dritter Teil werde mit anhaltenden Folgen aus der Pandemie hervorgehen. Besondere Risikogruppen seien Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen, Betroffene von häuslicher Gewalt, Jugendliche ohne Schulabschluss, aber auch Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch schwachen Schichten. Sie alle müssten frühzeitig identifiziert werden und Unterstützung erhalten.

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