„Autismus muss sichtbarer werden“: Oberösterreich will von Dublin lernen
OÖ/DUBLIN. Mehr Wissen, mehr Verständnis und weniger Vorurteile: Oberösterreich hat im Frühjahr 2026 als erstes Bundesland in Österreich einen eigenen Aktionsplan für Menschen im Autismusspektrum initiiert. Wertvolle Inputs holte sich eine Delegation rund um Sozial-Landesrat Christian Dörfel (ÖVP) sowie Spezialisten auf dem Gebiet in Dublin. Irlands Hauptstadt arbeitet gerade daran, zur weltweit ersten autismusfreundlichen Hauptstadt zu werden.

Internationalen Schätzungen zufolge ist ungefähr ein Prozent der Gesamtbevölkerung eines Landes von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen. Damit diese Menschen selbstverständlicher am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, braucht es nicht nur passgenaue Angebote, sondern auch ein Umfeld, das die speziellen Bedürfnisse kennt.
„Welche besonderen Bedürfnisse Menschen im Autismusspektrum haben, ist zu wenig bekannt. Vor allem, welche Anforderungen an das Umfeld zu stellen sind, damit sie ihre Möglichkeiten auszunützen und ihre Talente leben, bestenfalls am Arbeitsmarkt Fuß fassen können“, so Sozial-Landesrat Dörfel.
Oö. Aktionsplan in Ausarbeitung
Die Sozialabteilung des Landes OÖ arbeitet aktuell gemeinsam mit Trägereinrichtungen, Experten der Beratungsstellen, Angehörigenvertretern und Betroffenen an einem Oö. Aktionsplan für Menschen im Autismus-Spektrum. Im Frühjahr 2027 soll er präsentiert und umgesetzt werden, mit dem Ziel, „Betroffenen ein Leben in Würde inmitten unserer Gesellschaft leichter zu ermöglichen als bisher.“ Bestehende Angebote sollen dabei weiterentwickelt werden, die Rahmenbedingungen für mehr Teilhabe und Selbstbestimmung verbessert.
Auf Stärken statt Defizite setzen
Dublin hat im April 2026 den „Dublin City Autism Plan 2026-2028“ vorgestellt, mit dem Ziel, weltweit erste autismusfreundliche Hauptstadt zu werden. Im Mittelpunkt stehen mehr Bewusstsein für oftmals unsichtbare Barrieren, bessere Orientierung im öffentlichen Raum oder auch ruhige, auf unterschiedliche sensorische Bedürfnisse abgestimmte Umgebungen. Zudem liegen Schwerpunkte auf gesellschaftlicher Teilhabe und bessere Zugänge zu sinnvoller Beschäftigung und inklusiven Arbeitsplätzen. „Es geht vor allem darum, auch öffentliche Services auf Barrierefreiheit für Menschen im Autismusspektrum auszurichten“, so Aoife Flynn vom Dún Laoghaire-Rathdown County Council. „Wenn wir Bewusstsein schaffen in der Gesellschaft kommt automatisch auch ein Shift.“
Wie in Dublin will Oberösterreich den Schwerpunkt hin auf zielgerichtete Unterstützung lenken. Nicht Defizite, sondern Talente werden in den Mittelpunkt gestellt.
Elaine Fitzsimons, Principal Clinical Psychologist bei Saint John of God in Dublin: „Autismus stellt sich bei jedem anders dar, jede Person ist einzigartig. Jeder hat andere Talente, die müssen wir unterstützen und auf diese Stärken setzen.“
„Unser Prinzip ist, sich auf die Stärken zu konzentrieren, nicht auf die Defizite“ – so auch Aine Goodwin, Regional Manager der Eve Holdings in Dublin. Die Begleitung in Tageszentren von Eve Holdings will zudem kein „Beschäftigungsprogramm“ sein, sondern bei der Erreichung konkreter Ziele der Betroffenen – wie selbstständig in einer eigenen Wohnung leben – konkret zu unterstützen, etwa mit Kursen zur richtigen Haushaltsführung. „Der personenzentrierte Plan“ sei Grundlage für alles.
Fokus auf individuelles Wohnen
Auch beim Thema Wohnen hat sich in Irland ein Wechsel hin zur individuellen Betreuung und Begleitung vollzogen, um Betroffene in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. „Es wird ermöglicht, dass die Betroffenen selbst entscheiden, wo und mit wem sie leben wollen, oder auch alleine“, so Mick Teehan, Direktor der Gheel Autism Services. Dörfel sieht hier Parallelen zum Konzept „Passgenaues Wohnen“ in OÖ.
Wie er erzählt, plant der Gheel Autism Service auch gerade, eine mit Mauern umgebene bestehende Wohnanlage für Klienten mit vier Häusern und je vier Bewohnern abzubrechen und Einzelapartments zu errichten, die Mauer abzureißen und und die Anlage mit einem sensorischen Garten für die Öffentlichkeit zu öffnen.
Zusammenarbeit verstärken
Ein Erfolgsfaktor in Dublin war es laut Des North von Saint John of God, dass die verschiedenen Bereiche und Organisationen begonnen haben, zusammenzuarbeiten.
Hier sieht Primar Johannes Hofer, Institutsleiter Sinnes- und Sprachneurologie Barmherzige Brüder Linz, noch Aufholbedarf. „Wir haben sehr vieles, das sehr gut funktioniert. In Oberösterreich sind Familien aber oft sehr verloren, weil die Navigation durch die unterschiedlichen Angebote und Systeme nicht optimal gelingt. Das ist eine große Aufgabe, wo wir uns noch mehr vernetzen und die Betroffenen und Familien noch viel mehr reinholen müssen.“ Er sieht es auch nötig, in einem weiteren Schritt den Bereich Bildung in den Aktionsplan einzubinden.
Arbeitswelt vorbereiten
Beim Thema Arbeitsmarkt warnt Hofer davor, Betroffene in einen Arbeitsmarkt zu drängen, „der noch nicht bereit ist.“ Hofer: „Wenn wir über dieses Spektrum reden, sprechen wir über ganz unterschiedliche Betroffenheiten, unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten aber auch unterschiedliche Potentiale. Da können wir wahnsinnig profitieren, gleichzeitig müssen wir aber auch aufpassen, Menschen im Autismusspektrum nicht in einen Arbeitsmarkt zu drängen, der noch nicht bereit ist. Wir haben auch den Auftrag, diese Bereitschaft des Arbeitsmarktes hinzubekommen.“
„Wir werden die Firmen darauf vorbereiten müssen“, so Dörfel. Unternehmen sollten einerseits ermutigt werden, Menschen im Autismus-Spektrum zu beschäftigen, andererseits müssten sie wissen, was nötig ist, damit deren Talente im Betrieb tatsächlich genutzt werden können.
Hier setzt das NEBA Betriebsservice OÖ an. Es ist darauf spezialisiert, Betriebe bei der erfolgreichen Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu unterstützen. Projektleiter Claus Jungkuntz: „Wenn wir Sozialräume gestalten wollen, Zugang zu Lebensräumen, raus aus den Einrichtungen – brauchen wir eine Lobby. Wenn wir in Beschäftigung wollen, brauchen wir auch die Mindsets.“ Es gehe zudem darum, Engstellen und Ängste abzubauen. Das gemeinsame Ziel: „Dass Betroffene das Höchstmaß der ihnen möglichen Selbstständigkeit erreichen.“
Eines seiner Learnings von der Reise: Das Lebensalter zu berücksichtigen. „An welchen Stellen ist es entscheidend, Ressourcen zu investieren? Zum Beispiel im Übergang von der Schule in den Beruf ist es ganz wichtig, intensiv zu unterstützen“, denn das würde sich in späteren Jahren rechnen.
Mut zur Veränderung haben, Vorurteile abbauen
Dorothea Dorfbauer, Geschäftsleitung Soziale Dienstleistungen des Diakoniewerks, und Ernst Leidinger, Geschäftsführer der Neue Wege gGmbH, unterstreichen den beeindruckenden Wandel, den Irland angeht. „In den letzten Jahren wurden dort andere Perspektiven eingenommen. Es hat mich beeindruckt in dieser Offenheit in die Analyse und Veränderung zu gehen“, so Dorfbauer. Abgezielt wird auf die Wirkung der Maßnahmen für den Einzelnen, „das sollten wir uns mitnehmen“.
„Die Veränderung und den Mut zur Individualität, altbekannte Konzepte abzutragen und neue zu versuchen nehme ich mir mit“, so auch Ernst Leidinger. „Und wir müssen die Eltern mitnehmen. Viele fürchten sich davor, innovative Konzepte einzugehen, weil sie nicht sicher sind, ob es dann auch genug Sicherheitsnetz gibt. Hier müssen wir gut hinschauen. Und mitgenommen habe ich auch, uns Trägern und den Mitarbeitern zuzutrauen, neu zu denken und neue Wege zu gehen.“
Sandra Wiesinger, Geschäftsführerin des Instituts Hartheim betont, dass komplexere Fälle nicht aus den Augen verloren werden dürfen - es dazu die nötige Unterstützung brauche - etwa zusätzliche räumliche Ausstattung. Zudem gebe es in der Gesellschaft immer noch sehr viele Ängste und somit Vorurteile, „hier müssen die Leute sensibilisiert werden.“
Ebenfalls ein Bild von der Arbeit in Dublin machten sich Alfred Holly (Referent Chancengleichheit), Cornelia Altreiter-Windsteiger (Leitung Abteilung Soziales), Renate Hackl (Leitung Gruppe Chancengleichheit und Sozialplanung) und Barbara Petersdorfer von der Elterninitiative OÖ Autistenhilfe.
Dörfel sieht Oberösterreich auf gutem Weg
Dörfel sieht OÖ auf einem guten Weg. „Wir brauchen uns nicht verstecken, aber die Entscheidung, einen Aktionsplan zu erstellen, war richtig. Jeder ist individuell, es braucht eine sehr grundlegende Analyse der Bedürfnisse und dann die entsprechenden Maßnahmen. Das heißt für uns, wir werden den Menschen noch mehr in den Mittelpunkt stellen.“
Oberösterreich sieht er bei der frühkindlichen Diagnose weiter als Irland, „bei Erwachsenen haben die die Iren aber einen Vorsprung, weil sie Programme haben, die auf die tatsächlichen Bedürfnisse abstellen, um ein selbstständiges Leben zu führen. Es ist unser gemeinsamer Auftrag als starkes Wirtschaftsland OÖ, dass wir diese besondere soziale Verantwortung auch wahrnehmen. Es muss gelingen, Autismus sichtbar zu machen und auch deutlich zu machen, dass die Gesellschaft, das Umfeld – ob am Arbeitsplatz oder in der Freizeit – Rücksicht nehmen muss. Es wird eine große Herausforderung werden, denn die Diagnosen werden mehr. Daher müssen wir uns dieser Herausforderung gemeinsam stellen.“
Neues Zentrum für Entwicklungsmedizin und Autismusfrühintervention
In Linz entstehe unterdessen ein neues Zentrum für Entwicklungsmedizin und Autismusfrühintervention, das Land OÖ und das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz bauen die Versorgung für Kinder im Autismusspektrum aus. Der Spatenstich für das neue Zentrum in der Herrenstraße wird am 17. September offiziell gesetzt.








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