Streetwork: „Junge Menschen werden nicht gehört und nicht verstanden“ [Teil 2]

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Walter Horn Walter Horn, Tips Redaktion, 20.11.2020 19:45 Uhr

RIED. Im Gespräch mit der Rieder Streetworkerin Kerstin Hofstätter ging es in der vorigen Ausgabe vor allem um konkrete Herausforderungen des Lockdowns für Jugendliche in der Familie, der Arbeit oder der Schule. Diesmal geht es vor allem um die psychischen Auswirkungen.

[Zu Teil 1 des Gesprächs mit Kerstin Hofstätter]

Jugendliche aus sozial schwächeren Familien treffen Maßnahmen wie ein Lockdown besonders hart. Durch die oft beengte Wohnsituation halten sie sich mehr im öffentlichen Raum auf - das geht jetzt kaum noch. Auch die Schule fällt als Pufferzone weg.

Feiern verboten

Tips: Bei Jugendlichen steht quasi in der Berufsbeschreibung, dass sie sich mit Gleichaltrigen treffen, feiern, unabhängig und selbstständig werden. Genau das wird ihnen derzeit weitestgehend verboten. Wie wirken sich die Pandemie und die Maßnahmen in dieser Hinsicht aus?

Kerstin Hofstätter: Ein Lockdown ist für Jugendliche besonders hart: wir dürfen die psychische Belastung wir nicht außer Acht lassen. Für Jugendliche ist sich Treffen, sich Ausleben und Miteinander Sein eine wichtige Phase. Schon während der sommerlichen Lockerungen haben viele ihr soziales Umfeld auf die wichtigsten Menschen reduziert. Nun verzichtet eine ganze Generation wieder darauf. 

„Der physische Kontakt fehlt ungemein“

Wenn man allein wohnt und über Wochen niemanden hat, ist das schrecklich. Der physische Kontakt fehlt ungemein, das ist ein Faktor, der zu oft unterschätzt wird. Klar kann man sich jederzeit über einen Bildschirm sehen, aber das ist ja nicht dasselbe. Es gibt Dinge, die Jugendlichen dabei helfen, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen und Stress abzubauen. Dazu gehören Treffen, Umarmungen, gemeinsam Zeit verbringen. Uns berichten junge Menschen, dass sie das Gefühl haben, nicht gehört und vor allem nicht verstanden zu werden. Besonders den Älteren gegenüber äußern sie ihre Probleme nicht, denn da kommen oft Vorwürfe, dass sie sie nicht achten und wenig Rücksicht nehmen.

Ich denke, Sorgen und Wünsche von jungen Menschen werden schnell als banal abgestempelt. Man vergisst, dass die momentane Situation auch junge Menschen sehr stresst – der soziale Austausch, die Kommunikation ist enorm wichtig.  Nur weil man ein Gefühl nicht versteht, bedeutet es nicht, dass es nicht ernst ist. 

„Was früher selbstverständlich war, fehlt“

Junge Menschen haben Grundbedürfnisse. Bestimmte Sachen, die für sie früher selbstverständlich waren und deswegen für sie wichtig geworden sind, fehlen. Psychologinnen berichten uns, dass es in einzelnen Fällen zu Angsterkrankungen und Depressionen führen kann. Deswegen fordern sie mehr Empathie. Ältere Menschen können immer auf mehr Erfahrung zurückgreifen, die junge Menschen noch nicht haben. 

Wir Streetworker sprechen mit Jugendlichen darüber was sie vermissen. Wir nehmen alles ernst, wenn auch manches im Moment nicht zu ändern ist. Zuhören, Anteilnahme und das Gefühl, dass da wer mich mit meinem Anliegen versteht, ist bedeutungsvoll.

„Erstaunlich, dass so unfassbar viele keine Party machen“

Tips: Diese Generation gehört wohl zu den Verlierern der Coronakrise – mittlerweile ist ja schon die Rede von der „Generation Corona“. Trotzdem gibt es teilweise ein Jugend-Bashing – angeblich sind viele Jugendliche rücksichtslos und egoistisch und können nicht einmal ein paar Monate auf Feiern verzichten. Ist das berechtigt? Haben „wir“ Ältere überhaupt das Recht, von den Jungen Verzicht zu verlangen, obwohl wir die Umwelt zerstören, ihre Zukunftschancen einschränken und die Jungen politisch kaum mitreden lassen?

Hofstätter: Ein deutscher Erziehungswissenschaftler verfasste die folgenden Worte denen ich sehr viel abgewinnen kann: „Dabei gab es aus meiner Sicht – im Schnitt – nie so anpassungs-, verzichtsbereite und Zumutungen schluckende junge Menschen wie in coronischen Zeiten. Und nie eine Jugend, die sich so weitgehend damit arrangiert, mit permanenten Informationsverwirrungen und mit Panikmache überzogen zu werden, statt deren Mündigkeit und Selbstbestimmungsfähigkeit zu fördern. …Und die es hinnimmt, dass sie von Corona in sämtlichen Lebensbereichen so massiv betroffen sind, dass z. B. der Bildungsauftrag von Schule fast auf das Trimmen von Corona-Regeln verkürzt ist. Und sie gleichzeitig erleben, dass feiernde Jugendliche zum zentralen Problem aufgeblasen werden, obwohl wir das genaue Gegenteil erleben: Eine Jugend, die sich in unvorstellbar großem Maße mit ihren Bedürfnissen zurücknimmt. In Anlehnung an Wilhelm Reich möchte ich da immer wieder sagen: Nicht, dass es junge Menschen gibt, die Party machen, ist erstaunlich. Sondern, dass so unfassbar viele das nicht machen...“

Kontakt aufrecht erhalten

Tips: Wie weit kann Streetwork über soziale Medien den Kontakt mit den jungen Leuten aufrecht erhalten?

Hofstätter: Plattformen wie Snap, Instagram, Facebook, Messenger, WhatsApp, Signal, Kahot und viele mehr sind uns vertraut und in der Kommunikation mit jungen Menschen nicht mehr wegzudenken. Sie kommunizieren viel darüber. Doch deutlich zeigt sich ebenso, wie wichtig ihnen der persönliche Kontakt ist. Diesen physischen Faktor dürfen wir nicht vergessen! Wir arbeiten schon sehr lang auf diesen sozialen Plattformen, deshalb war es auch für uns Rieder Streetworker schnell umsetzbar, unsere Arbeitsinhalte teilweise auf digitale Angebote zur Betreuung und Beratung junger Menschen umzustellen.

 

[Zu Teil 1 des Gesprächs mit Kerstin Hofstätter]

Streetwork Ried

Kerstin Hofstätter, 0664/2344214

Michael Dunzinger, 0664/8336076

 

Wohlmayrgasse 7, 4910 Ried i. I.

ried@streetwork.at, 07752/81601

 

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