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Max Schneglberger: „Mehrere extreme Jahre wie heuer halten wir auf Dauer nicht aus“

Walter Horn, 05.09.2026 14:14

INNVIERTEL. „Die vergangenen zwölf Monate waren die trockensten in Österreich, seit es ab 1850 Aufzeichnungen gibt“, sagte Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig am 21. August. Zusammen mit der Hitze entstand nach Angaben der Hagelversicherung ein „noch nie da gewesener“ Dürreschaden von einer Milliarde Euro. Tips sprach mit dem Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer Ried-Schärding, Max Schneglberger, über die Lage im Innviertel.

  1 / 3   Das Foto zeigt absterbende Bäume infolge eines Borkenkäferbefalles. Trockenheit schränkt die Abwehrkräfte der Bäume gegen den Borkenkäfer stark ein. (Foto: Max Schneglberger)

von WALTER HORN

Tips: Wie ist generell die Lage im Innviertel? Wie haben sich Hitzeperioden und Trockenheit auf die Landwirtschaft in der Region ausgewirkt?

Schneglberger: Sehr stark. Im Grünland ist es extrem, das war einfach verbrannt und braun. Bei den Ackerkulturen muss man unterscheiden, ob man Böden hat, die wasserführend sind, also gut Wasser speichern können  da war es ein bisschen abgemildert, aber auch ziemlich massiv. Wo es trocken war, zum Beispiel auf Schotterböden, die kein Wasserspeichervermögen haben, da gab es bis hin zum Totalausfall alles.

Tips: Was ist generell schlimmer: eine längere Hitzeperiode oder die Trockenheit, die jetzt schon ein paar Monate andauert?

Schneglberger: Das Problem heuer ist diese Paarung von Trockenheit und Hitze. Dort, wo es lokal manchmal geregnet hat, war es gleich um etliches besser als dort, wo gar nichts war. Aber diese Gewitter- und Regenzellen gab es heuer sehr wenig. Bei komplett trockenem Wetter wird in der Atmosphäre schon viel Feuchtigkeit gebunden, die gar nicht runterkommt. Vor allem der Boden trocknet komplett aus. Heuer kam noch die Hitze dazu. Die Hagelversicherung hat für die Landwirtschaft in Österreich schon Anfang August Schäden von mehr als einer Milliarde Euro berechnet  das Vierfache des Höchstwertes aus den letzten zehn Jahren. Seit 2017 lagen die Schadenswerte pro Jahr immer zwischen 100 und 270 Millionen Euro.

Tips: Was sind die konkreten Folgen für die Bauern?

Schneglberger: Da muss man zwischen Marktfruchtbetrieb und Tierhaltungsbetrieb unterscheiden. Ein Marktfruchtbetrieb hat natürlich einen Einbruch beim Verkauf, was vor allem ein Problem ist, wenn man Pachtzahlungen tätigen oder Dünger kaufen muss. Da ist vor allem die Liquidität ein Thema, weil der Bauern viel in Vorleistung gehen muss.

Bei den Viehhaltern ist die Herausforderung, dass sie das Futter, also das ganze Grünfutter produzieren. Wenn das praktisch ausfällt, haben sie für die Viecher nichts mehr zum füttern und müssen es kaufen. Da fallen auch Transportkosten an, und wenn wenig da ist – Angebot und Nachfrage – steigt natürlich der Preis. Es gab auch einige Notverkäufe von Tieren, weil manche Bauern schon jetzt die Wintervorräte verfüttert haben. Einiges an Körnermais wird heuer nicht gedroschen, sondern gehäckselt und dann siliert. Und das alles ist auch mit höheren Kosten verbunden. Manche haben Lösungsversuche über Zwischenfrucht versucht, aber wir hatten heuer extrem viele Hitzetage. Da hilft es auch nicht mehr, wenn man was anbaut, wenn es nicht regnet und nichts wächst

Die Landwirtschaftskammer hat eine Futtermittelbörse gemacht und Beratungsunterlagen erstellt, wie man in der Fütterung reagieren kann. Unsere Fütterungsberater waren ziemlich nachgefragt.

Tips: Welche zusätzlichen Belastungen gibt es bei Tierhaltung und Tierwohl? Wie vertragen die Tiere die Hitze?

Schneglberger: Die Tiere haben natürlich, so wie wir alle, Hitzestress. Die Rinder an sich sind Steppentiere, die kommen damit ganz gut zurecht. Wir haben auch viele Laufställe und offene Stallhaltungsformen. Das ist nicht so das große Problem. Aber wenn man sie auf die Weide getrieben hat, war dort alles braun wie eine Wüste.

Für die Schweinderln hat man klimatisierte Räume und Stallungen mit Lüftung. Da wird der Energieaufwand zum Kostenfaktor. Bei Schweinderln in der Sonne muss man aufpassen, weil die einen Sonnenbrand bekommen. Aber es gibt überdachte Freilaufbereiche. Viele Ställe haben auch Sprinklersysteme oder Vernebelungen. Das Tierwohl ist nicht so das Problem.

Tips: Was ist mit der Dürreversicherung? Da gab es ja heftige Diskussionen.

Schneglberger: Die Hagelversicherung bietet die Dürreversicherung an. Da gab es bei den Bauern eine heiße agrarpolitische Diskussion zwischen denen, die nicht versichert haben und denen, die versichert haben  das kann man auch ganz offen sagen. Unsere Empfehlung ist, dass sich die Leute versichern lassen. Die Versicherung ist bezuschusst, aber sie macht auch nur einen Teilkostenersatz. Mehr geht sich rechnerisch nicht aus. Ich glaube, von einer Milliarde Euro Schaden werden etwa 400 Millionen Euro ersetzt.

Es gab Diskussionen, ob der Staat auch für die nicht Versicherten in Ausfallshaftung gehen soll. Da haben die Bauern mit Versicherung gesagt: „Das sehen wir nicht ein, wir versichern uns jetzt schon zehn, fünfzehn Jahre, und jetzt ist halt einmal das Schadensjahr.“

Da gab es sogar einige Anrufe bei mir. Das ist dann eh nicht passiert, das wäre nicht vertretbar. Wer versichert ist, ist versichert  der hat nicht Glück gehabt, sondern hat einfach so disponiert, dass er das Risiko kappen wollte. Elementare, also wirklich große Schäden werden schon ein wenig abgedeckt, aber man ist trotzdem mit einem ganz schönen Selbstbehalt dabei.

Wer sich nicht versichert, der vertraut auf Gott und schaut halt. Es gibt auch genug, die sagen: Ja, ich lebe einfach damit, ich teile mir das so ein und bilde Rücklagen, falls irgendwann einmal wieder so ein Jahr ist.

Tips: Aber in der Landwirtschaft muss man ja generell mit Witterungseinflüssen rechnen, ein gewisses Risiko ist immer da.

Schneglberger: Ja sicher, das wissen die Bauern. „Die Werkstatt ist unter dem freien Himmel“ heißt es, und mit dem kann man leben. Ich sage den Bauern immer wieder: Seht nicht nur ein Jahr. Wir haben auch Jahre mit guten Einnahmen, da jammert dann niemand. Das ist aber auch in der Wirtschaft so. Man muss einfach schauen, dass man in guten Zeiten ein wenig Speck ansammelt, damit man ihn abbauen kann, wenn es härter wird.

Aber eines muss man schon klar sagen: So extreme Jahre wie heuer ein paar Mal hintereinander, dann wird es kritisch. Das halten wir auf Dauer nicht aus. Und die Tendenz, dass wir wärmere Jahre haben, ist einfach unverkennbar in den letzten Jahren – auch wenn es immer wieder mal kalte und nasse Jahre gibt. Da ist ganz wichtig, dass die Liquidität erhalten bleibt und die Betriebe ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen können.

In diese Richtung gehen auch die Dürre-Hilfspakete. Man erlässt den Bauern zwei Monatsbeiträge bei der Sozialversicherung und ermöglicht Ratenstundung bei Betriebsmittelkrediten, Agrarinvestitionen und Konsolidierung – die Bauern dürfen eine Zahlung auslassen und können sie später nachholen. Das geht ganz klar in Richtung Liquidität.

Außerdem werden die Bundeszuschüsse zur Hagelversicherung um zehn Prozent erhöht, um Anreiz zu schaffen, mehr Deckung zusammenzubringen und auch, damit sich in Zukunft die Leute mehr versichern.

Tips: Können sich auch kleinere Familienbetriebe ausreichend absichern gegen Witterungseinflüsse, Ernteausfälle und ähnliches, oder ist das für die noch schwerer?

Schneglberger: Ich glaube, dass es mit der Betriebsgröße relativ wenig zu tun hat. Es hängt viel mehr vom Management ab. Natürlich ist es bei einem kleinen Betrieb ein Thema, dass in diesen Jahren vom Einkommen aus der Landwirtschaft weniger überbleibt. Bei einem kleinen Betrieb kann man es vielleicht irgendwie kompensieren, indem man arbeiten geht, also indem er ein Nebenerwerbsbetrieb ist. Aber allgemein ist die Auswirkung relativ gleich.

Tips: Besteht bei zunehmenden Wetterextremen die Gefahr regionaler oder überregionaler Engpässe in der Lebensmittelversorgung?

Schneglberger: Das hoffe ich nicht. Das Wetter spielt sicher eine Rolle, aber ich glaube, ein viel höheres Risiko liegt in der sehr labilen weltpolitischen Lage. Es ist heute viel globalisiert, auch die ganze Düngemittelversorgung. Bewährte Zusammenarbeiten und Abläufe geraten momentan einfach aus den Fugen. Ich glaube, dass sich das noch viel mehr auswirken kann als eine Dürre wie jetzt. Wenn wir ständig so eine Dürre hätten, bekommen wir schon einmal ein Versorgungsthema. Aber momentan können wir uns gut versorgen.

Den größten Nachteil haben die ärmeren Länder. Global gesehen sind Dürren ein großes Thema, denn bei größeren Krisen der Menschheit gehen politische Krisen und Umweltkrisen immer Hand in Hand. Da denke ich weniger an uns und die EU, sondern weltweit. Es stimmt schon nachdenklich, wenn in der Ukraine Häfen gesperrt werden und ganze ärmere Kontinente nicht mehr versorgt werden können, weil die von dort ihr Getreide bekommen. In Afrika haben wir Einbrüche, das ist ein Wahnsinn dort.

Wir in der EU werden uns schon versorgen können. Die reicheren europäischen Länder werden es eher schaffen, auch wenn es zum Beispiel bei den Düngemitteln einmal ein wenig härter ist und die Spanne beim Kostenerlös weniger wird. Es wird ja nicht so sein, dass es immer zu wenig regnet.

Aber man sollte die globale und die regionale Auswirkung auseinanderhalten. Die Trockenheit und die Hitze bei uns waren ein europäisches Thema – das kann auch, je nachdem, wie die Tiefdruck- und Hochdruckgebiete ziehen, eine Einmalerscheinung sein. Wenn wir noch ein Jahr haben, wie es dieses ist, dann wird sich das schon auswirken. Ich gehe aber nicht davon aus, dass es jetzt die Regel wird, denn wenn man sich die letzten zehn Jahre anschaut, ist das Wettergeschehen ziemlich chaotisch. Wir hatten heuer viele Omega-Wetterlagen, also ein stabiles Hochdruckgebiet nach dem anderen. Das ist ja nicht jedes Jahr so. Hoffen wir.

Tips: Welche Kulturen reagieren besonders empfindlich auf Hitze und Trockenheit?

Schneglberger: Besonders empfindlich ist Grünland: der ganze Futterbau und am meisten dort, wo wenig Feuchtigkeit ist. Beim Mais hat man es gut gesehen: Auf trockenen Böden ist er schnell braun geworden und es gab viel Notreife, wie auch bei anderem Getreide.

Notreife heißt: Wenn es trocken und sehr heiß ist, ist die Pflanze bestrebt, schnell einen Samen zu erzeugen, damit sie im nächsten Jahr weiterbestehen kann. Wenn die Pflanzen sich reproduzieren und schnell einen Keimling erzeugen, gehen sie vom normalen Wachstum, der vegetativen Phase, in die generative. Das ist für die Bauern nicht von Vorteil, weil der Mehlkörper und der Nährteil, die wir hauptsächlich nutzen, großteils wegfallen.

Getreide ist da besonders betroffen. Beim ersten Drusch ging es noch so halbwegs. Aber dort, wo wir keine Wasserversorgung hatten, haben wir große Schäden gehabt.

Ein großes Thema ist auch der Wald. Der leidet gewaltig. Wenn er trocken ist, kann er sich nicht mehr gegen den Borkenkäfer wehren. Bis zu einem gewissen Grad können das die Bäume nämlich. Sie sind nicht gleich zum Tod verurteilt, wenn sie der Borkenkäfer anbohrt. Wenn es Feuchtigkeit gibt, können sie sich wehren, indem sie die Löcher mit Harz schließen. Aber wenn sie geschwächt sind, kann es schnell gehen, wie wir jetzt gesehen haben. Im Frühjahr ist ein Baum befallen, und wenn man den übersieht und die Witterung dazukommt, sind das jetzt ganze Nester geworden.

Beim Wald kommt noch dazu: Wenn es mehrere Jahre hintereinander trocken ist, dann geht der Wald in ein starkes Samenjahr, in dem die Bäume sehr stark Samen produzieren. Das gibt es etwa alle sieben Jahre und schwächt natürlich die Bäume. Aber wenn es für die Bäume total widrige Umstände gibt, kann es so ein Samenjahr auf einmal alle drei Jahre geben. Das tut die Natur einfach so; das hat den Sinn, dass die Art überlebt. Aber es schwächt die Mutterbäume immens. Vor allem unsere Fichtenkulturen sind da anfällig.

Daher geht es bei uns in der Kammer in der Beratung um den gesundheitsfitten Wald und dass wir auch in Richtung Baumarten gehen, die sich mit Hitze und Käfer leichter tun.

Da geht man zwei Wege. Das eine ist Selektion. Dabei gewinnt man Samen von Bäumen, die besonders resistent sind gegen Käfer. Es kommt ja vor, dass ein ganzes Gebiet totgefressen ist und drinnen noch drei, vier grüne Fichten stehen. Dann nimmt man von denen Samen ab und vermehrt ihn.

Es gibt auch viele Versuche, andere Baumarten zu nehmen. Aber da musst du aufpassen: Bäume, die besonders hitzetolerant sind, haben dann meistens ein Problem mit dem Frost.

Die Fichte ist der Brotbaum im Wald, das ist klar. Aber man geht auch in Richtung Mischwald, also weg von den Monokulturen.

Tips: Und welche anderen Baumsorten sind das vor allem?

Schneglberger: Wenn man sie einfach wachsen lässt, dann sind es bei uns Eichen und Hainbuchen. Die hat es hier früher gegeben, die kommen auch wieder auf. Das macht die Natur. Und hier und da mal Fichten. Aber die Monokultur wird natürlich auf Ertrag gezüchtet. Dass dem Wald die Dürre sehr wehtut, haben wir vor ein paar Jahren gesehen. Entlang der Donau, bei Engelhartszell, sind zum Teil die Fichten verschwunden. Der Käfer ist effizient, wenn er will.

Tips: Was können die Landwirte selber machen, um Ihre Betriebe widerstandsfähiger zu machen?

Schneglberger: Ein Punkt ist die wirtschaftliche Resilienz: gewisse Rücklagen bilden und liquide bleiben. Es wird zwar immer Zuschussprogramme geben, die über ein schlechtes Jahr helfen. Aber man darf nicht immer wirtschaftlich komplett an der Grenze gehen. Vollkaskomentalität funktioniert nicht.

Das andere ist, dass man bei der Bestandsführung in der ganzen Produktion, also auf den Feldern und in der Tierhaltung, das Thema Wasser berücksichtigt. Früher, zum Beispiel noch bei meinen Eltern, war das eigentlich überhaupt kein Thema. Aber in Niederösterreich, im Marchland oder in der Wiener Gegend, ist es das schon lange so. Wir haben 800, 900 Millimeter Niederschlag, dort haben sie um 300, 400 Millimeter weniger Niederschlag. Da machen Bauern zum Beispiel viele Begrünungen, lassen also den Boden nicht offen und achten in der Fruchtfolge darauf.

In diesem Bereich machen auch wir in der Kammer viel Beratung. Im Agrarnet gab es dazu extrem viele Informationen. Ganz wichtig ist, dass die Bauern zusammenhelfen, denn es erwischt nicht überall alle gleich. Das funktioniert auch ganz gut.

Das Umweltprogramm gibt etliches vor, da können die Bauern mitmachen. Manche umweltnahe Maßnahmen werden gefördert, denn man hat einen Einkommensentgang, wenn man eher naturnah produziert. Das wird abgegolten. Die Umweltprogramme geben sinnvolle Produktionen vor, damit man nachhaltiger wirtschaftet.

Gerade da haben sich die Zeiten schon lange geändert. Wenn ich an die 60er-, 70er-Jahre denke, als der Kunstdünger gefördert worden ist – das hat sich komplett aufgehört.

Ein großes Thema ist Grundwasser – auch ein Riesenthema für die gesamte Bevölkerung. Das hört man jetzt schon von den Wasserversorgern.

Es ist auch für die Bauern manchmal unverständlich, wenn über eine Tiertränke geredet wird, für die man Wasser braucht, aber andererseits der Rasen mit dem Regner gespritzt wird. Wenn es ganz knapp ist, dann muss man sich schon überlegen, ob es gescheit ist, das Auto am Vorplatz zu waschen. Das muss jetzt nicht sein. Das Grundwasser braucht zur Neubildung bis zu einem halben Jahr. Man spürt es schon, die Brunnen fallen ganz stark.

Ich glaube, solche Krisen geben solchen Entwicklungen zur Nachhaltigkeit einen Vorschub. Da wird die Notwendigkeit mit Nachdruck erkannt. Davon hängt Einkommen ab, und wenn das nicht funktioniert, dann hat man ein Problem.


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