Zentralmatura Mathematik- ein Experiment mit einem hohen Preis
Zentralmatura - ein Bericht aus der Praxis
Wenn in Maturaklassen einer renommierten höheren Schule fast die Hälfte der Mathematik-Arbeiten mit Ungenügend bewertet werden, wenn Schüler, deren Arbeiten bisher im gut durchschnittlichen Bereich lagen, nach der Umstellung auf den neuen Modus a la Zentralmatura plötzlich zittern müssen, ob sie zur Matura überhaupt antreten dürfen, frage ich mich: Kann das nur an den mangelnden Fähigkeiten der Schüler liegen?
Wenn bei den Typ1-Aufgaben (Multiple Choice Formate, offene Fragen, Lückentext, Konstruktionsaufgaben) verschiedene Schreibweisen ein- und derselben Fragestellung abgefragt werden, frage ich mich, welche Fähigkeit wird da geprüft und wozu soll diese gut sein?
Ist der Schüler bei den Typ1 Aufgaben negativ, sind die Anstrengungen im 2. Teil umsonst. Dieser zweite Teil wird dann nicht mehr gewertet. So kann es passieren, dass 1 Punkt darüber entscheidet, ob ein Schüler ein Gut oder ein Nichtgenügend bekommt. Ist dieses System eine Lotterie? Mit Kenntnis und Fähigkeiten hat das meiner Meinung nichts mehr zu tun.
Je länger ich dieses Treiben beobachte, umso weniger kann ich mich des Eindrucks erwehren, dass unsere Kinder als Versuchskaninchen herhalten müssen. Ausgang ungewiss! Als ob der Druck nicht schon groß genug wäre, muss auch noch eine vorwissenschaftliche Arbeit abgegeben werden, eine Arbeit im Ausmaß einer kleineren Diplomarbeit. Allerdings ist der Anspruch nicht vorwissenschaftlich, sondern gleicht universitärem Niveau. Es versteht sich von selbst, dass diese Arbeit zusätzlich neben anderen Aufgaben bewältigt werden muss.
Wenn ich mich umhöre, bei Eltern, Schülern, Lehrern, ist überall ein Stöhnen und Ächzen zu vernehmen. Aber es wird weitergewurstelt auf Kosten der Schüler. Schwächeln ist nicht erlaubt. Es ist unmöglich, sich bei Krankheit auszukurieren. Schüler gehen krank, mit Tablette gerüstet, in die Schule, um den Test doch mitzuschreiben. Eine Auszeit ist undenkbar. Das Versäumte nachzuholen könnte zu einer unüberwindbaren Hürde werden.
Kann es Ziel des Schulsystems sein, dass die Schüler bald die Matura in der Tasche haben, aber psychisch ausgepowert sind, unter Ängsten und psychosomatischen Symptomen leiden und an ihren Fähigkeiten zweifeln? Kann es sein, dass die Eltern als Therapeuten herhalten müssen, damit sie die Kinder motivieren, durchzuhalten und verhindern helfen, dass sie an diesem System zerbrechen? Einer stabilen Persönlichkeitsentwicklung ist dies nicht zuträglich.
Nun kommt noch dazu, dass unsere Kinder ohnedies selbst einen hohen Anspruch haben, perfekt sein wollen, da sie von klein auf lernen, wer nichts leistet, hat verloren; Ihnen wird eingebläut, dass ohne gute Noten Arbeits- und Perspektivenlosigkeit drohen. Aber was sind unter den gegebenen Bedingungen die Noten und die Matura noch wert?
Das Schulsystem und die Gesellschaft muss sich ändern. Die Schüler sind keine Maschinen! Nicht perfekte Leistungen und gute Noten machen den Menschen wertvoll und für die Berufswelt tauglich, sondern ihre Motivation, sowie soziale und persönliche Kompetenz.
In diesem Sinne wünsche ich den Maturanten, dass sie den Glauben an ihre Fähigkeiten nicht verlieren, dass sie durch ihre Erfahrungen wachsen und dass die Erinnerungen an die unbeschwerte Schulzeit überwiegen.
Maria Leibetseder, Psychologin
Rohrbach-Berg


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