Tips-Bericht schlug hohe Wellen: Aus „Bertas Flachs“ wird nun eine Gilde

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Petra Hanner Tips Redaktion Petra Hanner, 25.01.2022 18:45 Uhr

JULBACH. Ein knappes Jahr ist es her, dass Tips von Christiane Seufferlein berichtete, die von Julbach aus alten Mühlviertler Flachs und Leinen in alle Welt verschickt (zum Bericht). Was mit dem Inhalt der Aussteuertruhe von Berta Pumberger-Windhager aus Niederkappel begann, hat sich zu einem weltumspannenden Netzwerk entwickelt, das noch weiter intensiviert werden soll.

Nach dem Tips-Bericht über „Bertas Flachs“ haben sich fast 80 Personen bei Christiane Seufferlein gemeldet, die auch noch textile Schätze zuhause hatten. „Das ist seither voll durch die Decke gegangen“, freut sich die Bewahrerin alten Textilhandwerks, die auch als Handspinnerin und Färberin tätig ist.

An die 800 Pakete mit insgesamt gut zwei Tonnen altem Leinen und „Hoar“, also handgehecheltem Flachs, haben bisher schon ihr Haus in Julbach verlassen und gingen rund um den Globus – von Kanada bis Neuseeland, von Japan bis Amerika. Textilliebhaber aus aller Welt, Künstler, Museen oder auch ganz normale Hausfrauen, die des Flachsspinnens noch mächtig sind, reißen sich um diese Stücke Mühlviertler Textilgeschichte und verarbeiten sie auch zum großen Teil weiter. Versendet werden diese entweder kostenlos gegen Portogebühr oder gegen eine geringe Aufwandsentschädigung. „Es geht ja nicht um große materielle Werte, die hier zusammenkommen. Der ideelle Wert ist nicht mit Geld aufzuwiegen und die Bewahrung dieses Teils der Mühlviertler Identität ist mein großes Anliegen“, so Seufferlein.

Nachfrage wächst

Die „Baumwolle des Mühlviertels“ hat auch in der Arbeit der Textilhandwerkerin einen großen Raum eingenommen. Seufferlein, die von ihren Textil- und Färberkursen lebt, konzentriert sich derzeit stark auf das Material und gibt Flachsspinnkurse, da die Nachfrage gerade stark wächst. „Ich durfte auch an der Universität für angewandte Kunst in Wien bereits einen solchen Kurs abhalten. Die Studenten kommen im Mai zu mir nach Julbach und wir besuchen unter anderem eine der Flachs-Frauen, die von früher erzählen wird“, sagt Christiane.

Späte Wertschätzung

Das Projekt „Bertas Flachs“ soll sowohl technisches Wissen als auch Erinnerungen an ein Leben anno dazumal bewahren, denn fast keiner weiß heute mehr, was die Frauen früher damit geleistet haben. Sie haben den Flachs bearbeitet und zu Zöpfen gedreht, ihn gesponnen, verwebt und daraus Kunstwerke in feinster Handarbeit gefertigt. Ein Mädchen hat schon mit sieben, acht Jahren begonnen, an ihrer Aussteuer zu arbeiten. Hat von ihrer Mutter Sticken, Nähen, Spinnen gelernt und das künftige Heiratgut zusammengestellt, oft in kunstvoll gestalteten Holztruhen.

„Diese Truhen wurden aber nur dann gebraucht, wenn die Frauen auch heirateten. Ansonsten blieben sie manchmal bis ans Lebensende unangetastet. Was müssen da für Emotionen drinstecken, wenn eine Frau dann vielleicht doch keinen Mann gefunden hat? Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, gibt Seufferlein zu bedenken. Und so investiert sie bei der Abholung der Schätze gerne auch Zeit in den Austausch mit den kundigen Damen, die beim Erzählen oft glänzende Augen bekommen – oder von der Erinnerung an das harte, entbehrungsreiche Leben noch einmal übermannt werden. „Für sie ist es oft auch unglaublich, dass sie nach so langer Zeit noch so eine große Wertschätzung für ihre Arbeit bekommen. Allerdings sind nur noch wenige Frauen übrig, die das noch selbst gemacht oder von ihren Müttern gesehen haben. Deshalb ist es mir wichtig, mit ihnen zu sprechen, ihre Geschichten zu bewahren und weiterzuerzählen. Irgendwann wird keine mehr übrig sein, die ihr Wissen weitergeben könnte und die Zeit wird immer knapper“, sorgt sich die Julbacherin.

„Bertas Flachs“ wird zur Gilde

Deshalb ist sie gerade dabei, den Verein „Bertas Flachs“ zu gründen, eine internationale Spinngilde nach britischem Vorbild. Es soll nicht nur die alte Technik über Spinnkurse weitergegeben werden, sondern auch die Frauen und ihre Geschichten werden in verschiedensten Formen wie Filmen oder Büchern weiterleben dürfen. „Aktuell bin ich noch am Ausloten diverser Kooperationen und Fördermöglichkeiten. Ich würde mich auch über helfende Hände freuen, die mich mit unterschiedlichen Fähigkeiten unterstützen – sei es, die Geschichten meiner Flachs-Frauen filmisch festzuhalten oder auch auf jede andere erdenkliche Weise.“

Und damit noch viele solcher Geschichten und Textilschätze für die Nachwelt erhalten bleiben, freut sich Christiane Seufferlein nach wie vor über altes Aussteuerflachs oder auch altes Leinen in jedwedem Zustand, das den Weg zu ihr findet. Noch mehr aber ist es der Geschichtenschatz, der sie fasziniert und den sie um jeden Preis mit ihrem Projekt retten möchte.

Wer alte Textilschätze oder auch „nur“ Geschichten von früher weitergeben möchte, kann sich an Christiane Seufferlein unter Tel. 0680/2476272 oder office@faserundfarbe.at wenden.

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