Steyrer Ökonom über Klimawandel: „Radikale Änderungen sind dringlich“

Angelika Mitterhauser Angelika Mitterhauser, Tips Redaktion, 25.06.2019 08:40 Uhr

STEYR. Klimawandel und Wirtschaftswachstum bilden das bedeutendste Spannungsfeld der Gegenwart. Tips interviewte dazu den 36-jährigen Steyrer Jakob Kapeller: Er lehrt Sozioökonomie an der Uni Duisburg-Essen und leitet an der Kepler-Uni Linz das Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft.

Tips: Der Klimaschutz ist spätestens seit dem Appell der 16-jährigen Greta Thunberg in aller Munde. Inwiefern beobachten Sie das?

Jakob Kapeller: Die erhöhte Aufmerksamkeit für den Klimawandel ist sehr erfreulich und der Versuch einer „Rettung in letzter Sekunde“: Der Ruf der jungen Generation nach radikalen Änderungen ist wissenschaftlich berechtigt und zeitlich dringlich. Gemessen an den praktischen Folgen ist die globale Erwärmung die entscheidende Zukunftsherausforderung, wurde aber in den letzten Jahren nicht demgemäß diskutiert. Wir haben uns wohl zu sehr von weniger entscheidenden Themen wie Zuwanderung oder der angeblichen Schwäche unserer Wirtschaft ablenken lassen.

Sind wirtschaftliches Wachstum und Umweltschutz vereinbar?

Bis zu einem gewissen Grad natürlich: wenn etwa im Bereich der Energieversorgung neue, nachhaltigere Produkte entstehen und ältere Technologien verschwinden. Langfristig sind aber die Grenzen unseres Planeten maßgeblich. Vor allem die reichen Länder beanspruchen weit mehr Ressourcen als eigentlich vorhanden sind, während die armen Länder die ökologischen Grenzen wesentlich besser einhalten. Das zeigt, dass langfristig durchaus ein Spannungsfeld zwischen Wachstum und Umwelt besteht. Wir müssen völlig neue Wege finden, um Wohlstand mit einer nachhaltigen Lebensweise zu vereinen. Kleine Weichenstellungen werden nicht ausreichen.

Was ist in den letzten Jahrzehnten ökonomisch Prägendes passiert?

Neben dem Klimawandel ist das zunächst die Globalisierung: Große Firmen oder Inhaber großer Vermögen können dank der Mobilität des Kapitals einfach immer in jene Länder gehen, die für sie rechtlich die größten Vorteile bieten. Weiterer Trend ist die steigend ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen. In den Jahren 1989 bis 2008 – in denen die Globalisierung besonders zugenommen hat – ging knapp über die Hälfte des weltweiten Wirtschaftswachstums an die reichsten zwei Prozent der Weltbevölkerung. Diese Entwicklung ist ökologisch und auch sozial langfristig nicht tragfähig.

Welche Auswirkungen hat all das auf eine oö. Kleinstadt wie Steyr?

All dies ist auch im Kleinen sichtbar: In Steyr stehen nach wie vor viele Industriebetriebe. Was dort passiert – ob etwa die Standorte abgebaut oder Investitionen getätigt werden –, wird nicht mehr in Steyr entschieden, sondern in München, Göteborg oder London. Auch die steigende Ungleichheit ist bei uns klar sichtbar – etwa im Lohngefälle zwischen Stadt und Land oder der Kluft zwischen den Beschäftigten im Industrie- und jenen im Dienstleistungssektor.

Welche Lösungen bietet hier die Wissenschaft?

Neben klaren Analysen kann sie Vorschläge zur Problembewältigung liefern. Die Frage ist, ob nüchterne Analysen und sachlich korrekte Lösungsvorschläge von den Mächtigen gehört werden. Die oberösterreichische Industriellenvereinigung etwa hat mir vor einigen Monaten im persönlichen Gespräch signalisiert, dass sie nicht über Ungleichheit, Globalisierung und Klimawandel reden will, weil das schlecht für das Geschäft wäre. Das kann ich freilich verstehen, halte es aber für sehr kurzsichtig und rücksichtslos gegenüber den kommenden Generationen und all jenen, denen es weniger gut geht. 

Sind in einer Industriestadt wie Steyr für die Zukunft große wirtschaftliche und soziale Umwälzungen zu erwarten?

Steyr ist global betrachtet ein Hochlohn-Standort. Die Logik der Globalisierung besagt, dass Steyr als Industriestandort weiter unter Druck kommen wird – insofern untergräbt die Globalisierung zum Teil den typischerweise hohen Lebensstandard der westlichen Länder. In Steyr verschafft das starke Know-how in den Betrieben zurzeit noch einen Wettbewerbsvorteil. In den USA oder Großbritannien, wo das Know-how nicht so groß ist, bemerkt man diesen Unterschied direkt am Wahlverhalten: Der Brexit oder die Wahl Donald Trumps in den USA sind leicht erklärbar. In beiden Fällen wurde der Frust der Menschen gezielt angesprochen, um Wählerstimmen zu lukrieren – leider ohne echte Lösungen zu präsentieren.

Und dann ist da noch die Sorge um eine Entmenschlichung der Arbeit: Maschine versus Mensch.

In der Geschichte gab es immer wieder die Sorge, dass maschinelle Automatisierung die menschliche Arbeit verdrängt. Das ist teils auch korrekt – sonst wäre es nie möglich gewesen, die Arbeitszeit im 20. Jahrhundert von über 80 auf knapp 40 Wochenstunden zu verkürzen. Man sieht, dass es hier politischer Steuerung bedarf, da sonst die Arbeitslosigkeit steigt. Und da Arbeitszeitverkürzungen in Österreich seit über 40 Jahren keine parlamentarischen Mehrheiten finden, kommt auch unser Arbeitsmarkt immer stärker unter Druck.

Was kommt auf die junge Generation zu?

Akzeptieren wir, dass Klimawandel, Globalisierung und Ungleichheit die zentralen Probleme sind, ist es einfach, entsprechende Lösungen zu finden. Dazu zählen die langfristige Sicherung der natürlichen Lebensgrundlage der Menschen, eine stärkere politische Steuerung der Globalisierung für mehr Gerechtigkeit sowie die Teilhabe aller Menschen am wachsenden Wohlstand – auch gerne durch mehr Freizeit. Eine solche Strategie bringt Vorteile für die allermeisten Menschen und die Generationen unserer Kinder, hat aber auch mächtige Gegner in jenen, die von der gegenwärtigen Situation profitieren.

 

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