Krebs und die Pandemie: „Unglaublich herausfordernde Zeit“
STEYR. Esther Sandrieser-Hubich aus Gleink ist die neue Beraterin der Krebshilfe OÖ in Steyr. Wie es Menschen mit schwerer Erkrankung in Zeiten von Covid-19 geht, beantwortete sie Tips gemeinsam mit Vorgängerin Monika Reiter-Manzeneder.

Tips: Was war Ihre Motivation, als Gesundheitspsychologin in die Krebshilfe zu gehen?
Esther Sandrieser-Hubich:Die Diagnose Krebs katapultiert Betroffene von einer Sekunde auf die andere in eine fremdartig, chaotisch, beengend und bedrohlich wirkende Welt. Die Psychologie bietet Werkzeuge, um in ihr Leben wieder Ordnung zu bringen – unabhängig davon, ob die Erkrankung vorübergeht, zum ständigen Begleiter wird oder den Tod bedeutet. Mich motiviert, Betroffene wertschätzend und professionell zu unterstützen.
Tips: Was bedeutet die aktuelle Covid-Situation für Menschen mit schwerer Erkrankung?
Sandrieser-Hubich: An Krebs zu erkranken ist an sich schon ein massiver Einschnitt ins Leben und konfrontiert uns mit Endlichkeit und Verletzlichkeit. Corona legt noch ein Schäufchen nach. Von Krebs betroffene Patienten sind ohnehin sensibel in Bezug auf ihre körperliche und seelische Gesundheit: Das Immunsystem kann durch die Behandlungen geschwächt sein, Kontakte mit Vertrauten sind eine wichtige Stütze.
Tips: Was sind derzeit die größten Sorgen von Krebspatienten?
Monika Reiter-Manzeneder: Diese Zeit ist für Patienten und ihre Angehörigen generell unglaublich herausfordernd: Die Sorge um die Impfung neben der Einnahme von Medikamenten verunsichert ebenso wie die Angst vor der Ansteckung mit Corona aufgrund des geschwächten Immunsystems. Es kommen Fragen auf wie: Soll man sein Kind, das unter dem Distanzunterricht leidet, in die Schule schicken, obwohl die Gefahr besteht, dass es die krebskranke Mutter ansteckt? Oder: Kommt das Ergebnis des PCR-Tests für die notwendige Chemotherapie rechtzeitig? Oder: Wo bekomme ich eine Schmerztherapie, wenn körpernahe Dienstleister im Lockdown sind ...
Tips: Kürzlich scheiterte die Operation eines schwer an Krebs erkrankten Oberösterreichers wegen mit Covid-Patienten belegter Intensivbetten. Wie sehr nimmt einen das vor dem Hintergrund der eigenen Tätigkeit mit?
Sandrieser-Hubrich:Dieser tragische Fall – ein Szenario, vor dem Ärzte und Pflegepersonal seit Monaten warnen – zeigt, wie wichtig es ist, die Mahnungen ernst zu nehmen und gemeinsam alles zu tun, um solche Situationen zu verhindern. Das medizinische Personal tut alles Menschenmögliche, um Patienten bestmöglich zu versorgen – davon sind wir überzeugt. Ein Urteil über diesen speziellen Fall, der uns sehr betroffen macht, maßen wir uns nicht an. Wir können nur hoffen, dass die Verantwortlichen daraus lernen und für das schon vor der Krise an seinen Grenzen arbeitende Gesundheitspersonal bessere Rahmenbedingungen schaffen.
Tips: Was ist Ziel Ihrer Arbeit?
Sandrieser-Hubich:Gerade jetzt sehen wir, was es bedeutet, wenn die eigene körperliche, psychische und soziale Gesundheit bzw. Unversehrtheit bedroht wird, mitunter sogar massiv. Menschen mit der Diagnose Krebs erleben genau das. Wir möchten Betroffenen helfen, sich in ihren (Lebens-)Räumen wieder orientieren und einen Ort der Zuversicht und Geborgenheit schaffen zu können.
Tips: In welcher Phase befinden sich die Menschen, wenn Sie professionelle Hilfe suchen?
Sandrieser-Hubich: Die Beratungsstellen der Krebshilfe sind eine Brücke zwischen der Versorgung im Krankenhaus und der psychologischen Behandlung im niedergelassenen Bereich. Die meisten Klienten kommen kurz nach der Diagnose zu uns. Die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die eigenen Ängste und Unsicherheiten offen zu legen und Hilfestellungen zu bekommen, spielt eine große Rolle. Aber auch Familienmitglieder, Freunde und Kollegen können sich an uns wenden.
Tips: Wie viele Menschen nutzen aktuell Ihre Beratung?
Sandrieser-Hubich: Derzeit werden rund acht bis zehn Stunden pro Woche in der Beratungsstelle beansprucht. Unsere Beratungen sind über Spenden finanziert und daher für Betroffene und Angehörige kostenlos. Zusätzlich legen wir großen Wert auf die Vorbeugung von Krebserkrankungen und bieten auch hier Unterstützung an.
Tips: Welche Themen werden behandelt?
Reiter-Manzeneder: Die Beratungen kreisen um die Erkrankung, berühren aber viele andere Lebensbereiche wie die finanzielle Situation, die Sicherheit des Arbeitsplatzes, Beziehungen bis hin zum Lebenssinn sowie Trauer und Abschied. Wir sehen unser Gegenüber in seiner Ganzheit – daher haben alle Themen Platz.
Tips: Gespräche können derzeit nur online und telefonisch stattfinden. Was bedeutet dieser Abstand für die Begleitung?
Sandrieser-Hubich: Wichtig ist: Wir können trotz der aktuellen Umstände miteinander in Kontakt kommen. Die Betroffenen müssen keine Wege auf sich nehmen und sich dabei einem Infektionsrisiko aussetzen. Es ist immer eine Sache des Blickwinkels – auch wenn wir hoffen, bald wieder mehr persönliche Kontakte anbieten können.
KONTAKT:
Krebshilfe Oberösterreich - Beratungsstelle Steyr, Redtenbachergasse 5 (Rotes Kreuz): Gesundheitspsychologin Esther Sandrieser-Hubich, Termine: Tel. 0664/9111029, E-Mail: beratung-steyr@krebshilfe-ooe.at
Beratungsgespräche werden aktuell telefonisch und online angeboten (kostenlos, anonym).


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