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Sensationsfund in Tschechien: Steyrer Stadtansicht von 1548 entdeckt

Robert Hofer, 17.04.2024 06:59

STEYR. Unweit von Brünn wurde die bisher älteste Steyrer Stadtansicht aus dem Jahr 1548 gefunden. Sophie Morawitz (Kunsthistorikerin an der Universität Wien) und Zdeněk Vácha vom tschechischen Denkmalamt berichten über den Sensationsfund.

Das Bild zeigt Steyr von der Ennsleite aus und gibt viele Details der frühneuzeitlichen Stadt wieder. (Foto: Martin Ku?era)
photo_library Das Bild zeigt Steyr von der Ennsleite aus und gibt viele Details der frühneuzeitlichen Stadt wieder. (Foto: Martin Ku?era)

Auf der Burg Pernštejn in Mähren aus der Mitte des 15. bis 16. Jahrhunderts befindet sich ein bemerkenswertes Tafelbild, auf welchem 23 Personen vor einer Stadtvedute (wirklichkeitsgetreue Darstellung) zu sehen sind. Darüber thront der Gottvater mit der Taube des Heiligen Geistes auf Wolken.

Anhand der Analyse der Vedute, der Identifikation der im unteren Abschnitt wiedergegeben Wappen und der angeführten Jahreszahl 1548 kann man heute eindeutig sagen, dass es sich um ein Familienbild handelt, das der Steyrer Bürger Coloman Dorninger (1522 bis 1525 und 1531 Stadtrichter, gestorben 1552) von sich, seiner damals bereits verschiedenen Gattin Martha Trodl, seiner zweiten Frau Anna Oefferl sowie von seinen 20 Kindern anfertigen hat lassen.

Wahrscheinlich ist das Gemälde das einzige erhaltene Gruppenporträt einer Steyrer Patrizierfamilie aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. In dieser speziellen Gattung des Repräsentationsporträts wurden lebende und tote Familienmitglieder wieder vereint. Da das Bild zu Dorningers Lebzeiten entstand, kann es eine klare Aussage in Hinsicht auf seine Familiengeschichte geben, ist aber auch eine einmalige heraldische Ressource, da die 1740 abgedruckten „Annales Styrenses“ zum Teil bereits veränderte Versionen des Dorningerischen und Oefferlischen Wappens wiedergeben.

Älteste Stadtansicht von Steyr

Auf der hinter dem roten Personenbaldachin dargestellten Vedute ist zweifelsfrei die Stadt Steyr mit umschließender Berglandschaft zu erkennen, wobei links vor allem die Pfarrkirche Hl. Ägidius und Koloman (Stadtpfarrkirche) sowie rechts die Styraburg (heutiges Schloss Lamberg) ins Auge stechen.

Dabei ist der von der Ennsleite wiedergegebene Blick auf die Stadt so detailliert, dass viele Fakten zu ihrem Aussehen zwischen dem Großbrand von 1522 und dem ebenso verheerenden Hochwasser von 1572 geschöpft werden können.

Neben der Pfarrkirche sind der Pfarrhofkomplex mit der angrenzenden Margaretenkapelle und der ebenfalls auf dem Friedhofsareal befindlichen Truentenkapelle (spätestens 1820 abgerissen) klar zu erkennen.

Darüber hinaus ist ganz links die vor der Errichtung des Neutores am Südende des Grünmarktes existierende Bastei „bey der Ennß“ – bestehend aus Tor und Brücke – zu sehen, aber auch die zum Schutz der inneren Stadt erbaute Mauer entlang des linken Ennsufers und das diese durchbrechende ehemalige Dominikanerkloster samt Kirche.

Bemerkenswerte Details

Der rechte Bildausschnitt gibt die weitläufige Anlage der Styraburg wieder. Unterhalb der Burg lässt sich die bereits erwähnte Ennsmauer über die Bastion beim sogenannten Hirschenhaus (Stadtplatz 13) bis zum Torturm an der unteren Ennsbrücke verfolgen. Die Materialhaufen am Ufer und die zahlreichen Flöße mit Waren verdeutlichen die wichtige Rolle der Stadt als Produktions- und Handelszentrum

Auffällig gestaltet sich jedoch, dass mehrere der beim Brand schwer beschädigten Gebäude (wie der Pfarrhof, das obere Ennstor und das Dominikanerkloster), von denen angenommen wird, dass sie erst im 17. Jahrhundert erneuert worden waren, bereits wieder in Stand gesetzt erscheinen.

Wie kam das Tafelbild nach Mähren?

Die Burg Pernštejn war einst der Sitz des gleichnamigen Adelsgeschlechts. Dieses zählte im 16. Jahrhundert zu den reichsten böhmischen Geschlechtern, musste die Burg aber bereits im Jahre 1596 veräußern. Im Burg-Inventar von 1863 findet man den ältesten Beweis für die Existenz des Tafelbildes.

Wie dieses Bild auf die Burg gekommen ist, hängt wahrscheinlich mit der steyrischen Handelsfamilie Schröffl zusammen, die ab 1793 im Besitz des Anwesens war: Sie pflegte familiäre Beziehungen zur ebenfalls aus Steyr stammenden Familie Mann (von dem die Schröffls auch das Prädikat „von Mannsperg“ ableiteten), welche wiederrum mit den Dorningern verschwägert war.

 

 

 


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